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Moderne Untersuchungsmethoden in der Vogelpraxis

von Dr. Marcellus Bürkle, FTA für Zoo- und Wildtiere, AZ-Nr.: 2570

Fortschritt und Innovation haben alle Bereiche unseres Lebens erfasst. Und so ist es nicht verwunderlich, dass auch die Tiermedizin von dieser Entwicklung nicht ausgenommen ist. Die Zeiten, in denen ein Tierarzt umfangreiches Wissen über alle nur erdenklichen Tierarten, vom Rind über das Pferd, Hunde, Meerschweinchen, Fische, Reptilien oder Vögel haben konnte, sind vorbei.

Die Spezialisierung in der Tiermedizin geht soweit, dass es beispielsweise Veterinärmediziner gibt, die sich – ganz wie in der Humanmedizin – nur mit Augenerkrankungen beschäftigen; sozusagen "Tieraugenärzte" sind.

Parallel mit der Spezialisierung der Tierärzteschaft wurden auch im Bereich der Vogelmedizin in den letzen Jahren immer bessere, genauere, aber auch kompliziertere Diagnose- und Behandlungsverfahren entwickelt.

Ohne aber diese neuartigen Verfahren zu kennen und auch anwenden zu können, ist es in heutiger Zeit kaum noch möglich, Vogelmedizin auf dem höchsten Niveau zu betreiben und den Haltern dieser Tierarten optimale Diagnose- und Behandlungsmethoden anzubieten.

Erkrankt ein Vogel ernsthaft, egal ob es sich um einen Wellensittich oder einen Hyazinthara handelt, sollte ein fachkundiger Tierarzt aufgesucht werden. Leider sind Tierärzte mit einer Spezialisierung auf Vögel weitaus seltener zu finden, als dies beispielsweise für andere Tierarten, wie Hunde, Katzen oder Pferde der Fall ist. In der Regel jedoch findet sich im Umkreis von 200 km fast überall in Deutschland ein auf Vögel spezialisierter Kollege.

Wichtig ist zu wissen, dass eine gute Diagnose beim Vogel NUR unter Einbeziehung (meist) umfangreicher Diagnosetechniken (spezielle und Laboruntersuchungen) zu stellen ist.

Die Fülle an Erkrankungen, Untersuchungs-, Diagnose-, und Behandlungsmethoden führt beim medizinischen Laien oftmals zur Verwirrung und manche Halter sind nach einem Tierarztbesuch noch unsicherer als vorher, weil sie mit den erwähnten Fachbegriffen nur wenig anfangen können. Die folgende Aufstellung der gängigsten und einiger weniger gebräuchlichen, aber umso wichtigeren, Untersuchungsmethoden soll ein wenig Licht in das Wirrwarr des "Begriffdschungels" bringen.

Allgemeinuntersuchung

Eine "Allgemeinuntersuchung" ist das Erste, was bei JEDEM Vogel durchgeführt wird. Sie gibt dem Tierarzt einen Überblick über den momentanen Gesundheitszustand des Tieres. Ohne die Befunde der Allgemeinuntersuchung sollten keine weiteren diagnostischen Schritte eingeleitet werden. Eine umfassende Allgemeinuntersuchung beinhaltet folgende Punkte:

Adspektion (Betrachten des Tieres):

Viele Erkrankungen (z.B. Atemwegserkrankungen, zentralvervöse Störungen…) können am Besten beim Betrachten des Vogels erkannt werden. Deswegen ist es wichtig, dass der Tierarzt sich für diesen Teil der Untersuchung auch genügend Zeit nimmt, um keine wichtigen Details zu übersehen.

  • Verhalten und Körperhaltung
  • Beurteilung des Federkleides
  • Augen
  • Atmung
  • Kot
  • Extremitäten

Erst nachdem der Vogel intensiv beobachtet (adspeziert) wurde sollte dieser aus dem Käfig oder der Transportbox genommen und "mit den Händen" untersucht werden. Deswegen ist es auch wenig sinnvoll, beispielsweise eine Pappschachtel für den Transport des Vogels zum Tierarzt zu benutzen. Im zweiten Teil der Allgemeinuntersuchung werden vom Tierarzt folgende Punkte untersucht:

Palpation (Anfassen des Tieres):

  • Ernährungszustand
  • Federkleid
  • Haut
  • Bürzeldrüse (falls vorhanden)
  • Hydrationszustand (Flüssigkeitshaushalt)
  • Augen
  • Ohren
  • Nase, Nebenhöhlen
  • Schnabelhöhle
  • Kropf
  • Atmung
  • Abdomen (Bauch)
  • Kloake
  • Extremitäten

Spezielle Untersuchungen

Nach der Allgemeinuntersuchung werden, je nach Befund, die sog. „Speziellen Untersuchungen“ eingeleitet, die sich dann problemorientiert auf bestimmte Organsysteme konzentrieren.

