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Verdis Tagebuch

" Was für ein Tag das heute war - man glaubt es kaum!

Ich habe die ersten drei Jahre meine Lebens in einer trauten 2er WG in einem Kinderzimmer verbracht. Es war ein bisschen langweilig, immer nur den einen Kumpel zu haben. Dann aber haben meine früheren Federlosen beschlossen, dass sie in Zukunft ohne uns leben wollen. Also wurden wir in eines dieser rollenden Blechhäuschen verfrachtet und woanders hingefahren. Sie nannten es "Pflegestelle". Dort kamen wir zu viiieelen anderen Wellis in ein eigenes kleines Haus. Total klasse: den ganzen Tag spielen, fliegen, fressen, schlafen, flirten,... Ein Paradies! Mein Kumpel hat mich zwar ziemlich schnöde wegen eines anderen Hahns verlassen, aber es gab ja so viele andere nette Kumpels und Kumpelinen, dass ich keinen Grund zur Traurigkeit hatte.

Und heute, gerade mal zwei, drei Wochen nach meinem Einzug in die Pflegestelle, änderte sich dann alles. Ich wurde eingefangen und in eine kleine Holzbox gesetzt, die an einer Seite ein Gitter zum Rausschauen hatte. Ich war total perplex. Was hatte ich denn angestellt?! Egal was ich gemacht habe - die anderen haben das auch alle gemacht! Warum trifft es also nur mich?
Nun ja, das änderte nichts daran, dass ich alleine in meiner Box saß und wieder in so ein rollendes Blechhäuschen kam. Schon nach kurzer Zeit wurde ich einem anderen Federlosen übergeben, der mich in sein Blechhäuschen setzte. Dann ging's weiter. Es ging sogar ziemlich lange weiter - so lange, dass ich begriff, warum in meiner Holzbox eine Kolbenhirse und Gurken herum lagen. Aber ich war viel zu aufgeregt, um groß zu Fressen. Wo bringen die mich hin? Warum nur mich? Und wissen die Federlosen eigentlich, dass ich nicht alleine sein will? Unter uns Wellis gehen ja immer so Schauergeschichten von Einzelhaltung um. Dass es sowas wirklich geben soll, kann ich mir gar nicht vorstellen - will ich auch gar nicht!

Nach einer gefühlten Ewigkeit hielt dieses Blechhäuschen und meine Box wurde wieder raus geholt. Neugierig schaute ich durch das Gitter - und blickte direkt eine Federlose an, die mich erwartungsvoll anschaute und begeistert ausrief: "Oh, na Du bist aber ein Hübscher!" Ja, das weiß ich! Ich höre es aber trotzdem immer wieder gern.
"Na dann lass uns zwei mal nach Hause fahren!" Hä? Mein Zuhause liegt locker 600 km in nordwestlicher Richtung von hier entfernt! Meint die echt, dass wir die ganze Strecke wieder zurück müssen?! Naja, wenn ich dafür endlich wieder meine Kumpels sehen kann... Allerdings wurde mir schnell klar, dass die Federlose unter "Zuhause" wohl was anderes verstand als ich. Schon nach relativ kurzer Zeit hielten wir und sie holte mich aus der Blechbüchse. "Wir sind da!" Echt? Lass gucken! Wo sind die anderen?! Aber so sehr ich mir auch den Hals verrenkte, außer Wänden konnte ich nichts sehen. Na dann hoffe ich mal, dass hier irgendwo noch Wellis versteckt sind. Hoffentlich weiß die Federlose, dass ich mich ohne Artgenossen sehr einsam fühlen und fürchterlich langweilen werde.

Irgendwann wurde meine Box abgestellt, und während ich noch versuchte, mich zu orientieren, hörte ich die ersten Zwitschergeräusche in einer mir wohlbekannten Sprache!
Kumpels!!!!
Hey, lasst mich hier raus, ich will zu den anderen!!

Ich bin Verdi

Die Box öffnete sich völlig unerwartet auf der Rückseite. Aber vom Gitter hüpfen, sich umdrehen, durch die Box schlittern und durchstarten war eins. Endlich konnte ich meine Flügel wieder benutzen! Begeistert drehte ich die erste Runde und verschaffte mir einen Gesamtüberblick: in der Ecke ein Käfig, darauf fünf Artgenossen. Nach dem langen Sitzen musste ich unbedingt noch eine weitere Runde drehen, bevor ich zum Landeanflug ansetzte. Voila: da wär ich!

Zunächst musste ich mir einen Überblick verschaffen: da hätten wir zunächst mal die Überreste eines Korkstückchens, außerdem liegt hier einiges an Grünzeug rum.
Und auf dem Dach haben die hier einen eigenen Pool. Nobel, nobel.

Ganz offensichtlich gibt es zwei Jungs und drei Mädels. Na gut. In der Pflegestelle war mehr los, aber ich werde mir die Zeit hier schon vertreiben. Immerhin sehen die anderen recht nett aus.

Nachdem ich mir das alles angesehen hatte, stellt ich fest, dass mein Magen knurrte. Kein Wunder, hatte ich vor Aufregung doch kaum gegessen. Ich fragte einen der anderen, wo es hier außer Kolbenhirse noch Futter gäbe. Im Käfig, war die Antwort. Na denn, dachte ich, auf an die Futtertröge. Auf dem Weg in den Käfig stellte sich mir ein kleiner Blauer als Kimi vor. Der war echt nett und wir haben uns herzlich begrüßt. Die sehen hier nicht nur nett aus, die sind es offensichtlich auch.

Aber dann forderte mein Magen sein Recht und ich schlüpfte in den Käfig. Hmm, das Futter war wirklich oberlecker!

Nach all den Aufregungen war ich ziemlich müde und musste ich erst mal schlafen.
Also habe ich mich umgeschaut. Die anderen sind alle auf Schaukeln geklettert.
Aha, geschlafen wird hier also auf diesen Schaukeln - sogar für mich war noch eine frei. Sieht fast so aus, als habe man mich erwartet...
Eigentlich ein schöner Gedanke.

Sonntag 20.06.

Am nächsten Morgen war ich bereit zu neuen Schandtaten.
Beim Frühstück kam Kimi vorbei. Der Kleine ist schon süß, aber ich für meinen Teil würde jetzt gerne die Bekanntschaft mit dem grünen Schecken machen.

Also bin ich raus aus dem Käfig und rauf aufs Käfigdach zu Martin, wie der grüne Schecke heißt. Der ist auch richtig nett. Hat mir einiges über sich, die anderen, das Leben hier und "unsere" Federlose erzählt. Sieht so aus, als hätte ich es gar nicht so schlecht getroffen. Die Federlose hält sich weitestgehend zurück und belästigt uns nicht über Gebühr. Sie ist tagsüber meist sowieso nicht hier, sprich: wir können hier machen, was wir wollen. Morgens liefert die Federlose das Frühstück und abends räumt sie unseren Dreck weg. Ansonsten ist der Käfig den ganzen Tag lang offen. Wir können also jederzeit raus und fliegen. Na, das hört sich doch gar nicht so übel an.

Den restlichen Morgen haben wir mit Fliegen verbracht (Kimi ist echt schnell - wir sollten dringend einen Wettflug veranstalten). Außerdem haben wir ein bisschen Grünzeug und von den Resten meiner gestrigen Kolbenhirse genascht.

So ging eer Morgen schnell vorbei. Während der Mittagsruhe setzte sich eine zierliche graue Henne neben mich und schaute mich interessiert an. Ich habe reflexartig einen Balzversuch gestartet - und bin kläglich gescheitert. Hmm, komisch - sie schien mir echt interessiert. Später nahm mich Kimi zur Seite um mir unter vier Augen ein paar Infos über die junge Dame zu geben. Sie kommt aus einer Einzelhaltung (hätte nicht gedacht, dass diese Schauergeschichten echt wahr sein könnten) und ist sehr schüchtern. Er meinte, ich solle es langsam angehen lassen, bloß keinen übereilten Balzversuch - und vor allem: Nicht füttern! Aha. Na, dann danke für die Tipps, Kumpel.

Gegen Abend beschloss ich dann, die Bekanntschaft mit Flavia zu vertiefen. Sie ist die Chefin hier, scheint daraus aber keine besonderen Vorrechte abzuleiten. Zumindest konnte ich noch nicht beobachten, dass sie hier irgendwen drangsaliert hätte. Im Gegenteil: ich konnte sie schon bei Flirts mit Martin und Kimi beobachten. Nun ja, sie ist eine echte Prachthenne - ganz klar, dass ich da meine Chancen ausloten musste! Anfangs war sie etwas reserviert, hat dann aber mitgeschnäbelt.

Es lief echt gut, bis ich versuchte, aufzusteigen. Irgendwie verlor sie das Gleichgewicht und wir kullerten den seitlichen Käfigbogen runter... Sie nannte mich empört einen Tölpel und wollte wissen, was ich auf ihrem Rücken zu suchen hätte. Sie sei doch kein Muli! Kimi und Martin würden sowas nie machen!
Wie? Heißt das, hier wird nur geknutscht?! Komische Vögel...

Aber alles in allem ist es hier gar nicht so übel: Der Käfig ist schön groß und wir dürfen jederzeit raus. Das Futter ist lecker, es gibt einen Pool und ausreichend Gesellschaft.
Ja, hier lässt sich's aushalten. Ich hoffe, ich darf bleiben. Aber wenn ich sehe wie mich die Federlose immer anstrahlt, dann habe ich da sicher gute Karten. Meinem Charme kann eben keiner widerstehen!

Montag 21.06.

Lisa saß schon frühmorgens neben mir auf dem Ast. Habe versucht, die interessierten Blicke zu ignorieren und so zu tun, als wäre alles ganz normal. Scheint zu funktionieren, denn so nach und nach rückte sie immer näher. Ich hätte ja zu gerne gebalzt - aber Kimis warnender Blick hat mich gerade noch gebremst.
Am Nachmittag habe ich einen Wettflug mit Lisa gemacht. Ich habe verloren. Absichtlich. Für einen Gentleman ist es selbstverständlich, die Dame gewinnen zu lassen. Sie hat sich sehr gefreut.
Dann habe ich einen Wettflug mit Kimi gemacht. Ich habe verloren. Diesmal unabsichtlich. Blamabel, dass das ausgerechnet vor Lisa passieren musste. Aber sie verfolgt mich trotzdem mit ihren Blicken.... Dabei fällt mir auf, dass sie unglaublich schöne große Augen hat....

Dienstag 22.06.

Heute Morgen hat sich Lisa wieder neben mich gesetzt. Ich habe ihr einige nette Anekdoten aus meinem Leben in der Pflegestelle erzählt. Sie hat sehr interessiert zugehört und zum Schluss gemeint, ich sein ein fabelhafter Geschichtenerzähler. Da bin ich glatt um einen Millimeter gewachsen! Dann waren wir zusammen Mittag essen. Danach saßen wir für die Mittagspause nebeneinander auf einem Ast. Ich konnte das schöne Wellenmuster ihrer Flügel bewundern - sieht sehr apart aus. Und der Grauton ihres Gefieders ist sehr, sehr edel. Von ihren großen, blanken Augen ganz zu schweigen. Wenn ich so darüber nachdenke, dann ist sie eine der niedlichsten Hennen, die ich je gesehen habe....

Mittwoch 23.06.

Morgens saßen Lisa und ich wieder auf unserem Lieblingsast. Sie hat mir ein bisschen was aus ihrem Leben erzählt. Unendlich traurig. Drei Jahre allein, nur mit einem Plastikkumpel. Niemandem zum Spielen, keinen zum Reden, eine schier endlose Kette von langen, eintönigen Tagen... Wie können Federlose nur so grausam sein? Ich habe ihr spontan gesagt, dass ich sie nie, nie allein lassen würde. Da hat sie mir ganz tief in die Augen geschaut - die ihren waren riesengroß und blank... zum Ertrinken... ich konnte kaum Atmen... unsere Schnäbel kamen sich immer näher... und dann - dann drängte sich Flavia auf unseren Ast. Oh neee, ne?!? Muss die mir unbedingt den romantischsten Augenblick meines Lebens vermasseln??!! Herzlichen Dank auch.

Aber mittags habe ich gleich die nächste Chance genutzt. Ich habe mich auf die Schaukel neben Lisa gesetzt und ihr gesagt, wie hübsch sie aussieht und wie nett ich sie finde. Sie fand das ganz toll und kam näher. Ich rutschte auch näher, Und noch näher. Und dann habe ich mal vorsichtig mit dem Schnabel ihr Kopfgefieder geglättet. Prompt hat sie mir das Köpfchen in eindeutiger Geste zum Kraulen hingestreckt. Na da habe ich aber gekrault! Als Dank hat sie dann mich gekrault. Und zum Schluss haben wir uns geküsst. Hach ist das schön! Ich bin verliiieeebt!!

Donnerstag 24.06.

Heute kein Bock auf Tagebucheintragungen.
Ich bin verliebt, verliebt, verliebt, verliebt, verliiiieeeeeebt !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Freitag 25.06.

