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Keine Einzelhaltung - Das sagt die Expertin

Interview mit Dr. Esther Wullschleger Schättin Zoologin / Fachjournalistin, Autorin des Buchs "Wellensittiche verstehen und artgerecht halten"

Zum Schmusen benötigt der Welli einen artgleichen Partner!

VWFD: Die aus Australien stammenden Wellensittiche, treffen in ihrer deutschen Heimat auf vollkommen andersartige Lebensbedingungen; wenn Sie die drei wichtigsten Lebensumstände nennen sollten, die auch in Gefangenschaft unabdingbar und lebenswichtig sind, welche wären das?

Dr. Esther Wullschleger Schättin: Besonders wichtig wären 1. die Gesellschaft von Artgenossen, 2. geeignete Sitzäste in möglichst großer Voliere mit Platz zum Fliegen, 3. frisches Wasser und artgerechtes Körnerfutter. Das wäre das Allerwichtigste, aber einige weitere Kriterien sollten ebenfalls erfüllt werden.

VWFD: Keine Einzelhaltung ist natürlich auch für uns ein wichtiges Thema. Wie viele Wellensittiche braucht ein Welli Ihrer Meinung nach mindestens, damit er ein möglichst großes Repertoire an natürlichem Sozialverhalten pflegen kann?

Dr. Esther Wullschleger Schättin: Absolutes Minimum ist ein Paar. Ich würde zu einem Minimum von vier Tieren raten, am besten wären dabei zwei Paare. Die geselligen Wellensittiche fühlen sich am wohlsten in einer kleinen Gruppe. So sind auch Gruppenaktivitäten wie gemeinsames Singen möglich. Da sie sich in der Gruppe gegenseitig zu allerlei Aktivitäten anregen, werden die Wellensittiche lebhafter und aktiver, was ihrer Gesundheit zugute kommt. Wenn genug Platz vorhanden ist, darf die Gruppe natürlich auch größer sein. Dabei sollte das Geschlechterverhältnis möglichst ausgewogen sein. So können die Vögel auch Paarverbindungen eingehen und partnerbezogenes Verhalten, wie die Balz, ausüben.

VWFD: Immer wieder kann man lesen, dass Wellensittiche in Einzelhaltung verkümmern, welche "Störungen" ergeben sich tatsächlich durch eine Einzelhaltung?

Gemeinsam stark!

Dr. Esther Wullschleger Schättin: Wellensittiche sind äußerst gesellige Tiere, die in Einzelhaltung tatsächlich verkümmern. Einzeln gehaltene Wellensittiche werden frustriert, weil sie keine Erfüllung für ihr Kontaktbedürfnis finden. Sie verlieren ihre soziale Erfahrung (oder können sie nie erlangen), um mit Artgenossen umzugehen und angemessen auf deren Verhalten zu reagieren. Bei späterer Vergesellschaftung können solche Einzeltiere schwierig werden.

Durch die Einzelhaltung werden Wellensittiche meist träger, da ihnen die soziale Anregung zu allerlei Aktivitäten fehlt, und ängstlicher, da ihnen beruhigende Impulse durch die Artgenossen fehlen. Sie werden depressiver und manchmal auch aggressiver als Wellensittiche in der Gruppe. Zweifellos setzt die Einzelhaltung ihrer seelischen Gesundheit zu. Es gibt genug Forschungsarbeiten, die den schädlichen Einfluss einer Einzelhaltung auf die Befindlichkeit von gesellig lebenden Tieren beweisen. Das Bedürfnis nach Kontakt ist biologisch festgelegt und wird offenbar durch die Konzentration bestimmter Hormone im Körper der Tiere beeinflusst. Man kann die von Natur aus geselligen Wellensittiche also nicht an ein einzelgängerisches Leben gewöhnen, ohne dass sie darunter leiden würden.

VWFD: Dann kennt man aber auch den anderen Fall - ein lustiger kleiner Kerl, der voll auf seine Halter fixiert ist und spricht - scheinbar scheinen die Vögel nicht zu verkümmern - warum spricht man auch in solchen Fällen von nicht artgerechter Haltung und welche Störungen liegen bei diesen Tieren vor?

