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ein schöner Tag auf Teneriffa und aufschlussreiche Worte vom Experten dr. Reinschmidt

Interview mit Dr. biol. anim. Matthias Reinschmidt, Zoologischer Direktor Loro Parque, Teneriffa

Dr. Matthias Reinschmidt

Dr. Matthias Reinschmidt ist Biologe und Tierphysiologe.
Von 2001 bis 2010 war er Kurator im Loro Parque in Puerto de la Cruz, Teneriffa. Seit Januar 2011 ist er Zoologischer Direktor des Loro Parque. In Deutschland wurde er durch zahlreiche Fernsehproduktionen zum bekannten Medienstar.
Seine große Leidenschaft für Papageien begann schon als 8-jähriger mit der Haltung eines Wellensittichpärchens.

Claudia (Wellifee) hatte die freundliche Zusage erhalten, sich mit dem Papageienexperten am 11. Mai 2011 im Loro Parque für ein Interview mit ihm zu treffen:

An einem etwas wolkenverhangenen milden Vormittag im Mai war es soweit, ich war auf der "Insel des ewigen Frühlings" Teneriffa gelandet und stand nun erwartungsvoll am Eingang des Loro Parques, um dort von Dr. Reinschmidt zu dem verabredeten Interview abgeholt zu werden.
Nach einer herzlichen Begrüßung und seiner Frage, was ich am liebsten gerne im Park sehen möchte, führte er mich durch Katandra-Treetops. So durfte ich eine der größten und beeindruckendsten Freiflugvolieren der Welt bestaunen, mit Hängebrücke und mehr als 100 Vogelarten.
Der Weg führte uns dann weiter zur Wellensittichvoliere des Loro Parques, die dort natürlich auch nicht fehlen durfte. Dr. Reinschmidt erzählte mir, dass der Wellensittich einer der wenigen Papageien ist, die von den allermeisten Menschen auch artmäßig erkannt werden. Nur würden viele nicht wissen, dass er eben auch ein Papagei ist.
Ich berichtete ihm etwas über unsere vielfältigen Aufgaben und Ziele unserer Vereinsarbeit. Um unser Vereinsanliegen besser darzustellen, zeigte ich ihm dabei auch Bildmaterial von Wellensittich-Haltungsbeispielen im Sinne unseres Vereins, was ihm sehr gut gefiel.
Dann machten wir uns auf in sein Büro, um dort mit dem Interview zu beginnen.

Unterbringung und Beschäftigung im Sinne Dr. Reinschmidts

Claudia: Was halten Sie für unabdingbar für eine artgerechte Haltung, bzw. ist eine artgerechte Haltung in Menschenobhut überhaupt möglich und realisierbar?

Dr. Reinschmidt: Der Wellensittich ist seit über 100 Jahren in Menschenhand, er hat nicht mehr die gleichen Bedürfnisse eines Wildvogels. Er ist somit ein domestiziertes Haustier. Diesen Bedürfnissen, die der Vogel somit heute hat, kann man mit einer tiergerechten Haltung durchaus gerecht werden, wenn man es entsprechend gut macht. Sie nicht in kleinen Käfigen hält. Dass man einen Vogel, der so sozial ist, nicht alleine hält, in einer mindestens partnerschaftlichen Haltung, ihm Flugmöglichkeiten gibt, weil es ein Vogel ist und er einfach fliegen muss, das gehört einfach dazu und das sind natürlich alles Grundvoraussetzungen.

Claudia: Wie sehen Sie die Haltung von Exoten im "heimischen Wohnzimmer", sind Sie der Ansicht, dass man diesen Tieren und ihren Bedürfnissen gerecht werden kann?

Dr. Reinschmidt: Das kommt natürlich immer auf die Haltung an. Hat man eine Haltung, die so wie es Ihr Verein auslegt, entsprechend großzügig ist, dann kann man es durchaus für die Tiere tiergerecht gestalten. Es hängt natürlich davon ab, ob wir von einem kleinen Sperlingspapagei, einem Wellensittich oder von einem Hyazinthara sprechen. Da wäre dann bei vielen auch das Wohnzimmer zu klein. Außerdem sollten die Tiere immer direktes Sonnenlicht kriegen sowie eine Außenvoliere, sofern man entsprechende Möglichkeiten dafür hat.
Einen Vogel im Käfig einzusperren und dort sitzen zu lassen, ohne dass er fliegen kann, halte ich nicht für tiergerecht.

Claudia: Bei der Fütterung von Wellensittichen werden oft die schlimmsten Fehler begangen. Wie sollte eine gute Ernährung aussehen?

Dr. Reinschmidt: Die Ernährung des Wellensittichs ist recht einfach, weil er ja ein recht großer Überlebenskünstler in der Natur war und ist. Wenn man sieht wie manchmal Wellensittiche überleben, unter welchen Bedingungen, so viele Jahre, muss man sich schon wundern. Dieses Verhalten hat er auch in Menschenobhut mit Sicherheit beibehalten.