Verliebt

Habe ich schon erwähnt, dass ich verliebt bin?!
Heute Morgen ganz vorsichtig von der Schaukel geklettert um Lisa nicht zu wecken. Meine Süße schläft noch und ich wollte schnell meinen Kropf auffüllen, um ihr das Frühstück an die Schaukel zu bringen. Hat funktioniert und sie war hellauf begeistert von meiner Fürsorge! Haben den ganze Vormittag mit Schnäbeln und Kraulen verbracht.
Den Nachmittag auch.

Abends saßen wir dann ganz lange auf "unserem" Ast. So lange, dass wir verpasst haben, uns zwei nebeneinander liegende Schlafschaukeln zu sichern. Blöd, dass dann nur noch zwei gegenüber liegende Schaukeln frei waren. Und da jeweils eine Henne (entweder Flavia oder Suzette) daneben saßen, war auch nicht zu erwarten, dass man da jemanden runterwerfen könnte. Da getrennt schlafen überhaupt nicht in Frage kam, haben wir uns zu zweit auf eine Schaukel gequetscht. Zum Glück sind wir beide schlank. Flügel an Flügel sind wir eingeschlafen.

Samstag 26.06.

Bin heute neben Lisa aufgewacht und habe sie gleich mit einem Küsschen geweckt.
Den ganze Tag wieder geschnäbelt und gekrault. Unsere Federlose schlich ständig um unseren Käfig rum und hielt sich ein kleines, graues Kästchen vors Gesicht. Federlose sind schon komisch...
Martin meinte, die würde jetzt Fotos machen. So, so.
Und was ist mit unserer Privatsphäre?! Das ist echt ziemlich frech! Sicherheitsdienst, könnte bitte jemand mal diese Paparazza entfernen?!

Sonntag 27.06.

Mein Resümee nach einer Woche in neuen Heim: Ich habe zwar ein kleines Welliparadies verloren, als man mich aus meiner Pflegestelle holte. Aber ich habe hier mein ganz persönliches großes Paradies in Form von Lisa gefunden!

Es gibt nichts schöneres, als wenn die süßeste Henne der Welt einem zärtlich das Köpfchen krault! Ob die Federlosen wissen, wie schön das ist? Ach, was denke ich da? Woher sollen die das denn wissen - die haben doch gar keine Federn...

Dienstag 29.06.

Habe heute heraus bekommen, dass unsere Federlose Auszüge aus meinem Tagebuch veröffentlicht hat – ohne mich zu fragen !! Ich bin empört!! Als sie abends heim kam, habe ich sie heftig ausgeschimpft. Und sie? Sie hat das gar nicht ernst genommen. Sie fand es (O-Ton meine Federlose) „niedlich, wie sich der Kleine aufregt“.
Also bitte, ja!!?? Meine Empörung ist überaus gerechtfertigt. Mein Tagebuch ist mein geistiges Eigentum. Das geht überhaupt niemanden was an! Ich war auf 180 – so etwa fünf Minten lang. Dann hatte Flavia genug und schimpfte nun ihrerseits mit mir: das sei jetzt echt genug Gezetere und ich solle endlich den Schnabel halten, sie wolle ihre Ruhe. Das ist echt ungerecht: ich habe den Schaden und darf mich noch nicht mal beschweren!

Das allerschlimmste: Lisa hat es auch gelesen. Was wir sie jetzt nur von mir denken?! Das ist ein echter Super-GAU!!!!

Mittwoch, 30.06.

Lisa hat mir gestern Abend gesagt, dass sie tief gerührt gewesen sei, als sie mein Tagebuch gelesen hat. Sie mag Hähne mit Gefühl. Puhh, also kein Super-GAU!
Trotzdem werde ich das Tagebuch jetzt im Geheimen weiterführen und so gut verstecken, dass es meine Federlose nicht mehr finden kann.

Freitag, 02.07.

Heute wieder den ganzen Morgen mit Lisa geschmust... Sie kann unbeschreiblich gut kraulen... und noch besser küssen... Bin im siebten Himmel! Die anderen verdrehen nur noch die Augen, wenn sie uns sehen. Die haben ja keine Ahnung, wie schön das ist. Ach, seufz! Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, ohne mein kleines Samtauge zu leben. Überlege schon die ganze Zeit, ob ich sie fragen soll, meine Henne zu werden. Ob sie wohl „Ja“ sagen würde?

Samstag, 03.07.

Am Vormittag zweimal Wettfliegen mit Kimi gemacht – zweimal verloren. Der Kleine ist einfach zu schnell. Ich sollte unbedingt trainieren...
Als Mittagessen wurde uns Quellfutter serviert. Es hing in einem kleinen Extraschälchen zwischen unseren üblichen Futternäpfen. Kimi und ich waren zuerst am Futtern, als Kimi sich dieses neuen Näpfchens gewahr wurde und es testen musste. Es schien zu schmecken – jedenfalls war er eifrig am Kauen. Ich habe mal neugierig gefragt, wie es denn schmeckt. Er meinte, das sei total weich und saftig und ginge runter wie nichts. Hmmm. Wenn das wirklich so lecker ist, dann brauche ich das unbedingt für Lisa. Ich habe Kimi gefragt, ob er mir Platz macht. Zuerst wollte er nicht, aber ich konnte ihn mit dem Argument überzeugen, dass ich Lisa doch richtig gutes Futter bieten müsse – mein Ruf hängt schließlich davon ab. Also war er einverstanden, mir Platz zu machen und zu warten, bis ich meinen Kropf für Lisa gefüllt hätte.
Also das Zeug war echt lecker! Lisa wird bestimmt sehr zufrieden sein. Und vielleicht bekomme ich dafür eine besonders ausgiebige Kopfmassage.... Was ich leider nicht bedacht hatte: Wenn zwei Hähne begeistert fressen, ruft das meist die Hennen auf den Plan. So auch diesmal: Nicht lange und Suzette kam angeklettert und bedeutete mir, dass ich ihr Platz zu machen hätte. Grrrr! Wie gemein – gegen eine Henne kann ich natürlich nichts sagen. Also setzte ich mich zu Kimi auf den Ast und schaute Suzette beim Fressen dieser leckeren Quellkörnchen zu. Wir warteten darauf, dass sie endlich fertig war und wir wieder dran waren.
Hat nicht geklappt. Suzette war noch nicht lange am Näpfche, als Flavia angeklettert kam. Da konnte dann auch Suzette wenig gegen sagen und rutschte zur Seite.
Tja, das wars wohl. Kimi und ich saßen mit langen Gesichtern auf den Zuschauerplätzen und mussten tatenlos mit ansehen, wie Flavia alles wegputzte.
Als sie endlich fertig war, stürzten wir sofort an den Napf: leer bis auf ein paar Mungobohnen! Das Leben kann ja so grausam sein!
Während ich noch meiner perfekten Kropffüllung hinterhertrauerte, hatte Kimi schon eine Idee: er hüpfte auf den Boden und begann, die Spelzen auszulutschen. Erst war ich etwas irritiert, aber nachdem er eifrig von Spelze zu Spelze tippelte, war klar, dass da doch noch was zu holen war. Ich also nix wie auf den Boden und ebenfalls Spelzen auszuzzeln... Ja, ein bisschen war noch dran.
Als es nichts mehr zu holen gab, suchte ich Lisa auf und fütterte sie mit ihrem Teil. Sie fand's so lecker wie erhofft und war sehr zufrieden.
Schön, wenn man seiner Angebeteten eine kleine Freude machen kann!
Ach ja: die Kopfmassage habe ich auch noch bekommen!

Sonntag, 04.07.

Heute wurde schon ganz früh das Näpfchen mit dem Quellfutter eingehängt. Perfekt: Das ideale Frühstück für meine Lisa! Na, da war ich aber wie der geölte Blitz vor Ort und habe so schnell gefressen, dass ich meinen Kropf gut gefüllt hatte, bis mich Suzette vertrieben hat. Lisa hat die Privatfütterung sehr genossen – sie sagte, dass sie meine Fürsorge sehr schätze. Da bin ich glatt nochmal einen Millimeter gewachsen. Sie hat aber auch eine Art, mich mir ihren großen schwarzen Augen anzuschauen, dass ich ganz weiche Beine kriege... Ich werde sie definitv fragen, ob sie meine Henne sein will... Ich muss nur noch ein bisschen Mut zusammen kratzen...

Mittwoch, 07.07.

Hurraaaaa! Ich hab's getan! Ich hab Lisa gefragt, ob sie für den Rest unseres Lebens meine Henne sein möchte. Und sie hat JA gesagt!!!!
Bin heute den ganzen Tag wie ein Irrwisch rumgehüpft, habe sie gefüttert, gekrault, mit ihr geschnäbelt,... Weiß gar nicht, wo ich mich hinpacken soll, vor lauter Glück!!! Die anderen schauen mich schon an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Wurscht! Nichts kann meine gute Laune trüben, gar nichts!!
Die schönste Henne der Welt hat mich auserkoren!
Ich schwebe auf Wolke sieben.... Das Leben kann ja sooooo schöööön sein!!!!!!

Donnerstag, 08.07.

Das Trainingsprogramm in Sachen Fliegen wieder aufgenommen. Es lief ganz gut, meine Kondition wird besser und ich werde schneller. Die Liebe verleiht wohl tatsächlich Flügel.

Freitag, 09.07.

Kimi hat sich meinem Trainingsprogramm angeschlossen. Hmpf. Er ist immer noch schneller und wendiger als ich.

Samstag, 10.07.

Martin zum Wettfliegen aufgefordert. Ich weiß, dass das nicht sehr sportlich ist (er ist vier Jahre älter und schleppt einen ziemlichen Ranzen mit sich rum).... Aber ich brauchte ein Erfolgserlebnis.

Sonntag, 11.07.

Hat Kimi doch heute tatsächlich meine Lisa angebaggert! Ganz schön frech der Kleine!
Aber er hatte keine Chance: mein Zuckerschnäbelchen ist mir treu und hat den aufdringlichen kleinen Frechdachs keines Blickes gewürdigt. Habe das alles trotzdem sehr misstrauisch beobachtet. Als er so gar keine Ruhe geben wollte, habe ich der Sache ein Ende gesetzt, indem ich mal kurz rüber geflogen bin und mich zwischen die zwei gesetzt hab. Was zuviel ist, ist zuviel. Das hat Kimi dann gleich kapiert und sich von Acker gemacht.

Habe danach mit Lisa ausgiebig geschnäbelt: Kimi mag ja schneller als ich fliegen – aber ich habe das Mädchen!

Dienstag, 13.07.

Heute mit Lisa an der neuen Korkröhre geschreddert. Macht zusammen gleich viel mehr Spaß! Lisa hat auch immer so lustige Ideen: Sie hat sich unter die Korkröhre gesetzt und gemeint, das sei jetzt unsere Höhle. Ich meinte: „Ja Schatz, das wird bestimmt ganz kuschlig und privat – vor allem wenn uns die anderen von unten auf den Bauch schauen. Deine super Höhle ist nämlich nach unten hin offen…“ Sie erwiderte nur, Hähne hätte aber auch null Phantasie.
Mag sein – wir denken eben praktisch.

Samstag, 17.07.

Kolbenhirse

Unsere Federlose kam heute mit einer Kolbenhirse, um sie Martin und Kimi hinzuhalten. Und was machen die beiden Angsthasen?! Legen doch glatt den Rückwärtsgang ein! Bei einer solchen Leckerei – absolut unbegreiflich! Da habe ich meine Federlose ganz intensiv angeschaut und gedacht: „Komm her zu mir. Gib mir die Hirse. Du willst sie nur mir geben.“ Und es hat funktioniert: sie hat mir den Kolben hingehalten. Na, da lass ich mich nicht zweimal auffordern, sondern schlage meinen Schnabel sofort rein.
Unsere Federlose schien ganz angetan von meiner „Zutraulichkeit“. Ich hingegen war ganz angetan von der Hirse: die gute, fette, rote. Hmmmmm. Lisa schaute auch schon ganz interessiert. Ist ja wohl klar, dass sie nachher ihren Anteil bekommen hat. Sie hat mich dann mit ihren unnachahmlich großen Augen bewundernd angeschaut und mich „ihren Helden“ genannt. Das hört man natürlich gerne.

Kimi hat mich später gefragt, ob es nicht riskant sei, die Hand von Federlosen so dicht an sich ran zu lassen. Die könnten einen doch locker fangen. Ein weit verbreiteter Irrtum, wie ich im erklärt habe: solange die Hand eine Hirse festhalten muss, kann sie ja wohl kaum nach unsereinem greifen. Ist doch logisch, oder?
Kimi meinte, er müsse darüber noch nachdenken. Hmm, war es jetzt ein taktischer Fehler, dass ich ihm das erzählt habe? Er könnte jetzt ein Konkurrent werden....

Samstag, 24.07.

