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Mein Einzelwelli

Mein Einzelwelli ist glücklich, oder?

Vor knapp vier Jahren bekam ich meinen ersten eigenen Wellensittich, für den ich ganz alleine sorgen durfte. Ich bekam von meinen Stief-Großeltern einen Käfig geschenkt, 40 cm x 20 cm. Ich richtete ihn schön ein, mit Plastikstangen, einer Plastikschaukel und selbstverständlich einem Spiegel. Er bekam jeden Tag eine frische Hirsestange rein und ich kaufte ihm viele verschiedene Knabberstangen aus dem Zoogeschäft. Ich lies ihm drei Stunden Freiflug in der Woche, am Wochenende den ganzen Tag. Ich freute mich und amüsierte mich darüber, wie er mit dem Spiegel spielte, wie er immer wie wild mit dem Schnabel dagegen stieß. Anfangs flog er immer sehr gerne seine Runden. Ich setzte mich immer für eine Stunde Abends vor seinen Käfig und brachte ihm das Sprechen bei. Aber anscheinend war er dazu überhaupt nicht begabt, er bekam kein Wort heraus. Es war mir so peinlich. Ein Wellensittich MUSS doch sprechen können, was soll ich denn machen, Kiwi bringt es nicht? Ich habe mich geschämt. Das Einzige, was er konnte, waren Melodien nachpfeifen. Bald konnte er mein Handy perfekt imitieren.

Irgendwann fuhren wir für drei Wochen nach Norwegen und ich gab meinen Wellensittich zu meinen Stief-Großeltern. Sie waren der Meinung, dass er sich in dieser Wohnung nicht zurechtfinden würde - also drei Wochen nur im Käfig. Mir machte es nichts aus, warum auch, er würde es überstehen. Natürlich stellten sie ihn in die Küche mit rein, wie jeden Wellensittich, sie gehören nun mal in die Küche. Wohin denn auch sonst?

Ich habe ihn diese drei Wochen wahnsinnig vermisst. Dementsprechend froh war ich auch, als wir wieder zu Hause ankamen. Ich ging sofort zu ihm und hörte nicht auf den Rat meiner Mutter, das Handtuch beim Transport über den Käfig zu legen. Ich war so voller Freude, dass ich mit dem Käfig gegen unser Tor stieß, der Käfig ging auf, und ehe ich’s mir versah, war mein Wellensittich weggeflogen. Niemand machte mir Hoffnungen, dass ich ihn je wieder sehen würde. Doch das Schicksal wollte uns anscheinend noch mal eine Chance geben. Eine nette Familie bei denen er durchs Fenster geflogen war, brachte ihn ins Tierheim. Ich arbeitete damals ab und an mal dort und eine Bekannte sagte mir dann zwei Wochen später Bescheid das da einer abgegeben wäre der aussehen würde wie meiner. Und er war es wirklich!! Er sah total zerzaust aus, hatte kaum mehr eine ordentliche Feder und war sehr schreckhaft und verängstigt. Seine Zahmheit war mit einem Schlag weg, er war ängstlich wie noch nie. Er flog nicht mehr. Anscheinend hatte er Angst den Käfig zu verlassen.

In dieser Zeit hatte ich mich im Internet über Wellis informiert - das erste Mal - nach einem Jahr Wellensittichhaltung. Ich nahm die Plastikstangen raus, den Spiegel, und gab ihm Äste rein. Das alles verängstigte ihn noch mehr. Von da an verließ er nie wieder den Käfig. Ich konnte machen was ich wollte.

Gemeinsam ist man mutiger

Von diesem Augenblick an überredete ich meine Eltern dazu noch einen Zweiten zu kaufen. Sie sagten immer wieder Nein, brachten die dämlichsten Argumente ans Tageslicht, die ich je gehört hatte:
“Zwei Vögel machen so viel Dreck, ich würde ja so schon Schwierigkeiten haben mein Zimmer sauber zu halten. Was ist mit dem Lärm? Weißt du, wie laut die werden?”
“Du weißt aber schon, dass er dann nicht mehr zahm ist, das kannst du dann vergessen. Er wird dann für immer scheu sein und sprechen wird er auch nicht mehr.”
“Wozu um Himmels willen brauchst du einen zweiten Vogel?? So etwas Sinnloses. Jahrzehntelang haben Wellensittiche auch alleine überlebt, ich hatte nur Einzelwellis und sie waren ALLE glücklich.”
Da ich mich aber informiert hatte, konnte ich auch immer wieder ein Gegenargument bringen:
“Ja, zwei Vögel machen etwas mehr Dreck als einer. Aber ob man nun den Dreck von einem wegwischt oder von zweien, macht keinen Unterschied. Außerdem wäre es doch eine gute Gelegenheit, mein Zimmer öfter aufzuräumen und so ordentlich zu halten. Ein Wellensittich alleine macht viel mehr Lärm als zwei. Denn wenn er alleine ist, schreit er öfter, um seine Artgenossen herbeizurufen. Wenn aber einer da ist, zwitschern sie viel öfter leise vor sich hin und schreien nicht mehr so viel. Wozu brauche ich einen zahmen Wellensittich? Es macht auch Spaß ihnen einfach so zuzuschauen, wie sie untereinander spielen. Ein Wellensittich ist ein Tier und kein Spielzeug, was ich nach meinen Vorstellungen formen kann, wie ich will. Dasselbe gilt für das Sprechen.”