Dr. Esther Wullschleger Schättin: Der Mensch kann einem Wellensittich keinen Artgenossen ersetzen, genauso wenig wie ein Tier einem Menschen sämtliche Sozialkontakte zu den Mitmenschen ersetzen könnte. Deshalb ist eine solche Tierhaltung nicht artgerecht. Natürlich versucht der Einzelvogel in seiner Not, einen engeren Kontakt zum Menschen zu knüpfen, wenn dies die einzige Möglichkeit zu einem Kontakt ist. Manche Leute missverstehen diese Reaktion als besondere Zuneigung. Dabei werden Wellensittiche auch in der Gruppe durchaus zahm und zeigen Interesse gegenüber „ihrem“ Menschen, wenn dieser sich regelmäßig mit ihnen beschäftigt.

Ich find dich toll.

Zahme Einzelvögel brauchen fast rund um die Uhr Kontakt mit dem Menschen und Beschäftigung. Kaum ein Mensch kann einem Vogel diese fast uneingeschränkte Aufmerksamkeit bieten. Problematisch ist auch, dass Einzelvögel ihren Geschlechtstrieb nicht mehr auf natürliche Weise ausleben können. Manche entwickeln dann deutliche Verhaltensstörungen, wie beispielsweise dauerndes, obsessives Anbalzen eines Spiegelchens oder dauerndes Emporwürgen von Futter als “Balzgeschenk“. Es ist für diese balzenden Vögel sicher frustrierend, wenn ihr Werben nie erwidert wird. Man sollte wenigstens versuchen, Einzelvögel mit einer kleinen Gruppe von Artgenossen zu vergesellschaften.

Fliegen und spielen mit anderen Wellis - einfach schön!

Es ist übrigens nicht immer einfach, die Befindlichkeit eines Tieres einzuschätzen. Auch einsame Einzelwellensittiche versuchen notgedrungen das Beste aus ihrer Situation zu machen und können so manchmal ausgesprochen munter und fröhlich wirken. Dass sie trotzdem Kontakt zu Artgenossen suchen, lässt sich unter Umständen an ihrem Verhalten erkennen, wenn sie andere Vögel zu hören oder zu sehen bekommen. Einzelvögel rufen typischerweise laut und eindringlich nach Vögeln, die sie draußen hören oder vorbeifliegen sehen. Das ist ein starkes Zeichen dafür, dass sie Kontakt suchen.

VWFD: Wie kann eine gelungene Vergesellschaftung eines ehemaligen Einzelvogels Ihrer Ansicht nach am besten gestaltet werden?

Dr. Esther Wullschleger Schättin: Der Einzelvogel sollte möglichst Vorbilder haben, die ihm zeigen, wie sich ein Wellensittich in der Gruppe verhält. Am besten wird ein Einzelvogel in eine bestehende, kleinere Gruppe von Wellensittichen eingeführt. So kann er seine Artgenossen dabei beobachten, wie sie miteinander umgehen. Wellensittiche lernen, wie andere sozial lebende Tiere auch, viel durch das Imitieren ihrer Artgenossen.

VWFD: Oft liest man, dass auch vogelkundige Tierärzte bei ehemaligen Einzelwellis zu einem maximal vierköpfigen Schwarm raten, wie sehen Sie das?

Ich schmuse am liebsten mit dir.

Dr. Esther Wullschleger Schättin: Wahrscheinlich denken die Tierärzte daran, dass ein Einzelvogel in einem großen Schwarm überfordert sein könnte. Eine große Gruppe von vielleicht zwanzig oder mehr Wellensittichen könnte ein solches Tier schon überfordern, vor allem wenn die Einführung sehr abrupt durchgeführt würde (z.B. extremer Wechsel vom menschbezogenen Leben als Einzeltier im Haus zu Leben ohne Mensch im Vogelschwarm draußen). Dass es aber maximal vier und nicht etwa sechs Wellensittiche sein sollten, würde ich so pauschal nicht sagen. Wichtig wäre vor allem, dass sich der Vogel langsam an die neuen Begebenheiten gewöhnen könnte. “Superzahme“ und auf den Menschen fehlgeprägte Vögel brauchen sicher mindestens eine Zeit lang noch einigen Kontakt zu Menschen.