Heute gabs wieder Hirse aus der Hand. Und Kimi hat sich auch getraut. Das passt mir überhaupt nicht: ich brauche diese Hirse dringend für meine Lisa und kann keine Futterkonkurenz brauchen. Da Kimi sich meinen Argumenten nicht anschließen wollte, blieb mir gar nichts anderes übrig, als ihn wegzuscheuchen. Fand unsere Federlose nicht so lustig. Egal. Ich muss an Lisa denken. Denn Lisa hat mittlerweile das Credo aller Hennen verinnerlicht das da besagt: Warum sollte ich zum Futter gehen, wenn das Futter doch genau so gut zu mir kommen kann?
Und mal ganz ehrlich: Es ist einfach schön, wenn man die Henne seines Herzens mit ausgewählten Körnchen füttern kann.
Außerdem hat meine Federlose, nachdem ich fertig gegessen hatte, die restliche Hirse Kimi hingehalten. Der Kleine kam also auch so nicht zu kurz. Ich brauche demnach kein schlechtes Gewissen zu haben. Sehr beruhigend.

Sonntag, 25.07.

Lisa badet

Lisa hat heute Morgen eine Runde im Pool gedreht, während ich sie vom Rand aus beobachtet habe. Sie meinte, ich solle unbedingt auch reinkommen, das Wasser wäre herrlich. Aber ich denke mir, wenn Wellensittiche schwimmen könnten sollen, dann hätten wir Flossen statt Flügel bekommen. Lisa schimpfte mich einen alten Dreckspatz und meinte, dann solle ich wenigstens duschen – und prompt bekam ich ein Wasserladung ins Gesischt gespritzt. Ääähhh ist das nass!!!
Danach musste sie trocknen und ich habe ihre Brustfedern gerichtet – die drehen sich nämlich immer um, wenn sie nass werden. Aber seit ich mich um ihr Gefieder kümmere, hat sie ein topp gepflegtes Brüstchen.

Montag, 26.07.

Gestern kam die Federlose früher heim und hat mich beim Schreiben an meinem Tagebuch erwischt. Ich hab mich zwar ganz schnell drauf gesetzt und dann meinen Unschuldsblick aufgesetzt, aber sie hat es wohl doch gemerkt. Jedenfalls habe ich sie beim Suchen beobachtet. Hihi, DA kann sie aber lange suchen. Ich habe es wirklich gut versteckt.

Dienstag, 27.07.

Die Federlose sucht immer noch. Viel Spaß, kann ich da nur sagen.

Mittwoch, 28.07.

Die Federlose hat sich heute entschuldigt, dass sie letztens mein Tagebuch ohne mein Einverständnis veröffentlicht hat (wurde ja auch langsam mal Zeit). Und sie hat gefragt, ob ich bereit wäre, es ihr für weitere Verfügungen zur Verfügung zu stellen.
Na, ich weiß nicht. Was hätte ich schon davon?
Sie hat mir Kolbenhirse angeboten. Hm. Muss ich drüber nachdenken. Tagebuch gegen Kolbenhirse... Meine Süße fände das sicher gut. Das wäre doch meine Chance, mich ihr als der ideale Traumhahn zu beweisen.

Donnerstag 29.07.

Habe mit meinem Samtauge über den möglichen Deal gesprochen. Sie ist dafür. Rät mir aber, zwei Klauseln mit in den Vertrag aufzunehmen:
1. Die Kolbenhirse wird nur von Hand verabreicht (hält die unerwünschte Konkurenz vom Hals)
2. Es werden nur Auszüge veröffentlicht – alles was mir zu privat ist, darf ich rausnehmen.
Lisa ist echt schlau! Habe das unsrer Federlosen vorgeschlagen und sie war einverstanden. Super: damit wäre die Lieferung von Kolbenhirse erst mal sicher gestellt (die wird uns hier definitv viel zu selten angeboten!).

Freitag, 30.07.

Mampf, die Kolbenhirse wurde prompt geliefert. Sehr lecker. Findet auch Lisa, die natürliche ihren Anteil von mir persönlich bekommen hat. Zum Dank hat sie mich ausgiebig gekrault. Hach, das Leben ist schön!

Sonntag, 08.08.

Heute Morgen meinte Martin, jetzt es ginge in den Urlaub. Was bitte schön ist Urlaub und woher weiß er, dass es da hingeht?
Martin erklärte, Urlaub sei, wenn die Federlosen alles Mögliche und Unmögliche zusammenpacken, in das rollende Blechhäuschen packen und damit irgendwohin fahren. Dort wird alles ausgepackt und man bleibt für ein paar Tage. Anschließend wird wieder alles ins Blechhäuschen gepackt und man fährt dahin zurück, wo man üblicherweise lebt. Und erkennen könne man es daran, dass da drüben der kleine Transportkäfig stünde.
Aha. Und was heißt das für uns?
Naja, für uns hieße das, dass wir in den kleinen Reisekäfig kommen und mitfahren. Im Urlaub hätten wir dann ein kleineres Häuschen. Martin meinte, früher wäre auch noch unser normales Haus mitgenommen worden, aber seit wir das größere Haus bekommen hätten, wäre das alte, kleinere unser Urlaubsdomizil.
Hm. Ok, das habe ich verstanden. Aber warum machen die Federlosen das?
Tja, warum Federlose das machen, wusste Martin auch nicht. Er könne nur sagen, dass er das in all seinen Jahren halt beobachtet habe. Da im Urlaub immer mehr Federlose zu sehen seine, vermute er irgendwas wie ein Schwarmtreffen als Grund für diesen Urlaub.

Nun ja. Martin hatte jedenfalls Recht: Wir wurden einer nach dem anderen eingefangen und in den kleinen Reisekäfig gesetzt. Dabei hatte ich die Möglichkeit, das unterschiedliche Verhalten meiner Argenossen beim Thema "Einfangen" zu beobachten:

Martin war der Oberhammer - der hat noch nicht mal richtig verucht zu flüchten! Gerdade mal zwei halbherzige Fluchtversuche und dann hing er so am Käfig, dass er bequem "abgepflückt" werden konnte. Ich fasse es nicht! Darauf angesprochen meinte er nur, das sei deutlich stressfreier - letztlich würden einen die Federlosen ja doch schnappen.

Flavia war die nächste. Auch nur sehr langsame Fluchtreflexe - kein Wunder, dass die in null-komma-nix geschnappt wurde. Aber dann hat sie ein riesen Spektakel veranstaltet! Geschimpft wie ein Rohrspatz: Das sei unverschämt! Wie könne die Federlose das wagen! Sie sei die Chefin des Käfigs! Das sei Majestätsbeleidigung und sie verlange sofort, SOFORT, wieder freigelassen zu werden!!!

Dann war ich dran. Ich hab mein Bestes gegeben, war aber gleichzeitig so in Sorge um Lisa, dass ich nicht richtig ausweichen konnte. Schneller als gedacht hatte mich die Federlose in der Hand. Huh, das ist immer fürchterlich! Man weiß ja nie, wie fest die zupacken. Immer diese Angst, zerquetscht zu werden! Auch wenn der Griff nicht so dolle fest war (da hab ich schon Schlimmeres erlebt) und ich auch gleich wieder raus durfte. Trotzdem. Ich mag das nicht! ÜBERHAUPT nicht!

Dann kam Lisa. Sie hat super Reflexe und ist extrem wendig. Hat es der Federlosen echt schwer gemacht. Ich war ein kleines bisschen stolz auf sie. Allerdings ist es schrecklich mit anzusehen, wie die Geliebte in dieser Hand steckt! Ich habe ihr ganz laut zugerufen, dass sie durchhalten soll. Zum Glück ging auch das recht schnell und ruck-zuck saß sie neben mir. Wir haben uns ganz dicht aneinander geschmiegt - dann ist alles nur noch halb so schlimm!
Als Vorletzte kam Suzette. Ähnlich wendig wie Lisa, hat auch sie die Federlose mehrfach ausgetrickst. Aber wie üblich hatte auch sie keine echte Chance. Als sie dann in der Hand steckte, hat sie feste zugebissen und nicht mehr losgelassen. Finde ich persönlich sehr gefährlich, weil man ja nie weiß, wie die Federlosen darauf reagieren. Die könnten einen ja glatt zerquetschen! Ist zum Glück aber nicht passiert. Als Suzette dann im Transportkäfig aus der Hand schlüpfte, konnte ich ganz genau sehen, dass sie bis aufs Blut gebissen hat. Uiii! Die traut sich was! Aber Suzette meinte, das sei weniger Courage als viel mehr Panik. Immer wenn sie in einer Hand stecke, müsse sie einfach zubeißen - das sei ein Reflex. Danach täte es ihr ja auch Leid, da sie eigentlich niemandem weh tun wolle. Aber dieses Gefühl gefangen zu sein, sei einfach entsetzlich!

Zum Schluss kam Kimi. Alles schaute schon erwartungsvoll dem "Showdown" entgegen: Kimi ist bekannt dafür, die Federlose ziemlich in Atem zu halten. Er hat es auch promt geschafft, sich an ihrem Körper vorbei zu drängen und aus den Käfig zu entwischen! Hey, unser Held!! Setzte sich auf den Transportkäfig und rief der Federlosen keck zu, sie könne ja mal versuchen, ihn zu kriegen. Ähhhm, das fand ich ziemlich leichtsinnig angesichts der Tatsache, dass sie zu einem Kescher griff... Kimi war noch voll dabei, sich über sie lustig zu machen, als auch schon der Kescher über ihm lag. Und schupps, war auch er im Tranportkäfig! Kimi war total perplex: einen Kescher kannte er noch gar nicht.

Nun ja. Nachdem wir alle wieder glücklich vereint waren, wenn auch nur in diesem kleinen Transportkäfig, kam ein Tuch drüber und es ging los. Man, das schaukelte vielleicht! Können diese Federlosen nicht etwas sanfter gehen?!

Dann kam das Tuch wieder weg und wir wurden ganz vorne in das rollende Bechhäuschen gesetzt: Oh prima, wir dürfen rausschauen! Kimi war total aufgedreht, Lisa und Flavia mussten alles kommentieren, Martin machte sich gleich über die Hirse her und ich war total neugierig. Nur Suzette saß sehr gesittet auf der Stange. Ja klar, das ist typisch für sie: bloß nicht die Contenance verlieren.
Und dann gings endlich los! Total aufregend! Was man alles zu sehen bekommt - die Welt ist doch schon um einiges größer als gedacht. Wir haben "Ich sehe was, was Du nicht siehst" gespielt, mit dem Radio um die Wette gesungen, die Federlose mit Gurkenstücken beworfen und uns um die Hirse gezankt. Kurz: eine mords Gaudi!!
Appelle unsrer Federlosen, doch bitte etwas leiser und gesitteter zu sein, haben wir einfach ignoriert.

Irgendwann kamen wir an. Wir waren schon etwas müde, von der langen Reise. Obwohl - sich endlich mal wieder ordentlich die Flügel zu verschlagen, wär auch nicht verkehrt. Wir wurde in ein Federlosenhaus getragen. In einem sehr großen Zimmer stand auch schon ein Käfig bereit. Die anderen erkannten es als ihr altes Zuhause. Hm. Ja, ist schon deutlich kleiner. Na, immerhin gibt es sechs Schlafschaukeln. Und sechs Futternäpfe. Es wird schon gehen.
Das Türchen unseres Transportkäfigs öffnete sich und Martin, Kimi und Suzette waren sofort draußen. Flavia kam etwas gemütlicher hinterher (als Chefin sollte man immer Gelassenheit demonstrieren). Nur Lisa und ich waren noch drin. Als private kleine Liebeslaube wäre es doch gar nicht so schlecht. Dumm nur, dass die Federlose Hirse und Gurke entfernen musste. Futter gabs nur noch im anderen Käfig. Naaa guuut. Dann gehen wir halt auch raus.
Draußen sind wir dann erst mal ein paar Runden geflogen. Schön, wenn man endlich mal wieder seine Flügel ausbreiten kann! Wozu hat man die sonst?! Weil es aber schon recht spät war, sind wir dann doch recht zügig ins Urlaubsdomizil rein. Dort noch ein leiches Abendessen und ab auf die Schlafschaukeln.
Mann, der Tag war ganz schön aufregend!

Montag, 09.08.

Der erste Tag im "Urlaub". Eigentlich ein ganz normaler Tag: Das Schlaftuch wurde entfernt, die Federlose wünschte uns einen guten Morgen, dann wurden die Türchen geöffnet und es gab frisches Wasser, Grünfutter und unseren Swimmingpool. Also eigentlich alles so wie immer.
Nur dass es hier mehr Federlose gibt. Martin hatte Recht: das ist wohl ein Schwarmtreffen.

