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Interview mit Dr. Immanuel Birmelin

am Freitag, den 17.07.2009, geführt von Feli, Regionalleiterin Baden

Dr. Birmelin in seiner Voliere

Am Freitag, den 17.07.2009 war es soweit. Der Freiburger Verhaltensbiologe und Tierfilmer Dr. Immanuel Birmelin hatte sich gerne bereit erklärt mir Fragen rund um das Thema Wellensittiche zu beantworten. In seiner Doktorarbeit erforschte er das Schlupfverhalten von Wellensittichen und beherbergt in seiner Außenvoliere noch immer eine kleine Schar der munteren Gesellen, ohne momentan zu züchten.
Dr. Birmelins Publikationen zu Wellensittichen (u. anderen Tieren) tragen schon seit vielen Jahren dazu bei, über artgerechte Haltung zu informieren, wobei er ihnen einen besonderen Platz einräumt.

Felicitas: Wie weit ist die „Erforschung“ der wildlebenden Wellensittiche, welche Erkenntnisse ergeben sich daraus für die private Vogelhaltung?

Dr. Birmelin (in sympathischem badischen Dialekt): Die Forschung über die freilebenden Wellensittiche ist in den letzten Jahren zurück gegangen...Was ich aber sagen kann ist, dass natürlich immer noch ein Zusammenhang der ökologischen Beziehungen, innerhalb der sich die freilebenden Wellensittiche bewegen und den Wellensittichen hier, besteht. Die Vögel müssen in Australien große Wegstrecken auf der Suche nach Nahrung und Wasser zurück legen, und um auf Ihre Frage zurück zu kommen: Wellensittiche brauchen Bewegung, Bewegung, Bewegung und - so wie es auch in Ihrem Flyer steht - unbedingt einen oder mehrere Partner. Den Vogel in einem kleinen Käfig zu belassen, ohne Freiflug, das ist eine Qual für die Vögel, sie langweilen sich; Langweile ist Gift für die gescheiten Vögel. Selbst die zurzeit vermehrt im Handel angebotenen teuren Kleinvolieren – sie sind sicher eine Verbesserung zu den früheren kleinen Käfigen – aber ohne mehrstündigen Freiflug sind sie wertlos. Der Wellensittich muss fliegen können, auch längere Strecken im Zimmer oder in der Außenvoliere, um körperlich und geistig fit zu bleiben. Wellensittiche können sich hervorragend im Raum orientieren, aber sie benötigen halt die Freiheit, das auch erlernen zu können.

Felicitas: Konnten Sie bereits Erfahrungen mit der Vergesellschaftung von Einzelvögeln in einen größeren Schwarm machen?

Dr. Birmelin: Ja – und in der Regel ist das auch kein Problem. Sicherlich benötigt es eine gewisse Zeit, bis sich die Tiere in den Schwarm einfinden.

Felicitas (Zwischenfrage): Gibt es so was wie eine Rangordnung unter Wellensittichen?

Dr. Birmelin: Nein, bei Wellensittichen gibt es keinen “Gruppenchef”, wie das beispielsweise bei Primaten der Fall ist. Es gibt sicher Streitigkeiten um Futter und Lieblingsplätze, und der “Stärkere” setzt sich in der aktuellen Situation durch, aber nicht im Sinne, dass ein einzelner Vogel den ganzen Schwarm dominiert und führt.

Felicitas: Als Tierschutzverein sind wir Anlaufstelle für Hilfesuchende. In der Vergangenheit stellten wir fest, dass wir vermehrt zu Krankheitsfragen konsultiert wurden. Die Verbreitung von Megabakteriose und PBFD nimmt nach unserer Wahrnehmung in stark erhöhtem Maß zu. Nehmen Sie das auch so wahr, bzw. können Sie dies bestätigen?

Dr. Birmelin (nachdenklich): Schwierig, da jetzt eine Aussage zu treffen, vielleicht so viel: die Untersuchungsmethoden sind heute – so wie in der Humanmedizin auch – präziser geworden. Viele Krankheiten blieben früher unentdeckt, waren noch nicht erforscht.

Felicitas: Sehen Sie Chancen, dass in der Bundesrepublik Deutschland in naher Zukunft, ähnlich wie in der Schweiz, ein Gesetz gegen die Einzelhaltung von Wellensittichen erlassen wird? Welche Möglichkeiten sehen Sie, diesen Prozess zu beschleunigen?