Der Experte empfiehlt natürliche Nahrungsquellen

Als Basis sollte man eine qualitätsmäßig gute Trockenfuttermischung verwenden. Dann sollte man auch Keimfutter anbieten. Und auch den Tieren einen Jahreszyklus bieten, nicht immer alles zu jeder Zeit. Sondern wie in der Natur auch, feuchte und trockene Zeiten simulieren.
Wenn ich jeden Tag Schnitzel mit Pommes und Salat kriege, mein Lieblingsessen, dann kann ich es nach einer Woche auch nicht mehr sehen. Wenn ich aber mal das, mal das kriege, ist es was anderes. Man sollte das natürlich in einem längeren Zeitrahmen sehen. Man muss den Tieren auch eine Ruhephase geben, das machen wir hier auch. Wenn man den Vogel das ganze Jahr über super füttert, ist das vielleicht für unser Gewissen gut, aber nicht für den Vogelorganismus. Der braucht auch magerere Zeiten, natürlich nicht am Existenzminimum. Man kann in Deutschland wunderbar die Jahreszeiten simulieren. Im Frühjahr kann man z.B. Grünfutter dazugeben wie Löwenzahn, Vogelmiere und Grassämereien.

Claudia: Ein neuzeitlicher Trend ist die Verfütterung von industriell hergestellten Pellets für Papageien und Sittiche, die angeblich alle wichtigen Nährstoffe enthalten. Gerade in Deutschland wird dies im Gegensatz zu den USA sehr kritisch gesehen. Was halten Sie davon?

Dr. Reinschmidt: Ich halte in der Wellensittichhaltung nicht viel davon. Weil man, wenn man eine gute Wellensittich-Futtermischung hat, auch eine gute Basis hat. In der Papageienhaltung, für Amazonen oder Kakadus, kann das für nicht wissende Leute die Pärchen halten durchaus eine bessere Möglichkeit sein, als wenn sonst nur Sonnenblumenkerne verfüttert werden. Das muss man so sehen: Es gibt wirklich viele Fälle, die ich schon kennengelernt habe, die sagen: "Meiner isst so gern Sonnenblumenkerne, deshalb kauf ich nur noch die." So hat man dann eine sehr einseitige Ernährung. Wenn die Leute dann Pellets füttern, ist mir das lieber. Aber auch da halte ich eine reine Pelletsfütterung als Alleinfutter für nicht ausreichend, auch da muss Obst dazu und (Reinschmidt betont das sehr ernst) auch ein paar Körner.
Wenn man sich intensiv mit der Materie Ernährung beschäftigt, sehe ich die Pellets nicht als notwendig an. Wir haben in unserer Fütterung sehr wenige Pellets im Einsatz. In unserer Futtermischung haben wir 8% drin, als Vitamin- und Mineralienergänzung. Die werden von manchen Papageien angenommen, von anderen nicht. Es verhungert bei uns keiner, wenn er die nicht frisst. Wir praktizieren keine reine Pelletsfütterung. Brauchen wir nicht, da wir eine abwechslungsreiche Ernährung anbieten. Wenn ich mir da die Grassamenfresser vorstelle, widerstrebt mir das auch.

Claudia: Wie schätzen Sie die Übertragung und Ansteckungsgefahr von Macrorhabdiose und PBFD ein? Wie variiert die Gefahr dieser Krankheiten bei den unterschiedlichen Papageien und Sittichen? Es kursiert z.B. die Annahme, dass Nymphensittiche sehr viel leichter an PBFD erkranken wie Wellensittiche.

Dr. Reinschmidt: Das würde ich so nicht sagen können. Wir führen darüber auch keine Statistik. Es ist auch die Frage wie viele Tiere gibt es von jeder Art. Wenn Sie mehr Fälle von Nymphen oder mehr Fälle von Wellis haben, bedingt das natürlich, dass sie einfach auch häufiger vorhanden sind wie andere Arten. Das wären subjektive Einschätzungen, da würde ich vorsichtig sein.

artgerechte Beschäftigung hält fit und gesund

Ich spreche jetzt allgemein von Papageien. Neue Tiere sind immer eine Gefahr. Wenn Sie Vögel im Zoogeschäft kaufen, wissen Sie nicht, woher sie kommen. Die Zoogeschäfte werden oftmals von verschiedenen Züchtern oder Haltern beliefert. Der eine ist sauber, der andere nicht. Jeder Neuzugang gehört in Quarantäne und von einem Fachtierarzt untersucht, Tests auf Circo und Polyoma gemacht, die wahrscheinlich von den Kosten her weit über den des Tieres gehen, zumindest bei Wellensittichen, aber ihren Bestand schützen. Bei Vögeln, die nicht gut im Gefieder aussehen, ist von vornherein ganz viel Vorsicht geboten. Aber selbst wenn Sie den perfekten Vogel haben, ist das schon mal gut, heißt jedoch nicht, dass er gesund ist.

Claudia: Was könnte auf Deutschlands Wellensittichhalter an "neuen" Erkrankungen zukommen, wie z.B. PDD. etc.?