Röntgen

Röntgenaufnahmen dienen schon seit langer Zeit als eine der wichtigsten Diagnosemöglichkeiten in der Tiermedizin. Man kann mit Hilfe einer Röntgenaufnahme sowohl das Skelettsystem, als auch die Inneren Organe des Vogels darstellen und beurteilen.

Kontrastaufnahmen

Eine Röntgen-Kontrastaufnahme dient zur besseren Darstellung der Inneren Organe. Hierzu wird dem Vogel eine spezielle Flüssigkeit eingegeben, welche dann auf dem Röntgenbild sichtbar wird. Mit Hilfe dieser Technik kann vor allem der Verdauungsapparat (Kropf, Mägen, Darm und Kloake), aber auch umliegende Organe (Leber) besser beurteilt werden.

Ultraschall

Die Ultraschalltechnologie ist in der Vogelmedizin erst seit wenigen Jahren etabliert und wird von nur wenigen Tierärzten durchgeführt. Für einige Erkrankungszustände ist diese Technik eine schnelle und zuverlässige Diagnosemöglichkeit.

Endoskopie

Die Endoskopie ist zur Diagnose und Behandlung in der Vogelmedizin unverzichtbar und bietet nahezu unerschöpfliche Einsatzmöglichkeiten. Lange Zeit wurde diese Technik vor allem zur Geschlechtsbestimmung bei Papageien und Sittichen eingesetzt. Inzwischen jedoch können mit Hilfe des Endoskops sogar Operationen durchgeführt werden, ohne dass größere chirurgische Eingriffe notwendig sind. Diese Methode wird als Mikrochirurgie bezeichnet. Ein weiteres Beispiel für die Vielseitigkeit dieser Technik ist die Entnahme von kleinsten Gewebestücken (sog. Biopsieentnahme) der Inneren Organen zur weiteren Diagnostik. Mit Hilfe des Endoskops können aber nicht nur das innere der Leibeshöhle betrachtet werden. Auch Schnabelhöhle, Kropf, Magen, Ohren und Kloake können so untersucht werden.

Blutdruckmessung

Durch moderne Gerätschaften ist inzwischen die Blutdruckmessung auch bei kleinen Vögeln, wie Wellensittichen, gut durchzuführen. Die Blutdruckmessung kann sowohl bei der Narkoseüberwachung, als auch zur Diagnostik von Herz-Kreislauferkrankungen eingesetzt werden.

Labordiagnostische Untersuchungen

Hämatologie

Unter einer „hämatologischen Untersuchung“ versteht man die Untersuchung der Blutzellen. Je nach Menge oder Verteilung der verschiedenen Zellen, können Aussagen über den Gesundheitszustand des Vogels getroffen werden. Dabei können folgende Parameter bestimmt werden:

  • Leukozytenzahl (weiße Blutzellen)
  • Erythrozytenzahl (rote Blutzellen)
  • Hämatokrit (Prozentualer Anteil der zellulären Bestandteile im Blut)
  • Differenzialblutbild (Zahlenmäßige Verteilung verschiedener weißer Blutzellen)

Klinische Chemie

Bei den sogenannten klinisch-chemischen Untersuchungen werden verschiedene Enzyme und andere, körpereigene Stoffe im Blut bestimmt. Je nach dem, ob diese Enzyme vermehrt oder vermindert im Blut vorkommen, kann man Rückschlüsse auf eventuelle Krankheiten ziehen. Zur Bestimmung dieser Parameter stehen verschiedene Geräte zur Verfügung, die auch vor Ort in der Tierarztpraxis eingesetzt werden können und so schnell wichtige Ergebnisse zur Diagnose, Behandlung und Prognose liefern. Im Gegensatz zu älteren Analysegeräten haben moderne Gerate den Vorteil mit nur sehr wenig Probenmaterial (Blut) viele wichtige Werte analysieren zu können. Beispielsweise reichen 0,1ml Vollblut aus, um mit dem VS-2 der Firma Abaxis ein komplettes Blutbild erstellen zu können. Viele, auf Vögel spezialisierten Tierärzte, haben dieses Gerät im Einsatz und könne somit ohne Problem auch ausführliche diagnostische Massnahmen an kleinen Vogelarten durchführen.