Hmm. Interessant. Da kann man mal das Sozialverhalten der Federlosen beobachten. Das kann sehr faszinierend sein. Es gibt hier vier Stück davon: "unsere" Federlose, zwei weitere, die auch erwachsen aussehen (sind auf jeden Fall genauso groß) und ein sehr kleines Federloses. Ist aber glaub ich kein Küken mehr. Zumindest geht es schon auf zwei Beinen. Ob Hahn oder Henne kann ich aber nicht sagen. Das ist immer ziemlich schwer bei denen. Besonders wenn sie noch jung sind. Wenn sie mal ältern werden, ist es leichter: die Hennen haben längere Haare (also diese total dünnen Federn, die sicherlich zu nichts zu gebrauchen sind). Und sie haben nicht ganz so tiefe Stimmen. Manchmal haben die Hähne auch noch Haare im Gesicht. Aber nicht immer. Der federlose Hahn hier zum Beispiel hat keine Haare im Gesicht. Und er scheint mit der anderen Henne verpaart zu sein. Die sitzen nämlich auch oft zusammen - wie Lisa und ich. Und sie berühren sich mit den Händen. Muss war ähnliches sein, wie wenn Lisa und ich uns kraulen. Dann vermute ich jetzt mal, dass dieses Mini-Federlose ihr Küken ist. Oder besser, ihr Kind, wie die Federlosen das nennen.

Bei Kindern bin ich immer etwas misstrauisch. Sie sind zwar kleiner als die ausgewachsenen Federlosen, aber dafür meist sehr unkontrolliert, tatschen alles mit den Händen an, schreien laut und fuchteln wild mit den Armen. Ich überlege dann immer, wo eine Rückzugsmöglichkeit ist. Ich kenne das schon, schließlich habe ich bei meinen ersten Federlosen in einem Kinderzimmer leben müssen. Besser, man versucht unsichtbar zu sein; sonst wollen die einen "streicheln". Uäähh!

Das federlose Kind war auch sehr fasziniert von uns. Kam immer näher. Streckte schon seine Hand nach unserem Käfig aus. Wir haben das alle seeehhhr skeptisch beobachtet. Notfalls müssten wir alle ganz schnell aus dem Käfig raus (die Türchen waren zum Glück offen).
Da kam zum Glück unsere Federlose angelaufen und meinte zu dem Mini-Federlosen: "Nein mein Schatz. Die Vögelchen darfst Du nicht anfassen. Du bist doch sooo groß, und die sind soo klein. Die bekommen sonst Angst.".
Ja, genau: wir bekommen sonst Angst! Erstaunlich, dass es Federlose gibt, die das verstehen. Ich finde, das sollte sich bei denen mal rumsprechen.

Der Rest des Tages war sehr entspannt. Manchmal waren alle Federlosen im Raum und manchmal waren wir ganz allein und konnten in aller Ruhe unsrer Tagesbeschäftigung nachgeben (also fliegen, fressen, schlafen, quatschen). Und die Liebe kam natürlich auch nicht zu kurz.
So schlecht scheint Urlaub gar nicht zu sein.

Dienstag, 10.08.

Wieder ein schöner, sonniger Morgen. Heuet mit Lisa ausgiebig geschnäbelt. Drei Federlose standen mit verklärtem Blick vor unserem Käfig. Hähäm. Wir sind hier doch nicht im Zirkus!
Sie schienen unsere vorwursfvollen Blicke zu verstehen und haben sich eine andere Beschäftigung gesucht. Na geht doch!
Das federlose Kind kam angetappt und rief: "Komm her, Martin" oder so ähnlich. Martin schaute sich das mit schräg gelegtem Kopf an - aber natürlich sah er sich keineswegs veranlasst, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Wir sind nicht gewohnt, irgendwelchen Befehlen zu gehorchen. Wäre ja noch schöner.
Mittags gabe es dann wieder Kolbenhirse aus der Hand. Kimi wollte auch. Wir hatten eine kleine Diskussion, bis wir uns über die Verteilung der Hirse geeinigt hatten. Der Junge ist ein netter Kerl, aber ich sehe nicht so ganz ein, warum er meine Hirse haben soll.

Mittwoch, 11.08.

Wird immer schlimmer: Heute kam sogar Martin und wollte seinen Teil von MEINER Hirse abhaben. Hey, Leute! Ich verdiene hier die Körnchen. Also sind das auch meine!
Interessanter Weise kämpfte Kimi auf meiner Seite und versuchte Martin zu vertreiben. Wenn's ums Futter geht versteht der Kleene keinen Spaß. Die Federlose war aber offenbar der Meinung, dass wir alle was von der Hirse abhaben sollen. Sie hat sie später etxra für Martin hingehalten. Wie ungerecht! Aber der war ja schon immer ihr Liebling! Grummel!

Das ist aber auch ein Charmeur, der Martin. Flirtet hemmungslos mit allem - auch mit Federlosen. Ich habe das genau beobachtet: Wenn unsere Federlose vorm Käfig steht und mit uns spricht, dann setzt er sich gerne auf die vorderste Schaukel, ganz dicht am Gitter. Klar, dass er die Aufmerksamkeit so auf sich zieht. Dann spricht sie nur mit ihm. Und was macht er? Er stellt die Kopffedern auf, legt den Kopf schief und spielt seinen Ferführerblick Marke "ich bin der schönste Hahn der Welt und keine kann mir widerstehen" aus. Und das absolut verrückte ist: es wirkt! Die Federlose verzieht ihr Gesicht so komisch und fängt an, ihn mit "hübscher Hahn" und "kleiner Süßer" zu titulieren... Total irre!!

Lisa meint, die Federlose würde sich dann freuen. Das könne man ganz klar daran sehen, wie sie das Gesicht verzieht. Echt? Ich wundere mich immer wieder, wie Lisa diese skurile Mimik deuten kann. Sie meint, das läge daran, dass sie so lange Zeit nur in der Gesellschaft von Federlosen gelebt habe. Da hätte sie aus purer Langeweile nicht anderes tun können, als die genauer zu beobachten.

Das merke ich jetzt übrigens auch noch: Kaum steht unsere Federlose vor dem Käfig, beobachtet Lisa sie sehr, sehr aufmerksam. Sie meint, man könne da unheimlich viel über den Charakter der Federlosen lernen. Aha. Nun ja, es kann nicht schaden, etwas mehr über diese seltsame Spezies zu wissen. Aber mir persönlich reicht es, wenn ich weiß, dass sie regelmäßig für Futter (meine Hirse!!) und Wasser sorgen, und brav den Dreck hier wegräumen. Ansonsten sag ich, leben und leben lassen. Und das klappt mit unserem federlosen Exemplar ja recht gut. Vor allem, weil sie tagsüber fast nie da ist. Da könnte man glatt vergessen, dass in dieser Wohnung überhaupt noch eine Federlose lebt.

Naja, hier nicht. Hier gibt es ja vier davon. Aber die stören zum Glück auch nicht groß.
Und Kimi ist ganz begeistert: die Flugbahn hier ist ganze zwei Meter länger als daheim! Ist ja wohl klar, dass er das ausnutzen muss. Der Angeber!!

Donnerstag, 12.08.

KATASTROPHE!!! Suzette - ausgerechnet Suzette!! - kam heute zu meiner privaten Hirsefütterung (die ja sowieso mittlerweile alles andere als privat ist), und wollte auch was abhaben!! Aaaahhhhaaahhh!!! Und Flavia kam hinterher!! Die spinnen die Hennen!! Seit wann wollen diese Angsthasen Hirse aus der Hand?!?!
Kimi muss geplaudert haben! Dass der Kerl aber auch seinen Schnabel nicht halten kann!!
Natürlich haben die zwei Damen uns drei Jungs von der Hirse vertrieben. Hah! Das hatte Kimi jetzt davon! DER darf jetzt auch nur noch zugucken.

Aber es wurmt mich schon: da schreibe ich fleißig Tagebuch, um Lisa was Besonderes bieten zu können, und dann das!
Völlig geknick schlich ich zu Lisa und meinte, wenn sie Hirse wolle, müsse sie selbst gehen. Ein Hahn könne unmöglich was gegen die zwei Hennen sagen. Lisa meinte, ich solle Geduld haben. Suzette und Flavia hätten bestimmt bald genug. Ja klar: dann, wenn alles weg ist. Hmpf. Aber Lisa war sich sicher, dass die Federlose mir dann noch die versprochene Hirse reichen würde. Vertrag sei schließlich Vertrag.
Was soll ich sagen: Mein Samtauge hatte wie immer Recht.

Freitag, 13.08.

War ein total gemütlicher Tag. Bin viel geflogen (auch wenn ich nach wie vor gegen Kimi verliere - damit muss ich mich wohl abfinden). Außerdem wieder mit Lisa geschnäbelt. Und von meinem Schätzchen eine schöne, lange Kopfmassage bekommen.
Liebe ist was Schönes!

Samstag, 14.08.

Heute wieder ein bisschen Zeit in die Beobachtung der Federlosen investiert. Habe im Verlauf der Woche festgestellt, dass Federlose viel kommunikativer sind, wenn sie zu mehreren anzutrefen sind. Eigentlich erstaunlich, was die da so im Laufe eines Tages daher quatschen. Da wüsste ich manchmal ganz gerne, was die sich so alles zu erzählen haben...
Außerdem konnte ich beobachten, dass sie sehr viel gemeinsam machen. Zum Beispiel essen: fängt einer an, futtert bald der ganze Schwarm. Und ganz besonders komisch: meist warten die aufeinander. Das finde ich echt seltsam - da scheint Futterneit eher unbekannt zu sein. Und die warten auch alle, bis auch der letzte fertig ist. Hmm. Interessantes Konzept.
Und Federlose sind deutlich aktiver, wenn mehrere unterwegs sind. Vor allem dieses Mini-Federlose wuselt überall rum und sorgt für Abwechslung.

Wenn ich so drüber nachdenke, dann sind unterscheiden die sich gar nicht so sehr von uns, wie ich immer dachte.
Was mich dazu bringt, darüber nachzugrübeln, wieso die uns dann allein halten. Ich glaube nicht, dass ein Federloser sein ganzes Leben allein und einsam in seiner Wohnung verbringen möchte. Wenn die mal von sich auf uns schließen würden, dann müsste ihnen doch klar sein, dass wir Wellis auch nicht allein sein wollen.
Nun, immerhin scheinen ein paar von denen das schon zu wissen. Hoffentlich sagen die das weiter.

Sonntag, 15.08.

Heute Morgen meinte Martin, heute ginge es zurück nach Hause. Habe ihn gefragt, woher er das denn wisse. Er meinte, das sei doch sonnenklar, denn da drüben könne ich schon den Transportkäfig sehen.
Er hatte Recht. Natürlich. Er ist ja Käfigältester.

Der Transportkäfig wurde in Position gebracht und dann ging es auch schon los. Zu meiner großen Verwunderung bezog Martin Posten auf einem Ast links hinten im Käfig und blieb einfach sitzen. Auf meinen verwunderten Blick antwortete er, dass er immer als erster eingefangen würde.
Er hatte Recht. Natürlich. Er ist ja Käfigältester.
Martin saß also auf seinem Ast. Die Federlose schob Hand und Arm von rechts unten durch das schmale Türchen (bequem konnte diese halb gebückte Haltung nicht so wirklich sein) und wedelte dann mit der Hand direkt vor Martins Füßchen rum. Martin blieb sitzen. Ungerührt. Die Hand wedelte stärker. Martin legte den Kopf schief. Und blieb sitzen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Die Federlose forderte Martin auf, doch mal da weg zu gehen. Martin blieb sitzen. Da reckte sich die Federlose - und kurz bevor sie die Hand so hoch hatte, dass sie Martin hätte greifen können, war der flugs auf einen anderen Ast geflogen. Ey, coole Socke!
Dann hat Martin sich aber ziemlich zügig wieder so an das Käfiggitter gehängt, dass er bequem "abgepflückt" werden konnte. Stress scheint nicht sein Ding zu sein...

Die anderen haben sich in etwa gleich verhalten, wie beim ersten Einfangen: Flavia hat lauthals protestiert, ich habe nichts gesagt, Lisa hat sich gut geschlagen, Suzett hat wieder gebissen und Kimi, ja Kimi hatte wieder Pech: diesmal war es ein Rollo, dass kurzfristig alles ins Dunkel tauchte. Da war dann nur ein kurzer Empörungsschrei zu hören, dann wurde es wieder hell und Kimi saß auch schon im Transportkäfig.

Danach ging es wieder zurück. Klar, dass wir wieder Party gemacht haben und unsere Federlose nach besten Kräften unterhalten haben.
Am Abend kamen wir dann glücklich an. Ach ja, Urlaub ist schön, aber daheim ist noch schöner. Und am allerschönsten ist es, wenn endlich das Türchen des Transportkäfigs aufgeht und wir endlich, endlich wieder unesre Flügel ausbreiten können!
Und klar, dass wir dann nach der ganzen Aufregen schon früh müde waren und auf unsere Schlafschaukeln geklettert sind. Lisa und ich haben zwei nebeneinander liegende Schaukeln ergattert. Sie hat mir netterweise noch eine kleine Kopfmassage gegeben. Hach, was geht's mir gut! Zufrieden sind wir alle eingeschlafen.