Kraulst du mich - kraul' ich dich

Ich bezweifle wirklich, dass deine Wellensittiche glücklich waren. Ja, vielleicht hast du gedacht sie sind glücklich, weil sie sich mit ihrem Spiegelbild unterhalten, weil sie es füttern und sich Nacht für Nacht an ihren Plastikfreund kuscheln. Vielleicht hast du gedacht du machst sie glücklich, wenn du sie kraulst mit deinen, für sie, dicken, groben Finger, der niemals so zärtlich sein kann wie ein Wellensittichschnabel. Vielleicht fandest du, dass sie glücklich aussahen, als du sie stolz auf deiner Schulter durch die Wohnung getragen hast und sie sich manchmal ganz dicht an sich gekuschelt haben, weil sie keinen anderen Partner hatten, der ihnen die Angst vor der Dunkelheit nimmt. Aber du hast niemals gesehen, wie zwei Wellensittiche aussehen, die wirklich glücklich sind. Wie sie zusammen auf der Schaukel sitzen, sich nebeneinander kuscheln und sich leise etwas zuzwitschern, um sich zu vergewissern, dass er andere noch da ist. Wie sie tagsüber das Zimmer erkunden, mit dem Glöckchen spielen oder einfach nur zuschauen wie die Rinde, die sie von einem Zweig abgenagt haben, auf den Boden fällt. Wie sie sich gegenseitig beim Putzen helfen, an Stellen, wo der Vogel alleine nicht hinkommt. Wie sie sich gegenseitig Mut machen, dieses neue Gemüse, was so furchtbar Grün aussieht, zu probieren. Nein, das hast du niemals gesehen. Von daher weißt du auch nicht, wie ein Wellensittich aussieht, der wirklich glücklich ist.

Meine Eltern fuhren bald darauf für drei Wochen in den Urlaub, während ich mit Freunden wegfuhr. Ich brachte meinen Wellensittich zu Bekannten, die ein Pärchen hatten. Da wir keine kompletten drei Wochen im Urlaub waren, hatte ich noch ein wenig Zeit, sodass ich bis nachmittags zu den Bekannten ging. Und es brach mir jedes Mal das Herz. Mein Wellensittich war wie ausgewechselt, er spielte, tollte rum und quatschte mal wieder, wie er es lange nicht mehr tat. Er hüpfte auf dem Käfig hin und her als müsse er alles an Bewegung nachholen, die er in letzter Zeit versäumt hatte. Er stritt sich mit den anderen um das Futter, stachelte sie immer wieder dazu an, zu fliegen, er tanzte mit ihnen regelrecht um den großen grünen Plastikball, der auf dem Käfig lag. Ich nervte meine Mutter per SMS, schickte ihr Bilder von den Vögeln, doch sie reagierte nicht. Als sie endlich wieder zu Hause waren, schleppte ich sie dann mit zu den Bekannten, was ihr dann wohl den letzten Stoß gegeben. Sie war fasziniert davon, so etwas hätte sie noch nie gesehen. Aber mein Kleiner musste auch da wieder weg und sofort verfiel er in das alte Verhaltensmuster: still, reglos, nur im Käfig sitzend. Er fraß wenig, er sagte nichts mehr, schaute nur teilnahmslos drein und ließ sich zu nichts animieren.

Lass' uns schmusen

Jetzt habe ich einen zweiten Wellensittich dazubekommen und mein Kleiner hat eine 180°-Wendung gemacht. Er ist jetzt immer der Erste, der aus dem Käfig stürmt, er ist mutig geworden, er stürzt sich immer als Erster an Neues zu fressen, egal ob es grün oder rot ist. Er ist immer so aufgedreht, dass man wirklich in Deckung gehen muss, sobald er draußen ist. Er putzt sich wieder ausgiebig, badet, was er noch nie gemacht hat und schimpft den halben Tag sehr laut rum. Man sieht im an, dass es ihm viel besser geht. Er hat sein Trauma, drei Jahre Alleinsein, sehr gut überstanden. Er ist jetzt wieder der Wellensittich geworden, den ich kenne, wie der früher war. Und ich hoffe, er bleibt es auch noch sehr lange. Seit diesem Zeitpunkt ist aber seine erste Partnerin verstorben und ich bin auf noch einen Wunsch von ihm eingegangen: Ich habe ihn ein Männchen an seine Seite geholt. Schon als er bei den Bekannten war, fühlte er sich zu dem Männchen hingezogen. Und seitdem blüht er immer mehr auf. Ich dachte wirklich, es gäbe keine Steigerung mehr. Aber da habe ich mich geirrt. Ich bin nun der Meinung das Einzelhaltung Tierquälerei ist, nur mit mindestens zwei Wellensittichen lernt man die wahre Natur dieser Tiere kennen. Und außerdem sollten wir Menschen auch von unserem Weltbild absehen: Weibchen und Männchen gehören zusammen. Meine Hähnchen lieben sich, na und? Er fühlt sich pudelwohl mit seinem männlichen Gefährten und das ist es, was zählt.

Es tut mir leid, Kiwi, für die ersten drei Jahre. Ich kann es nicht mehr rückgängig machen, doch ich habe ein schlechtes Gewissen und schäme mich für meine Sturheit damals. Ich hoffe, du bist jetzt glücklicher …

Von Tina (Forumsnick:"Gummibär")