PCR

Die meisten virologischen Untersuchungen werden heutzutage mit Hilfe der sog. Polymerasen-Kettenreaktion durchgeführt. Aber auch für andere Erreger (z.B. Chlamydophila, Mykobakterien, Parasiten) wurde diese Technik entwickelt. PCR steht hierbei für den englischen Fachausdruck dieser Untersuchungsmethode (Polymerase-Chain-Reaktion). Bei dieser Methode wird nach dem Erbgut, der sog. DNS, des jeweiligen Erregers gesucht. Der Vorteil liegt in der hohen Empfindlichkeit der Untersuchung. Kleinste Mengen an Erbgut werden im Untersuchungsmaterial (Blut, Kot, Abstrichtupfer...) aufgespürt und danach vermehrt, bis genügend Erbmaterial vorhanden ist, um es nachweisen zu können.

Bakteriologische und mykologische Untersuchungen

Bakterien und Pilze gehören zu den häufigsten Erregern von Krankheiten beim Vogel. Um diese Mikroorganismen im Untersuchungsmaterial (Kot, Schleim, Federn...) nachweisen zu können, werden Abstriche entnommen und auf sog. „Agar-Nährmedien“ angelegt. Diese Nährmedien bieten optimale Wachstumsvoraussetzungen für Bakterien und Pilze und es bilden sich sog. Bakterien- bzw. Pilzkolonien. Je nach dem um welchen Erreger es sich handelt, ist das Aussehen (Form, Farbe) dieser Kolonien sehr unterschiedlich. Hierdurch und durch weitere Tests kann der Tierarzt die Art der Bakterien/Pilze genau bestimmen und weiß hiernach ob es sich um pathogene (krankmachende) oder apathogene (nicht-krankmachende) Bakterien/Pilze handelt. Außerdem ist die Anzucht und Vermehrung der Mikroorganismen auf Agar-Nährböden die Vorraussetzung, um den sog. "Resistenztest" durchführen zu können. Dieser Test dient dazu festzustellen, welche Medikamente gegen die Erreger wirksam sind und welche nicht zum Einsatz kommen sollten.

Parasitologische Untersuchungen

Parasiten des Verdauungstraktes und anderer innerer Organe werden als Endoparasiten bezeichnet. Milben und Federlinge hingegen nennt man Ektoparasiten, weil sie sozusagen "auf" dem Vogel leben. Endoparasiten (Spulwürmer, Haarwürmer, Bandwürmer, Kokzidien …) kommen relativ häufig in der Vogelhaltung vor. Sie sind relativ leicht mit Hilfe einer Kotuntersuchung nachzuweisen. Hierbei wird i.d.R. etwas Kot mit Hilfe der sog. Flotationsmethode auf Wurmeier oder Kokzidien untersucht. Die Untersuchung auf Ektoparasiten (Milben..) erfolgt durch eine gründliche Allgemeinuntersuchung. Eventuell kann unter Zuhilfenahme eines Mikroskops auch die genaue Milben- oder Federlingart bestimmt werden.

Histopathologische Untersuchungen

Wie bereits erwähnt können mit Hilfe der Endoskopie kleine Gewebeproben der Inneren Organe entnommen werden. Aber auch Gewebeproben von Haut, Muskeln oder gar Federn können histopathologisch untersucht werden. Dabei werden die Gewebestücke im Labor technisch so bearbeitet, dass sie in hauchdünne Scheiben geschnitten, gefärbt und danach unter dem Mikroskop beurteilt werden können. Hierbei kann der Tierarzt dann sehen, ob die Zellstruktur des untersuchten Gewebes normal strukturiert ist, oder ob Abweichungen, beispielsweise Tumorbildung oder Entzündungen, vorliegen. Histopathologische Untersuchungen bringen vor allem bei ungeklärten Todesfällen oftmals hilfreiche Erkenntnisse. Kommt es in Beständen zu gehäuften, unklaren Todesfällen, sollte unbedingt eine Sektion mit anschließender histopathologischen Untersuchung durchgeführt werden.

Zytologische Untersuchungen

Ähnlich wie bei der histopathologischen Untersuchung werden auch bei der zytologischen Untersuchung die Zellen verschiedener Organe unter dem Mikroskop beurteilt. Hierzu werden von Organen sog. "Abklatschpräparate" angefertigt Diese werden mit einer Spezialfärbung angefärbt und so die Strukturen sichtbar gemacht. Die Zytologische Untersuchung ist eine schnelle Untersuchungsmöglichkeit, die dem Tierarzt innerhalb weniger Minuten wichtige Informationen zum Krankheitsgeschehen geben kann.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Dr. Marcellus Bürkle
Tierarztpraxis Dr. Bürkle
Fachpraxis für Vögel, Reptilien und Heimtiere
Dr. Marcellus Bürkle
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