Montag 16.08.

Soooo. Heute war erst einmal Durchschnaufen angesagt. Immerhin hatten wir eine ereignisreiche Urlaubswoche hinter uns gebracht. Das Wetter draußen war auch ziemlich trüb, so dass wir alle ziemlich faul waren.
Erstaunlicherweise war unsere Federlose heute zuhause. Na sowas. Müsste die nicht endlich mal wieder raus und arbeiten? Irgendwer muss hier doch schließlich die Körnchen ranschleppen. Und wir können das ja wohl nicht machen!
Immerhin hat sie frisches Obst, Gemüse und Salate aufgetischt. Und leckere Erdbeeren! Hmmmm – himmlisch! Die roten Dinger gibt es sonst nur am Wochenende. Ist heute am Ende gar Wochenende? Dieser Urlaub hat mein ganzes Zeitgefüge durcheinander gebracht!

Dienstag 17.08.

Na also: die Alltagsroutine ist zurück und unsere Federlose hat frühmorgens das Haus verlassen. Heißt im Klartext: Wir sind die Chefs! So muss es sein.

Kimi fing am Vormittag mal wieder an, Suzette anzubalzen. Und dieses Mal hatte er doch glatt Erfolg. Unfassbar: Suzette hat sich doch glatt von ihn füttern lassen! Der Kleine war total aus dem Häuschen und erzählte jedem der es wissen wollte (und den anderen auch), dass er es nach anderthalb Jahren hartnäckigen Werbens endlich geschafft habe, die kleine gelbe Mademoiselle von seinen Qualitäten zu überzeugen. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass Martin dieses „Ereignis“ nicht ganz so enthusiastisch feierte…

Na jedenfalls hat Kimi laut herum posaunt, was für ein ausdauernder und beständiger Hahn er doch sei. Ich weiß jetzt echt nicht, was daran so toll ist; einer Henne so lange auf den Keks gehen, dass sie irgendwann genervt nachgibt – also ich finde, eine Henne muss im Sturm erobert werden!

Kimi widersprach, dass sich Suzette für eine stürmische Eroberung nicht eigne. Sie sei viel zu sehr feine Dame, um sich dem Erstbesten an den Schnabel zu werfen. Na, wenn er meint.

Kann mir ja egal sein: ich hab ja Lisa! Und die lässt sich nicht nur füttern, nein, die lässt sich auch kraulen. Und das allerbeste: Sie krault mich auch!

Mittwoch 18.08.

Kimi hat heute Morgen Suzette gefüttert. Das muss ich notieren, denn glaubt man seinen großen Reden, dann ist es DAS Ereignis des Tages.
Anschließend hat er Flavia gefüttert. Und jetzt sitzt er auf seinem Ast und gibt mächtig damit an, dass er zwei Hennen habe. Martin verdreht nur die Augen (schließlich füttert und flirtet er mit den beiden Damen seit über einem Jahr).

Ich verdrehe nicht die Augen. Ich schaue lieber in die tiefschwarzen Augen meiner holden Schönen. Hach ja, Liebe ist echt was Schönes!

Donnerstag 19.08.

Kimi nervt. Ganz gewaltig. Ja, wir haben es alle kapiert: Suzette lässt sich von ihm füttern.
Aber weiter ist er noch nicht gekommen. Wird er auch nicht.
Und ich habe dieses Geprahle endlich satt. Sooo schwer ist es nun wirklich nicht, eine Henne anzubalzen. Würde ich locker in zwei, drei Tagen schaffen. Dann hängt sie an meinem Schnabel und lässt sich von mir füttern. Das ist ja nun wirklich kein Kunststück.
Doch, meinte Kimi, bei Suzette sei es ein Kunststück.
Dem hab ich ernsthaft widersprochen. Ich würd sie garantiert rumkriegen.
Da hat mir Kimi eine Wette vorgeschlagen: Wenn ich es bis Sonntag schaffe, dass Suzette sich von mir füttern lässt, dann bekomme ich seine Ration von der Erdbeere.
Na da schlag ich doch ein, Kumpel!
Nichts leichter als das. Die Erdbeere ist schon so gut wie meine!

Freitag 20.08.

Heute Morgen habe ich die Operation „Erdbeere“ gestartet.
Suzette saß noch auf einer Schaukel und genoss die ersten Sonnenstrahlen. Ich bin also eilig runter ans Futter und habe erst mal meinen Kropf gefüllt (man muss ja vorbereitet sein). Dann bin ich wieder hoch und habe mich auf die Nachbarschaukel gesetzt. Ganz artig, und völlig harmlos, wünschte ich einen guten Morgen. Die Dame guckte etwas irritiert (klar, war sie von mir nicht gewöhnt). Ich fing an, ihr Geschichten von den Aufwachritualen in meiner Pflegestelle zu erzählen – das Warm-up kam offenbar gut an. Suzette lauschte meinen Erzählungen interessiert. Perfekt. Als nächste Stufe kam eine Story über ein verliebtes Pärchen – und in diesem Zuge habe ich ganz unauffällig die Balz gestartet (sozusagen als Geschichte mit Live-Act). Leider kam das nicht so gut an. Sie meinte, sie sei noch nicht ganz wach und ich solle aufhören, dauernd gegen die Schaukel zu klopfen – davon bekäme sie Kopfweh. Aha. Na gut. Dann geh ich mal wieder.

Kimi guckte spöttisch. Aber der Tag ist noch nicht zu Ende und Sonntag ist erst in zwei Tagen. Und die Erdbeere gebe ich nicht kampflos auf.

Nach der Mittagsruhe startete ich meinen zweiten Versuch: Die gelbe Mademoiselle saß auf dem Eckbrettchen und reckte sich. Wie zufällig kletterte ich vorbei und fragte, wie sie geschlafen habe. Ganz gut.
Ich sagte ihr, sie sähe entzückend aus, wenn sie das Köpfchen in das Gefieder steckt. Überhaupt habe sie ein bemerkenswert schönes, dichtes und glänzendes Gefieder. Jede Henne liebt diese Sätze. Suzette auch. Der Einstieg in eine Unterhaltung war gemacht. War überraschend nett, mit ihr zu plaudern. Die ist gar nicht so arrogant, wie ich immer dachte. Als ich dann allerdings wieder in die Balz überging, hackte sie mal kurz mit dem Schnabel nach mir und meinte, nun sei aber genug. OK. Dann geh ich mal wieder.

Abends habe ich mich mit Lisa unterhalten. Sie war irgendwie komisch. Wollte mich auch gar nicht so richtig kraulen. Ob sie schlechte Laune hat? Aber das bilde ich mir sicher nur ein.

Samstag 21.08.

Heute bin ich mit dem Gedanken aufgewacht, dass ich unbedingt morgen die Erdbeere will.
Natürlich habe ich, als treu sorgender Hahn, erst mal meine Lisa gefüttert. Die wollte aber gar nicht so richtig. Sie meinte, sie sei noch nicht hungrig und würde sich nachher selbst was holen. Auch gut. Kann ich mich gleich an Suzette versuchen. Sie war heute schon deutlich umgänglicher. Die vielen Komplimente zeigen Wirkung. Und auch von netten Geschichten lassen sich die Damen immer wieder gerne entzücken. Zumindest hat sie mir erlaubt, dass ich mit meinem Schnabel an ihren klopfe. Na also! Ich mache Fortschritte!

Anschließend bin ich raus auf den Käfig zu Lisa. Wollte ein bisschen mit ihr an der Korkrinde schreddern. Aber kaum war ich da, hatte sie schon keine Lust mehr und verschwand im Käfig. Was hat sie bloß? Immerhin kamen Martin und Kimi vorbei und wir haben zu dritt einen ordentlichen Haufen Späne geschreddert. Höchst zufrieden mit unserem Werk sind wir zum Mittagessen in den Käfig.

Nach dem obligatorischen Mittagschläfen bin ich wieder bei Suzette vorbei. Wir verstehen uns mittlerweile ganz gut. So bin ich ziemlich direkt an die Balz und zum Schnabelklopfen übergegangen. Sie hat eifrig mitgemacht.
Kimi hat uns sehr missmutig beobachtet. Martin hat nur sein Gefieder geschüttelt und den Kopf schief gelegt.

Den Rest des Nachmittags haben wir Wettfliegen veranstaltet. Kimi hat gewonnen – natürlich. Aber ich war auch nicht schlecht. Zweiter von sechs ist doch nicht übel, oder?

Abends wollte ich auf Lisas Nachbarschaukel und da hat sie doch tatsächlich nach mir gehackt. Hee, was soll das?!
Das wisse ich ganz genau, meinte sie.
Wenn ich’s wüsste würde ich ja nicht fragen, oder?!
Aber mit Lisa war nicht zu reden. Also habe ich mir eben eine andere Schlafschaukel gesucht. Neben Suzette war noch was frei.

Sonntag 22.08.

Verdi hat die Erdbeere gewonnen

Juchuhh! Es hat geklappt! Heute Morgen hat sich Suzette von mir füttern lassen!
Das bedeutet: Ich bekomme die Erdbeere!!
Kimi ist ganz geknickt. Er meint, das sei nicht fair. Ich hätte einen Farbvorteil, weil ich grün-gelb bin. Da könne ein blauer Welli wie er einfach nicht mithalten.
Tja, die Einsicht kommt zu spät: Die Erdbeere ist meine!

Ich wollte Lisa was davon abgeben, aber sie hat dankend abgelehnt. Sie meinte, ihr sei der Appetit auf Erdbeeren gerade vergangen. Ich könne ja Suzette fragen, ob sie an Erdbeeren interessiert sei. Also Hennen können aber ganz schön launisch sein.

und muss gleich an suzette abgeben

Suzette wollte in der Tat Erdbeere. Aber nicht von mir, sondern selbst abpicken. Sie liebt diese kleinen Körnchen. Nun ja. Dann gehe ich eben mal wieder hoch aufs Dach und schredder mal was.

Zur Mittagsruhe saß Lisa auf unseren Ast. Ich dachte, ich klettere mal schnell vorbei und wir kuscheln noch ne Runde vor dem Nickerchen. War aber nicht. Kaum hatte ich einen Fuß auf den Ast gesetzt, als sie auch schon nach mir hackte. Sie sei hier zuerst gewesen und ich solle mich nach einer anderen Sitzgelegenheit umschauen.
Also irgendwas passt hier doch nicht. Ich habe mein Samtauge gefragt, was denn los sei. Oh, böser Fehler, ganz böser Fehler!
Auf mich ergoss sich eine Schimpftirade, die sich gewaschen hatte: Ich sei ein Betrüger und Fremdschnäbler! Ein untreuer Taugenichts! Ich hätte sie einfach links liegen lassen! Diese Demütigung! Vor aller Augen musste ich mit Suzette rummachen! Ich sei ein emotionaler Holzklotz! Ein ganz mieser Casanova! Ein Herzensbrecher der schlimmsten Sorte! Und ich könne ihr jetzt gestohlen bleiben! Sie brauche keinen Hahn. Zumindest keinen wie mich!!!

Oha. Das hat gesessen. Hm. Vielleicht war die Idee mit der Wette doch nicht so brilliant, wie ich dachte. Ich verkrümelte mich also still in eine andere Ecke und versuchte mich zu beruhigen. Lisa ist jetzt einfach ein bisschen aufgewühlt und hat daher überreagiert. Aber die kriegt sich schon wieder ein. Sie ist ja eigentlich immer sehr vernünftig.

Nach dem Mittagsschläfchen habe ich dann noch zwei- oder dreimal versucht, mich Lisa zu nähern, aber sie ist immer gleich weggeflogen. Reden unmöglich.

Und abends, tja, da war ich zu langsam und als ich mir meine Schlafschaukel suchen wollte, war nur noch eine neben Lisa frei. Ich habe kurz erwogen, ob ich mich neben sie setzen sollte. Aber sie hatte so einen Blick drauf. Ein Blick der sehr deutlich sagte: „Wag es ja nicht, du Wurm!“ Also habe ich Wurm es nicht gewagt und bin auf meinem Ast geblieben. Ganz einsam. Seufz.

Montag 23.08.

War eine besch…eidene Nacht! Ich konnte kein Auge zu machen. Immer wieder musste ich an Lisas Vorwürfe denken. Hab ich mich echt so daneben benommen? Und wie kann ich das alles wieder gerade biegen? Und einsam war ich. Bin es nicht mehr gewohnt, allein auf einem Ast zu sitzen.

Der Tag war auch nicht besser. Lisa ignoriert mich. Jedes Mal, wenn ich zu ihr auf einen Ast klettere, oder angeflogen komme, dreht sie sich um und zeigt mir den kalten Flügel. Ich habe mehrfach versucht, mit ihr ein Gespräch anzufangen – keine Chance. Da sind ja die Salatblätter gesprächiger…

Ein bisschen Ansprache konnte ich zum Glück bei Martin und Kimi finden – die Jungs sind echt gute Freunde. Aber bei Lisa hilft mir das nicht weiter.