VWFD: Im Forum lesen wir sehr oft, dass Tiere sich nicht gut eingliedern. Leider stellt sich durch Nachfragen meistens heraus, dass die Halter zu ungeduldig sind. Welchen Zeitraum sollte man den Tieren unbedingt geben? Welche "groben" Fehler kann man begehen?

Dr. Esther Wullschleger Schättin: Es ist schwierig, hier genaue Zeitangaben zu geben. Das hängt sicher vom jeweiligen Einzelfall ab. Ein paar wenige Wochen, denke ich, sollte man zur Angewöhnung schon mindestens aufwenden.

Grobe Fehler könnten sein: Verschreckte, vielleicht geschwächte, kaum flugfähige Einzelvögel werden in eine große Gruppe in der Außenvoliere gegeben und dann sich selbst überlassen; keine sorgfältige Beobachtung der Vögel am Anfang der Zusammenführung, sodass man nicht auf Probleme reagieren kann; unausgewogenes Geschlechterverhältnis, sodass Rivalitäten ausbrechen; alle Tierhaltungsfehler, die zu einer aggressiv aufgeladenen Stimmung in der Vogelgruppe führen (schlimm wäre vor allem Platzmangel).

Du bist mein bester Freund

VWFD: Ist es Ihrer Meinung/Erfahrung nach möglich auch sehr alte Vögel zu vergesellschaften, die ihr ganzes Leben in Einzelhaltung verbracht haben? Meist wird von betroffenen Haltern vermutet, dass ihre Tiere keine Artgenossen mehr wollen oder sie sogar fürchten würden.

Dr. Esther Wullschleger Schättin: Sehr alte Vögel sind weniger flexibel als jüngere, sie leben lieber in einem gewohnten Umfeld. Solche Einzelvögel können im ersten Augenblick schon ängstlich auf Artgenossen reagieren. Man müsste dann abklären, ob sie sich durch die Artgenossen wirklich gestört fühlen oder einfach am Anfang scheu reagieren, weil sie die Gesellschaft nicht gewohnt sind. Die Vögel könnten sich scheu und ängstlich verhalten, auch wenn sie den Kontakt trotzdem wünschen. Dies kann man testen, indem man die Vögel zunächst in getrennten Käfigen in Sichtweite zueinanderhält und darauf achtet, welche Seite seines Käfigs der Einzelvogel häufiger aufsucht, die zum anderen Vogel hin oder die von ihm abgewandte Seite. Dazu müssten die beiden Käfigseiten identisch eingerichtet sein, um andere Einflüsse auf die Wahl möglichst auszuschließen.

Ich würde unbedingt etwas Zeit gewähren, damit sich der Einzelvogel sachte an die neue Situation gewöhnen kann, bevor man allenfalls den Schluss zieht, er wünsche keine Gesellschaft. Ein solcher (unwahrscheinlicher) Schluss sollte nicht voreilig gezogen werden.

Die Gesellschafter für den älteren Vogel sollten eher ruhiger, ebenfalls schon gesetzter Natur sein. Ganz junge Wellensittiche könnten zu ungestüm sein für einen älteren Artgenossen. Bei ängstlichen, älteren Einzelvögeln ist es ratsam, sich auf eher wenige Artgenossen als Gesellschafter zu beschränken. Grundsätzlich halte ich eine Vergesellschaftung aber auch bei älteren Einzelvögeln für möglich.

Buchumschlag

Wir möchten uns herzlichst bei Frau Dr. Wullschleger Schättin für das Interview und den sehr freundlichen Kontakt bedanken.

Das Buch von Frau Dr. Esther Wullschleger Schättin "Wellensittiche verstehen und artgerecht halten" ist im Handel erhältlich und gilt als besonders empfehlenswert für Wellensittichfreunde und solche, die es werden wollen.

ISBN-10: 3033012175
ISBN-13: 978-3033012172
Internetseite: http://www.nature-themes.ch/