Dr. Reinschmidt: Das kann man immer schlecht abschätzen. PDD ist natürlich eine Geschichte, die bei den Papageienhaltern kursiert. Man hat lange Jahre den Paramyxovirus (PMV) als Verursacher dieser Drüsenmagenerweiterung eingeschätzt und auch sehr viele Tiere getestet, weil sie diesen Paramyxovirus in sich getragen haben, aber er war gar nicht der Auslöser. Derzeit ist der Bornavirus derjenige, der als Auslöser der PDD diskutiert wird und die Hinweise verdichten sich, dass er es auch ist. Aber nicht jeder mit Bornavirus infizierte Vogel erkrankt. Da gibt es mit Sicherheit auch verschiedene Virusstämme, die krankmachender sind oder nicht. Unterschiedliche Mutanten innerhalb dieser Virusstämme, die bei unterschiedlichen Papageienarten Unterschiedliches anrichten können. Das zu verallgemeinern halte ich für vage. Ich weiß nicht, inwiefern es bei Wellensittichen in Frage kommt. Wir kennen das in erster Linie bei den größeren Papageien.
Mag vielleicht auch daran liegen, dass man das bei Wellensittichen nicht so untersucht wie bei größeren Papageien, die einen höheren finanziellen Wert haben. Wir untersuchen das bei allen, haben es aber noch nie bei Wellensittichen vorgefunden.

So vergeht der Tag schnell

Claudia: In unserer Tierschutzarbeit erleben wir es leider immer noch täglich, dass die Bedürfnisse der so oft gehaltenen Wellensittiche missachtet werden. Oft fristen sie ihr Dasein in Einzelhaltung, in viel zu kleinen Käfigen, in dunklen Ecken, wenig oder gar kein Freiflug in einer für sie völlig reizlosen Umgebung. Die Tiere verkümmern, unerträgliche Langeweile und Verhaltensstörungen sind die Folgen. Wie sollte der ideale Lebensraum für Wellensittiche aussehen?

Dr. Reinschmidt: Ich würde die ideale Haltung als Freivolierenhaltung im Garten sehen. Der Wellensittich ist ein recht robuster Vogel, ein frostfreier Schutzraum reicht da aus. Sie haben robustere Tiere wenn Sie sie im Freiland halten. In der Freilandhaltung haben die Wellensittiche nicht nur die äußeren Einflüsse mit Sonne, Regen, Wind - also Wetter, sondern auch Anreize. Da fliegt eine Amsel vorbei oder sogar mal ein Greifvogel, der in der Nähe ist, (Reinschmidt voller Enthusiasmus) das ist ideal, da hauen die ab, da haben die Stress, aber das ist gut, weil eine Minute später haben sie keinen mehr. Das sind zusätzliche Reize, die in einer Freilandhaltung geboten werden. Oder Nachbars Katze läuft vorbei ... (Reinschmidt lacht und sagt: "Natürlich sollte die Voliere auch katzensicher sein!") Das sind alles spannende Momente und bringt Lebensqualität für die Tiere.
Und natürlich eine Verhaltensanreicherung mit verschiedensten Beschäftigungsmöglichkeiten, immer wieder neu reingeben und austauschen. Neue Reize und Abwechslung bieten. Und natürlich eine Haltung, wie Ihr Verein sie vertritt - das ist für eine Zimmerhaltung, wenn eine Außenhaltung nicht möglich ist, absolut akzeptabel und toll, dann so!

Claudia: Täglich strömen viele Besucher in den Loro Parque, manch einer wird nach einem Besuch vielleicht mit dem Gedanken spielen, Papageien- oder Sittichhalter zu werden. Was würden Sie ihm raten?

Dr. Reinschmidt: Wenn die Menschen Spaß an Tieren haben wollen, an Papageien, dann immer zwei halten, das ist das Wichtigste. Und dann natürlich eine tiergerechte Unterbringung. Erst ein Buch kaufen, sich informieren (Reinschmidt lacht, reißt die Arme hoch und meint scherzhaft) Ich hab so schöne Bücher geschrieben. Nein, aber im Ernst, ich krieg jeden Tag irgendwelche Anfragen: "Was soll ich denn machen ...?" Ja, ich kann nicht jedem alles aufschreiben. Es gibt so viel Literatur, mehr denn je und man weiß heute vieles.

Schwarmtiere brauchen artgleiche Partner

Also, dieses zu zweit halten, halte ich für unabdingbar.
Aber auch hier sollte man nicht alles schwarz oder weiß sehen. Es gibt Vögel, die sind nicht mehr verpaarbar. Die einzeln gehalten werden, die wirkliche Problemfälle sind. Da halte ich es auch für legitim, sie den Rest des Lebens dann allein zu halten, wenn sie total auf den Menschen fixiert sind.

Claudia: Ich bedanke mich sehr herzlich für das nette Gespräch und dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben.

Wir möchten uns herzlichst bei Herrn Doktor Reinschmidt für das aufschlussreiche Interview bedanken. Auch bedanken wir uns für die freundliche Zurverfügungstellung des Portraitfotos von Dr. Reinschmidt.