Bin ratlos.
Und unglücklich.

Dienstag 24.08.

Wieder eine Nacht allein auf der Stange verbracht. Und wieder ein ganzer Tag, ohne dass sich Lisa mit mir beschäftigt hätte.

Was mache ich jetzt bloß??

Mittwoch 25.08.

Wenn Lisa nicht will, dann bleibt nur noch Suzette. Also machte ich mich auf, um Suzette das Frühstück zu bringen. Doch statt sich füttern zu lassen, rückte sie von mir ab und fragte, was das Ganze eigentlich solle.
Äh, bitte? Was meint sie damit?
Das wisse ich ganz genau!
Wie ich diesen Satz hasse – können Hennen denn nicht einfach mal auf meine Frage antworten?! Mein Unverständnis muss sich wohl in meinem Gesicht abgezeichnet haben. Jedenfalls hatte Suzette ein Einsehen und klärte mich auf. Sie meinte, es sei für jeden hier ganz offensichtlich, dass ich mein Herz an Lisa vergeben hätte. Und da würde für sie (Suzette) ja wohl nie mehr rausspringen, als meine Gelegenheitsaffäre zu sein. Und das sei eigentlich unter ihrer Würde. Daher teile sie mir hier klipp und klar mit, dass sie mit mir keine Partnerschaft eingehen wolle. Wir könnten ja Freunde bleiben und ein gelegentliches Füttern sei auch in Ordnung - solange es auf rein freundschaftlicher Basis bestehe.
Wow. Diese Henne hat echt Prinzipien! Nun ja. Eigentlich ist das nicht weiter schlimm. Wenn ich doch nur endlich eine Idee hätte, wie ich Lisa zurückerobere…

Hi Verdi,

entschuldige, dass ich mich Deines geheiligten Tagebuchs bemächtige. Du weißt ja, ich mag Dich. Weil Du ein echt netter Typ bist. Und ein guter Kumpel.
Deshalb hoffe ich, Du nimmst mir diese offenen Worte nicht übel, aber ich muss es jetzt einfach mal loswerden:
Kumpel, Du bist ein Depp! Du bist sogar der größte Depp, der mir je vor den Schnabel gekommen ist!
Viele von uns träumen von der großen Liebe, aber nur ganz wenigen ist es vergönnt, sie zu finden und dann auch noch mit ihr zusammen leben zu dürfen. Und Du Glückspilz bist einer dieser ganz wenigen Auserwählten. Du hast hier eine super süße Henne gefunden, die Dich zärtlich liebt, Dir das Köpfchen krault und geduldig Deinen langen Erzählungen lauscht.

Und was machst Du?! Du schnäbelst fremd!
Und warum?! Nicht etwa, weil Dir die andere besser gefällt, nein, der Herr tut es wegen einer Wette! Um eine ERDBEERE!!!

Hey Kumpel, Du weißt, ich bin auch verfressen. Aber SO verfressen, dass ich dafür die Liebe meines Lebens aufs Spiel setze… Also nee, wirklich!

Lisa hat schon Recht, wenn sie Dich jetzt ignoriert. Denn jetzt bist Du am Zug. Du musst ihr erst noch beweisen, dass Du sie noch liebst.
Am besten, Du wirfst Dich vor ihr in den Staub und entschuldigst Dich in aller Form für diese, nennen wir es mal „Entgleisung“. Außerdem solltest Du ihr sagen, dass dir das alles sehr Leid tut und Du jetzt Deine Lektion gelernt hast und dass es nie wieder vorkommt. (Dass Du sie für eine Erdbeere betrogen hast, würde ich an Deiner Stelle allerdings nicht erwähnen – es könnte sein, dass sie das nicht allzu gut aufnimmt…)

Mit etwas Glück nimmt sie Dich wieder. Nun ja, ich denke, Du bist berechtigt, Dir da Hoffnungen zu machen – das Angebot an Hähne ist hier ja nicht besonders groß…

In diesem Sinne wünsche ich Dir alles Gute!
Tschöbidö,
Dein Kumpel Martin.

Donnerstag 26.08.

Habe Martins Eintrag in meinem Tagebuch gestern gelesen. War zuerst ziemlich sauer – was erlaubt der sich eigentlich? Das ist MEIN Tagebuch! Andererseits, nach einigem Nachdenken musste ich dann doch eingestehen, dass er Recht hat. Ich bin echt ein lausiger Partner!

Hmm… Immerhin hat mir Martin einen guten Rat gegeben. Den sollte ich dringen befolgen. Obwohl – also das mit dem in-den-Staub-werfen – ich glaube nicht, dass das so gut ankommt. Mal abgesehen von der Tatsache, dass es hier keinen Staub gibt, in den ich mich werfen könnte (nur dieses Küchenpapier), liegen da unten einiges an Spelzen und anderen Hinterlassenschaften rum. Ich glaube, mein Samtauge wäre wenig begeistert, wenn ich mich da reinlege. Sie würde höchstens das Näschen rümpfen und sagen: „Verdi, du bist ein echter Schmutzfink!“. Das könnte sich etwas ungünstig auf den weiteren Gesprächsverlauf auswirken…

Aber die anderen Tipps hören sich echt gut an. Ich muss noch ein bisschen an der Ausformulierung feilen... Und dann, nach dem Mittagessen, wenn sie satt und zufrieden ist, werde ich es versuchen.
Hoffentlich klappt es.

Mann, hab ich einen Bammel….

Freitag 27.08.

Hurra, es hat geklappt!!
Lisa hat mir verziehen. Sie hat mich anfangs ganz schön zappeln lassen.
Also habe ich mein schwerstes Geschütz aufgefahren und gesagt, dass ich ohne sie ein Nichts bin. Die letzten Tage sind mir eine echte Lehre gewesen, dass ein Leben ohne sie ist, als habe man die Sonne gesehen, nur um danach in tiefster Dunkelheit umherwandern zu müssen. Kein Leuchten, keine Wärme, keine Farben – nur stockdunkle Nacht und Einsamkeit.
Es sei eine schier unverzeihliche Dummheit gewesen, ohne Grund mit einer anderen Henne anzubändeln, aber ich hoffe trotzdem auf ihr großes Herz. Und ich gelobte feierlich, dass ich von jetzt an ein mustergültiger Partner sein wolle.
So nach und nach ließ ihre Abwehrhaltung nach. Und zum Schluss meinte sie, dass sie mir diesmal noch verzeihen würde. Ich sei zwar ein schlimmer Fliou, aber sie liebe mich trotzdem.

Puhh, da fiel mir aber echt ein Stein vom Herzen. Ach was Stein – ein ganzes Gebirge!!

Und das schönste, ich durfte sie abends schon wieder füttern. Und kraulen. Und dann hat sie sogar mich gekrault.
Hach, was ist die Welt doch schön!!!!!

Samstag 28.08.

Heute ist ganz offensichtlich Wochenende. Gleich zum Frühstück gab es Keimfutter. Der kulinarische Höhepunkt der Woche. Also von mir aus könnte jeden Tag Wochenende sein.
Nach der Versöhnung mit Lisa bin ich als erster zum Futter um meinen Kropf bis zum Anschlag zu füllen. Man muss der Dame seines Herzens ja was bieten können, nicht wahr?

Den restlichen Tag habe ich überwiegend mit Lisa verbracht. Da ich jetzt wieder in Gnaden aufgenommen wurde, verbringe ich so viel Zeit wie möglich mit ihr. Sie ist ja schon die süßeste Henne der Welt. Ich war schon ein echter Volltrottel, dass ich so leichtsinnig riskiert habe, sie zu verlieren…

Sonntag 29.08.

Habe heute die Vorteile erfahren, die man als Hahn hat, wenn man mit einer Henne verpaart ist.
Ich liebe Gurkenkerne. Die werden in einem extra Schälchen angeboten. Also bin ich hin und habe angefangen zu futtern. Da kam doch glatt Kimi angeflogen und steuerte volle Kanne auf meinen Sitzplatz zu. Ich hatte gar keine andere Chance, als auszuweichen, wenn ich nicht über den Haufen geflogen werden wollte.
Und während ich noch völlig verdutzt auf dem Ast saß, auf den ich mich in Sicherheit gebracht hatte, und darüber nachdachte, wie ich diese freche Attacke denn nun beantworten sollte, fing Kimi an, sich über die Gurkenkerne herzumachen. Ich war sprachlos! So ein Frechdachs!

Lisa hatte das beobachtet. Kurzentschlossen kam sie angeklettert – direkt auf Kimi zu. Der tat erst mal so, als sähe er sie nicht und fraß ungerührt weiter. Lisa kletterte direkt neben ihn. Mehr als ein „Zieh Leine“ brauchte es nicht, und Kimi räumte flugs den Platz. Mit Argusaugen beobachtete Lisa seinen Abgang. Dann hüpfte sie zur Seite und überließ mir den Platz am Futter. Was für eine Henne!

Es versteht sich wohl von selbst, dass sie nachher von mir gefüttert wurde.

Dienstag 31.08.

Heute Morgen haben Lisa und ich Flavia beobachtet, wie sie auf Entdeckungstour ging. Flavia hat sich ganz oben auf die Jalousie gesetzt und von dort aus begeistert verkündet, was für einen tollen Überblick sie jetzt hätte. Sei viel besser als die Lampe, die wir normalerweise als Aussichtsplattform benutzen.
Lisa schaute sehr interessiert, aber gleichzeitig auch etwas verzagt. Ich kenne mein kleines Samtauge ja mittlerweile: sie gehört schon zu den Vorsichtigeren in unsrer Gruppe. Dabei würde ich mit ihr gerne mal auf Entdeckungstour gehen… Macht zu zweit doch viel mehr Spaß, als allein. Ich dachte also, das sei die Chance, indem ich die Gunst der Stunde nutze und ihr vorchwärme, wie toll so kleine Exkursionen sein können.
Ich habe ihr aufgezählt, wie viel ich mir hier schon angeschaut habe: das Sofa, die Heizung, die Lampen und die Bilder. Das sei alles total aufregend gewesen. Aber da oben auf der Jalousie war ich noch nie. Ob wir uns das nicht mal aus der Nähe anschauen sollten.
Ach, sie wisse nicht so recht, meinte Lisa. Da oben wäre es sehr eng und wenig Platz zum Manövrieren. Und die Landung sei bestimmt auch nicht einfach.
Ich habe argumentiert, dass es Flavi ja auch geschafft habe – und die ist ja nun wahrlich kein Flugkünster… Das könne ja sein, meinte meine Süße, aber sie wolle lieber noch mal darüber nachdenken. Schade. Aber ich werde das Thema sicher wieder zur Sprache bringen.

Mittwoch 01.09.

Nach dem Frühstück fand ich es an der Zeit, das Thema mit den Entdeckungsreisen wieder anzuschneiden. Lisa war immer noch unsicher. Ob das der Federlosen überhaupt recht sei, wenn wir uns hier und überall breit machen? Das könne sicherlich viel Ärger geben…
Ach was Ärger geben – die Federlose ist doch gar nicht da. Die kriegt das überhaupt nicht mit. Und selbst wenn… Ich war jetzt schon so oft im Zimmer unterwegs, und nie hat sie was dagegen gesagt.
Das heißt, außer bei den Bildern – da hat sie wohl Angst vor unseren „Hinterlassenschaften“ und sagt immer wieder, wir sollen da runter gehen. Tun wir dann auch. Alle. Außer Martin. Der bleibt einfach sitzen. Das federlose Handgewedel beeindruckt ihn übrigens auch nicht; schließlich weiß er, auf welches Bild er sich setzen muss, so dass unsere Federlose auf keinen Fall an ihn ran kommt. Und die gibt dann meist entnervt auf. Der Kerl hat hier echt Sonderrechte…

Aber ich schweife ab.
Der Ausflug auf die Jalousie war noch immer Thema. Und um Lisa die Ungefährlichkeit und Machbarkeit des Unterfangens zu demonstrieren, bin ich schon mal vorgeflogen. Beim Landeanflug musste ich feststellen, dass Lisa mit den prognostizierten Schwierigkeiten wohl doch nicht so Unrecht gehabt hatte. Jedenfalls hab ich es erst im zweiten Anflug geschafft. Ist echt nicht so einfach, da im richtigen Winkel anzufliegen und sich rechtzeitig festzukrallen – für ausgleichendes Flügelschlagen ist so knapp unter der Decke einfach kein Platz. Etwas unsicher drehte ich mich dann zu meinem Zuckerschnäbelchen um und rief, sie solle es auch mal versuchen. Die Aussicht sei echt phantastisch!
Anflug auf die Gardine

Mutig kam mein Samtauge hinterher. Und im Gegensatz zu mir hat sie es doch gleich auf Anhieb geschafft. Nun ja, sie ist eine sehr wendige Fliegerin (sie meint, das käme davon, dass sie in ihrem früheren Käfig um die vielen Stangen und Spielsachen immer „Slalom“ hätte fliegen müssen).