Dr. Birmelin: Ich sehe da keine so guten Chancen – aus vielerlei Gründen. Das eine ist, dass Wellensittiche nicht mehr so beliebt in der Heimtierhaltung wie bspw. noch vor 20 Jahren sind. Es ist ein deutlicher Rückgang im Verkauf von Wellensittichen zu beobachten.
Unsere Zeit ist sehr schnelllebig geworden – ich gehöre auch noch einer anderen Generation an – und um Wellensittiche richtig verstehen zu können, braucht es Zeit. Sie sind keine “Knuddeltiere”, aber wenn sie mal ein Vertrauensverhältnis zum Menschen aufgebaut haben und zahm sind, dann kann die Beziehung sehr innig sein, aber das geht nicht “von heute auf morgen”. Aus meiner Sicht haben sich die Leute und auch Kinder und Jugendliche früher mehr Zeit genommen in der Beobachtung und im Verstehen der Tiere. Ich weiß das durch meine Tierfilmarbeit, die Bildabfolge muss heute schnell passieren, maximal 3 1/2 Minuten für ein Bild …
Auch wenn man sich inzwischen viel besser durch Internet und andere Medien informieren kann, ist es leider dennoch so, dass das Wenigste in die Tat umgesetzt wird. Allerdings, die Menschen, die sich wirklich umfassend informieren und ihren Wellensittichen ein artgerechtes Zuhause bieten, können dies heute sicher besser tun als früher – einfach weil man mehr weiß. Ich glaube aber, dass es nicht viele sind.
Darum ist es ja so toll, dass Sie sich als Verein so einsetzen für die kleinen Kerlchen. Sie brauchen eine Lobby.

Felicitas: Der Wellensittich ist ja ursprünglich ein “Savannentier”. Wie stehen Sie zu einem täglichen Angebot von Obst und Gemüse für Wellensittiche? Was verstehen Sie unter artgerechter Ernährung?

Dr. Birmelin: Obst und Gemüse gehören im Heimatland der Wellensittiche eigentlich nicht zum Speiseplan der Vögel. Darum fressen viele domestizierte Wellensittiche dies auch nicht. Meine auch nicht. Wildgräser u. Wildpflanzen hingegen schon, meine bekommen auch immer frische Äste und Knospen zum Benagen. Dennoch kann man versuchen, den Tieren Obst und Gemüse anzubieten. Gesunde Ernährung ist sicher – wie beim Menschen auch – die Basis. Aber besonders wichtig für die Gesundheit und Fitness ist viel Bewegung, das kann ich immer wieder nur betonen.

Felicitas: Wellensittiche werden nun schon seit 200 Jahren außerhalb Australiens gezüchtet. Sehen Sie einen Zusammenhang in der Zunahme von Krankheiten (bspw. Tumoranfälligkeit) und niedrigerer Lebenserwartung durch einen fehlenden neuen Genpool?

Dr. Birmelin: Ursprünglich war der Genpool sicherlich ausreichend. Aber durch das Herauszüchten bestimmter Merkmale wie Größe und Form sowie bestimmter Farbschläge musste man zwangsläufig den Genpool verengen. Ja – ich sehe durch die Verengung schon die Gefahr der Überzüchtung, und überzüchtete Tiere sind nun mal anfälliger für Krankheiten.

Felicitas: Was wünschen Sie sich für die private Wellensittichhaltung? Wie sollte hier die Entwicklung weitergehen?

Welli spielt mit Gitterbällchen

Dr. Birmelin (engagiert): Im Grunde genommen das, was Sie auch in Ihrem Flyer propagieren: Mindestens einen oder mehrere Artgenossen, ganz viel Freiflug, artgerechte Ernährung, und was mir besonders am Herzen liegt: ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Jeder Wellensittich hat seine eigene Persönlichkeit. Wellensittiche werden nach wie vor in ihrer Intelligenz unterschätzt. Neben der körperlichen Fitness ist die geistige Fitness ganz wichtig, die müssen immer aufs Neue intellektuell herausgefordert werden. Man kann den Vögeln kleinere Denkaufgaben liefern, sie werden sie mit Begeisterung lösen.

Felicitas: Ganz lieben Dank für das Interview!

Das Interview fand in sehr freundlicher Gesprächsatmosphäre im Hause von Herrn Dr. Birmelin statt. Ausführlichere Informationen zu freilebenden Wellensittichen und Beschäftigungsmöglichkeiten domestizierter Wellensittiche finden sich in der neusten Publikation des Autors zu Wellensittichen:

Immanuel Birmelin – mein Wellensittich
2008 GRÄFER UND UNZER VERLAG GmbH, München, 1. Auflage 2008