Nun jedenfalls waren wir beide glücklich angekommen. Und es hat sich wirklich gelohnt: Wir hatten einen tollen Ausblick über unser Zimmer! Lisa war ganz begeistert und meinte, da würde sie jetzt öfter rauf fliegen. Glücklich haben wir ein bisschen Zeit miteinander verbracht.
Und die Federlose hat auch nichts davon mitgekriegt. Gaub ich zumindest.

Freitag 03.09.

Heute habe ich zum ersten Mal gebadet. Lisa meinte, ich sei eine Stinkmorchel und solle mich jetzt endlich mal waschen. Meine Süße kann sehr energisch werden. Sie ist dann auch gleich ins Wasser gehüpft und hat mir was vorgespritzt. Wenn Wasser doch nur nicht so nass wäre!
Aber man macht ja alles mit (naja, fast alles). Also bin ich da auch rein. Ist schon nass, da drin. Aber eigentlich gar nicht so schlecht. Unter Lisas wachsamen Blicken habe ich mich ordentlich gewaschen. Als sie meinte, das sei schon ganz gut, bin ich glücklich wieder raus. Hmm, ja, ich war nass…

Verdi badet

Danach kam Kimi. Der taucht immer ganz tief ab und hält sich mit dem Schnabel am Rand fest. Sieht total lustig aus. Und wenn er dann mal wieder raus kommt, dann trieft er regelrecht vor Wasser!
Direkt im Anschluss kam Flavia. Ich glaube, das was sie da tat, nennt man „sich im Wasser aalen“. Man könnte meinen, die wolle da gar nicht mehr raus. Echt unglaublich. Auch sie war tropfnass, als sie endlich den Fluten wieder entstieg. So nass, dass sie nicht mal mehr richtig fliegen konnte. Zumindest endete ihr Flugversuch vom Käfigdach zur Lampe ziemlich peinlich am Boden. Da saß sie nun und schaute etwas ratlos nach oben. Ich fand’s ja schon erstaunlich, dass sie trotzdem den majestätischen Blick beibehalten konnte. Ist auch ne Kunst: mehr oder weniger flugunfähig am Boden zu sitzen und trotzdem königlich auszusehen. Interessanterweise wusste sie sich zu helfen, indem sie einfach die Flugroute umplante: erst die geringe Distanz vom Boden zur Sofasitzfläche überwinden, eine kleine Verschnaufpause einlegen und dann von dort direkt an das Käfiggitter. Kletternderweise gelangte sie dann in den Käfig um sich dort zum Trocknen in die Sonne zu setzen.

Samstag 04.09.

Heute gab es wieder Hirse. Ich habe letztens darauf bestanden, dass ich meine Hirse im Käfig bekomme, wo ich aufgrund der räumlichen Enge meine Hirse viel besser verteidigen kann. Sonst fressen mir die anderen alles weg.
Ich war also mehr oder weniger allein (der Rest hatte wie üblich die Flucht ergriffen, als eine Hand in den Käfig kam) und futterte hingebungsvoll meine Hirseration. Kimi klebte außen am Käfig und machte einen langen Hals. Tja, wer sich auf der falschen Seite des Gitters befindet, hat halt das Nachsehen. Hihi.

Meine Federlose sah das wohl anders. Sie holte einen zweiten Kolben raus und bot diesen auf dem Käfig an. Also wirklich! Das hat der doch gar nicht verdient. Schließlich schreibt er keine müde Zeile! Und Kimi musste das Angebot natürlich ausnutzen.
Hmpf. Ich weiß jetzt nicht, wie ich das finden soll. Ok, jeder von uns hatte seinen Hirsekolben. Aber ich war mir nicht sicher, ob meiner wirklich der größere war. Ich hab ein paarmal zu Kimi geschaut – vielleicht lag es ja nur an der Perspektive, aber sein Hirsekolben schien mir mindestens so groß wie meiner zu sein. Wenn er nicht sogar etwas größer war…

Muss ich unbedingt nochmal ansprechen. Denn ich schreibe hier das Tagebuch. Also steht mir auch die größere Hirse zu (ja, ich weiß, dass ich die ganze Hirse gar nicht auf einmal essen kann; aber hier geht es ums Prinzip!)

Sonntag 05.09.

Nachdem das mit dem Ausflug auf die Jalousie so prima geklappt hat, dachte ich, wir könnten ja noch eine andere Exkursion wagen. Zum Beispiel auf das Sofa.
Lisa war nicht so begeistert. Da sitzt doch immer die Federlose und man will ihr ja nicht zu nahe kommen. Ist schon richtig, aber die Federlose ist grad nicht da. Hach nein, sie wisse nicht so recht, meinte meine kleine Zauderliche.
Also bin ich mal wieder vorgeflogen. Nur um zu zeigen, dass es total ungefährlich ist. Es läuft sich echt lustig auf dem Ding. Ist irgendwie so weich. Um die Unbedenklichkeit des Unterfangens weiter zu demonstrieren, bin ich ein bisschen hin und her getippelt und habe am Bezug geknabbert. Das überzeugte Lisa schließlich auch und sie kam doch noch angeflogen.
Ja, meinte sie, sie müsse zugeben, dass das ein echt lustiges Gefühl an den Füßen sei. Und als sie dann entdeckte, dass man den Bezug mit dem Schnabel bearbeiten kann, war sie sogar begeistert, dass sie meine Wenigkeit glatt vergaß und nur noch an diesem Ding rumzupfte. Ich hab ihr nur noch amüsiert zugeschaut, wie sie total beschäftigt war und mit dem Bezug gekämpft hat. Das wird nochmal eine richtige Forscherin…

Freitag 10.09.

Irgendwie bin ich deprimiert. Alle mausern – nur ich nicht. Ich bin jetzt seit fast drei Monaten hier und habe noch kein einziges Mal gemausert. Und die anderen sind teilweise schon in der zweiten Runde. Ob mit mir irgendwas nicht stimmt? Dabei hätte ich es so dringend nötig: Mein Federkleid sieht so löchrig aus, als hätten da Motten dran genagt. Und dabei will ich doch möglichst gut aussehen. Sonst bekomme ich neben meiner wunderhübschen Lisa noch Komplexe.
Wobei von „bekommen“ eigentlich schon gar keiner mehr reden kann. Ich habe sie schon. Schnüff. Alle sehen hier so toll aus. Nur ich nicht. Da kann ich wohl nur hoffen, dass meine Lisa mehr auf meine inneren Werte achtet…

Samstag 11.09.

Überall fliegen Federn. Die Federlose hat sich schon beschwert, dass sie demnächst eine Kissenmanufaktur aufmachen könne. Zweimal täglich ertönt mittlerweile das lustige Gebrumm des Staubsaugers.
Also ich bin hier an der ganzen Unordnung definitiv nicht schuld! Obwohl ich liebend gerne meinen Betrag leisten würde. Aber irgendwie funktioniert es nicht.
Die anderen geben mir schon gute Tipps: viel Gurke essen (mache ich brav), und auch das ganze restliche Grünzeug futtern (ich hau hier meinen Schnabel überall rein), im Pool und baden (ja, dank Lisas Drängelei wasche ich mich auch), den Pickstein bearbeiten (ich liebe das rosa Ding) und es sich ansonsten einfach gutgehen lassen (darin bin ich Meister).
Aber irgendwie scheint das bei mir nicht zu helfen. Die kahlen Stellen an der Brust und an den Flügeln wollen nicht zuwachsen.

Sonntag 12.09.

Ich glaube, die Federlose hat gemerkt, dass ich nicht mausere. Sie schaut immer die gelben und grünen Federn ganz genau an, und dann streift ihr prüfender Blick erst mich und dann Martin und Suzette. Ob sie mich wohl rauswirft, wenn ich nicht bald ein anständiges Federkleid vorweisen kann? So langsam macht sich bei mir Panik breit!
Aber zum Glück gibt es Lisa. Sie hat sich neben mich gesetzt und mich getröstet. Sie meinte, am Anfang habe sie so eine skurile Halskrause gehabt. Aber die Federlose habe sie trotzdem aufgenommen. Und es hätte gut fünf- bis sechsmal Mausern gebraucht, bis diese ganzen gedrehten Federchen gegen neue, glatte ersetzt gewesen wären.
Hm, mag ja sein. Aber letztlich war das Gefieder in Ordnung. Und um in Ordnung zu kommen hat sie wenigstens mausern können – ich kann das offenbar nicht.
Mein Samtauge meinte, ich solle mir nicht so viele Sorgen machen. Wer sei schon perfekt? Suzette fehle an der Vorderzehe ein Glied und Martin habe einen zu langen Schnabel und einen zu dicken Bauch. Und beide seien schließlich immer noch da, oder?
Hm, ja. Lisa ist echt eine kluge Henne – da gehen mir immer wieder die Argumente aus. Ich mache mir jetzt also erst mal keine Sorgen mehr.

Dienstag 14.09.

Heute Morgen habe ich mich mit Martin und Kimi über Hennen unterhalten. Wir haben hier ja eigentlich echt Glück, dass unsere drei holden Damen eher von der höflichen Sorte sind und uns im Großen und Ganzen nicht ärgern. Und wie wir da so gemeinsam unsere Erfahrungen ausgetauscht haben, kam mir eine alte Weisheit in den Sinn, die mir mein Papa mit auf den Weg gab…

Verdi erzählt Weisheiten

… ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag.
Meine Geschwister und ich hatten unser erstes Federkleid und machten Flugübungen. Da kam Mama und nahm mich und meine Brüder beiseite. Sie sagte uns, dass sie uns jetzt die wichtigste Regel im Leben eines Hahnes erklären würde: Hennen hätten grundsätzlich Recht und ihnen sei immer der Vortritt zu lassen. Wenn wir beispielsweise am Fressen wären und eine Henne käme und wolle auch was vom Futter haben, dann müssten wir sofort und unverzüglich den Platz räumen.
Mein jüngerer Bruder wandte ein, dass das ungerecht sei; wenn er doch zuerst da gewesen wäre und noch nicht satt sei, könne doch keiner von ihm verlangen, dass er gehe, nur weil eine Henne das so wolle.
Solche Widerworte hätte ich mich ja nicht getraut, aber mein Bruder war schon immer von der uneinsichtigen Sorte. Prompt bekam er einen Rüffel von Mama (wie es ja zu erwarten war) und die Belehrung hintendrein, dass es vorlaute Hähne im Leben nicht weit bringen würden. Die Wünsche einer Henne hätten immer Vorrang – ganz gleich was wir Hähne davon halten würden. Und wir täten gut daran, das niemals zu vergessen. Sonst sei ein Schwarmleben unmöglich. Schließlich seien die Hennen diejenigen, die für den Fortbestand der Art sorgten und hätten daher einen jahrtausendealten Anspruch darauf, wie Königinnen behandelt zu werden. Es sei die Aufgabe des Hahns, für sie Futter zu holen und sie zu umwerben, zu umsorgen und ihr das Leben so angenehm wie möglich zu machen.

Nach diesem Vortrag flog Mama zu unseren Schwestern, um sie weiter auf ihre „Führungsrolle“ vorzubereiten.
Meine Brüder und ich saßen etwas bedröppelt auf dem Ast. Das verspricht ja ein tolles Leben zu werden, immer nur vor Hennen kuschen und für sie sorgen.
Da kam Papa angeflogen. Er hatte das Ganze von einem anderen Ast aus beobachtet. Er zwinkerte uns lustig mit den Augen zu und meinte, so schlecht sei das Los eines Hahns nun wirklich nicht. Die meisten Hennen seien ganz umgänglich. Es käme immer nur darauf an, wie man sich ihnen gegenüber verhalte. Und mit ein bisschen Geschick könne jeder kluge Hahn eine Henne beeinflussen.
Dann setzte Papa eine Verschwörermine auf und erzählte uns von den „Waffen der Hähne“:
Da wäre zuallererst die Fähigkeit, die schönsten und spannendsten Geschichten zu erzählen. Jede Henne liebe es, wenn ihr ein Hahn aufregende Erzählungen ins Ohr zwitschere.
Dann gäbe es die Balz, mit der ein Hahn der Henne versichert, dass sie die schönste, intelligenteste und bezauberndste Henne der Welt sei. Man müsse nur ihr dichtes Gefieder, die schöne Farbe, das ansprechende Muster, die blanken Augen und die schlanke Figur preisen, und jede Henne schmölze buchstäblich dahin.
Als drittes hätten wir das Füttern. Jede Henne liebt einen fürsorglichen Hahn. Und wenn wir bei der Auswahl des Futters darauf achten, unseren Kropf nur mit den besten Körnchen zu füllen, dann wüsste jede Henne sofort, wie sehr wir uns für ihr Wohl einsetzen.
Und zum Schluss, aber das sei die Königsdisziplin und dürfe nur bei der Henne unseres Herzens angewendet werden, gäbe es das Gefiederkraulen. Nichts schätze eine Henne so sehr, wie eine zärtliche Kopfmassage. Und mit ein bisschen Glück könnten wir sie so für uns einnehmen, dass sie uns dann auch zärtlich krault…

Ja, Papa war ein wirklich weiser Hahn. Ich habe mich mein ganzes Leben lang an seine Ratschläge gehalten und habe es nie bereut.
Klein Kimi hing während der ganzen Geschichte wie gebannt an meinem Schnabel. Er meinte, so habe er das noch nie gesehen. Und ab morgen wolle er das auch mal versuchen.
Freut mich, dass ich helfen konnte, Kumpel!

Mittwoch 15.09.

Kimi hat sich heute, getreu den Ratschlägen meines Vaters, an Flavia versucht. Die Gute schien etwas überrascht, war aber dann sehr beeindruckt. Leider hat es sie nicht davon abgehalten, am Nachmittag auch mit Martin zu schnäbeln. Nun ja, die große Liebe hat Papa mit den Ratschlägen ja auch nicht versprochen – nur, dass wir Hähne dann von den Hennen weniger gescheucht werden.

Donnerstag 16.09.

Die anderen sind mit der Mauser fast durch. Die ersten „Stacheln“ sind schon zu sehen. Auch bei meiner Lisa. Ganz klar, dass ich da mit einer Kopfmassage ausgeholfen habe. Und zum Dank hat sie mich auch gekrault. Seufz, da könnte ich jedes Mal vor Wonne zerfließen.

Freitag 17.09.

Suzette hat mich heute Morgen seit langem mal wieder vom Futter verscheucht. Vielleicht sollte ich doch noch etwas Zeit in die Freundschaftspflege investieren. Nichts ernstes, nur ein bisschen Flirten, Balzen und Füttern. Also das, was ich mit Martin und Kimi auch mache. Sicherheitshalber sollte ich vorher mit Lisa reden, ob das o.k. ist. Nicht dass wieder der Käfigsegen schief hängt (ja, das letzte Mal ist mir noch sehr gut im Gedächtnis geblieben). Ich werde es heute Nachmittag mal vorsichtig ansprechen…

Uff, habe Lisas Einverständnis erhalten. Habe damit argumentiert, dass ich auch für sie viel besseres Futter suchen kann, wenn ich nicht immer weggescheucht werde und warten muss, bis die anderen die besten Körnchen weggefuttert haben. Habe ihr auch ein bisschen was von Papas Ratschlägen erzählt (also nicht alles, ich bin ja nicht bescheuert und plaudere sorgsam gehütete Geheimnisse aus). Aber ich habe erzählt, dass Papa uns Jungs geraten hat, immer nett und freundlich zu allen Hennen zu sein, und sie mit Flirten und Balzen bei Laune zu halten.
Lisa meinte, es sei schon in Ordnung, wenn ich ein bisschen mit Suzette flirten würde – aber nicht zu arg. Und solle sie mich je dabei erwischen, wie ich Suzette das Köpfchen kraule, dann wäre aber was los.
Wo werde ich denn?!? Ich weiß doch, was ich an meinem Samtauge an meinem Zuckerschnäbelchen habe! Mal ganz abgesehen davon, dass Martin da sicher auch was dagegen hätte. Ab und an darf er ja auch Suzette kraulen…

Samstag 18.09.

Habe heute Morgen meinen Kropf kräftig aufgefüllt und dann erst mal Lisa gefüttert. Als sie genug hatte, habe ich gefragt ob es o.k. sei, wenn ich schnell zu Suzette rüber flitzen würde und ihr auch etwas anböte…
Lisa meinte, das sei kein Problem.

Also bin ich rüber und habe erst Suzette ein bisschen gefüttert und dann mit ihr geplaudert. Sie kann echt nett sein, obwohl sie meist so unnahbar wirkt.
Anschließend sind wir raus und haben ein paar Runden gedreht. Natürlich rief das Kimi auf den Plan. Klar, wo geflogen wird, da muss er dabei sein. Also haben wir mal wieder ein Wettfliegen gemacht. Lisa, Martin und Flavia haben sich auch angeschlossen.

Ich trau es mich kaum zu schreiben, aber ich wurde nur dritter. Geschlagen von Kimi (hmpf) und Suzette (peinlich, peinlich). Da war für mich der Tag gelaufen.
Total geknickt schlich ich in den Käfig. Lisa kam hinterher und fragte was ich hätte. Habe ihr meinen Kummer anvertraut. Sie hat es nicht so ganz verstanden, schließlich sei ich doch dritter gewesen. Kimi könne nun mal keiner hier schlagen. Er habe auch einen ganz fabelhaft stromlinienförmigen Körper, sei druchtrainiert bis ich die Flügelspitzen und habe kein Gramm Fett zu viel auf den Rippen. Ich mag es gar nicht, wenn sie so von einem anderen Hahn spricht!! (Auch wenn sie Recht hat).
Und es ist echt keine Kunst, Martin zu schlagen. Der ist über sieben Jahre alt und schleppt eine Wampe mit sich rum, bei der es mich überhaupt noch verwundert, dass er damit nicht sofort der Erde entgegen segelt.
Flavia zählt auch nicht. Das ist der unsportlichste Sittich, den ich je gesehen habe. In ihrem früheren Leben war sie vermutlich eine Couch Potatoe. In jedem Fall bewegt sie sich nur äußerst ungern. Ihre Flügel müssten eigentlich noch so gut wie neu sein – sie werden ja kaum benutzt Und Lisa ist zwar unglaublich wendig und kann auf engstem Raum super manövrieren, hat aber eben Defizite auf geraden Strecken, wo es nur um Schnelligkeit geht.
Bliebe also nur noch Suzette. Die ist auch eine sehr gute Fliegerin. Und deshalb wurmt es mich ja so, dass sie mich heute geschlagen hat.

Ich muss ganz dringend wieder mit meinem Trainingsprogramm anfangen. Das habe ich in der letzten Zeit zu stark vernachlässigt.

Sonntag 19.09.

Bin heute Morgen noch vor dem Frühstück raus zum Trainieren. Bin drei Runden geflogen (ja, ok, immer mit Zwischenstopp auf dem Käfig). Danach habe ich mich an den Futternapf gesetzt und ordentlich reingehauen. Lisa hat mich amüsiert gefragt, ob das der Sinn und Zweck des Trainings sei: erst Kalorien verfliegen und sie dann wieder auffüllen.
Gar nicht wahr. Ich habe trainiert und muss nun Energie haben, um Muskeln aufzubauen. Das weiß doch jeder Leistungssportler. Ich weiß nicht, ob Lisa mich ganz ernst nimmt. Sie sah irgendwie sehr belustigt aus. Aber gesagt hat sie nichts mehr.

Am Mittag wollte ich eine zweite Trainingseinheit einlegen – allein. Natürlich musste sich mir Kimi anschließen. Es ist so demütigend, wenn ich nach drei Runden (mit Boxenstopp) wie ein Maikäfer pumpe und Kimi ist drei Runden durchgeflogen und atmet noch nicht mal schneller.
Bin mal wieder geknickt in den Käfig geschlichen. Lisa hat mich ein bisschen massiert – sie meinte das lockere die Muskeln. Dabei saß ihr der Schalk in den Augen. Aber natürlich schlage ich keine Massage aus.

Montag 22.09.

Habe heute vor dem Frühstück wieder eine Trainingseinheit angesetzt.
Kimi war dabei. Natürlich.
Kimi war schneller. Natürlich.
Und als ich nach drei Runden zum Frühstück in den Käfig bin, musste Kimi noch zwei Runden dranhängen. Natürlich.

Dienstag 21.09.

Heute habe ich mal die Flugstunden auf nach dem Frühstück verschoben. Der Hunger war einfach zu groß. Blöd nur, dass es sich mit vollem Kropf nicht ganz so gut fliegt. Zumindest bei mir. Kimi, der sich mal wieder angeschlossen hat, waren keine derartigen Probleme anzumerken. Wie macht er das?!?

Mittwoch 22.09.

Habe heute Trainingseinheiten vor dem Frühstück, vor dem Mittagessen und nach dem Nachmittagsschläfchen gehabt. Habe das Gefühl, dass es langsam was bringt. Obwohl mich Kimi immer noch nervt. Muss er Kerl immer mitfliegen? Der hat es doch nun wirklich nicht nötig!

Donnerstag 23.09.

Habe Kimi gefragt, ob er mich nicht mal allein trainieren lassen kann. Da hat er ganz traurig geschaut und gemeint, er sei so froh, dass hier endlich mal ein zweiter flugbegeisterter Welli sei und dass er doch so gerne in Gesellschaft fliege.
Habe es nicht übers Herz gebracht, dem Kleinen das Mitfliegen zu verbieten. Aber ich finde schon, dass er aus kollegialen Gründen mich auch mal gewinnen lassen könnte…

Freitag 24.09.

Habe heute nur eine halbe Länge hinter Kimi gelegen. War ganz stolz. Bis Kimi meinte, so zwischendrin eine gemütliche Flugrunde sei auch mal ganz nett.
Gemütlich?! Ich bin am Ende!

Ich glaube, das mit dem Training hat keinen Zweck. Das wird nichts mehr Ich bin wohl ein alter, verpaarter Hahn und sollte mich damit abfinden.
Lisa kam, um mich wieder aufzubauen. Sie meinte, so wichtig wäre es doch nicht, der Schnellste im Käfig zu sein. Habe sie gefragt, ob sie denn nicht auf Siegertypen steht.
Sei meinte, doch, da stehe sie drauf. Und beim Wettfliegen um ihr Herz hätte ich ganz klar den Sieg davon getragen. Dabei schaute sie mir ganz tief in die Augen.
Ach ja! So gesehen, bin ich wirklich ein echter Gewinnertyp!

Samstag 25.09.

Ui, es juckt ein bisschen im Gefieder. Habe mal nachgesehen und es sieht so aus, als begänne die Mauser. Habe prompt zwei Federchen rauszupfen können. Wird jetzt alles besser?
Die Federlose hat es gesehen und meinte, ich solle mal schön durchmausern. Na toll! Jetzt stehe ich auch noch unter Erfolgsdruck!

Sonntag 26.09.

Bin heute mit einem erschreckten Pieps aus meinem Schlaf erwacht. Ich hatte einen fürchterlichen Alptraum: Ich war so stark am Mausern, dass ich zum Schluss so nackt wie ein kleines Küken dasaß. Alle haben mich ausgelacht und Lisa hat sich entsetzt von mir abgewandt.
Sofort habe ich panisch an mir herunter geschaut: Zum Glück waren die Federn noch da. Mit einem Seufzer der Erleichterung bin ich wieder in mich zusammen gesunken. Lisa hat mich fragend angeschaut und ich habe ihr von meinem Traum erzählt. Kopfschüttelnd meinte sie, das wüchse sich so langsam aber zu einer Paranoia aus. Da könnte sie Recht haben…

Irgendwie war ich den ganzen restlichen Tag dann neben der Spur. Habe mein Gefieder sorgfältig durchsucht, aber keine weiteren losen Federchen gefunden. Hm, vielleicht doch keine Mauser? Ich bin mir nicht sicher, ob mich das jetzt erleichtert oder bedrückt.

Dienstag 28.09.

Bin mir jetzt doch sicher, dass die Mauser ein Fehlalarm war. Weder gestern noch heute weitere Anzeichen dafür gefunden. Die Federlose guckt mich prüfend an, schüttelt den Kopf und murmelt vor sich hin. Ja, ich weiß ja, dass ich seltsam bin.

Freitag 01.10.

Heute war ein ziemlich trüber Tag. Ich frage mich, wo sich die Sonne versteckt hat. Da hat man so gar keine Lust überhaupt irgendwas zu machen. Den anderen ging es genauso. Wir haben fast alle den Tag verpennt. Nun ja, für Flavia dürfte sich das kaum von allen anderen Tagen unterscheiden. Ich frag mich echt, wieso eine so faule Henne unsere Chefin werden konnte. Nicht dass ich mich beschweren möchte, auf keinen Fall. Schließlich lässt sie uns Hähne in der Regel schon brav in Ruhe. Das schätzen wir. Ich kapier nur nicht, wieso Lisa und Suzette, die doch deutlich aktiver sind, sich nicht um den Posten als Oberhenne bewerben. Muss ich mal bei Gelegenheit nachfragen.

Samstag 02.10.

Schon wieder so ein trüber Tag. Ich hatte mich schon auf eine weitere Dösrunde eingerichtet, als sich unsere Federlose am Käfig zu schaffen machte. Wir waren etwas irritiert: der Tag zum Großreinemachen war doch gestern. Warum muss sich schon wieder bei uns Rumhantieren? Sicherheitshalber sind wir mal aus dem Käfig und haben uns auf unserem üblichen Ausweichquartier, der Stehlampe, niedergelassen. Die Federlose war aber recht schnell fertig. Sie hat so ein komisches graues Kästchen an die Seite montiert. Dann wurde es plötzlich hell und sie meinte, das sei jetzt eine Lampe extra nur für uns.
Aha? Und die tut uns auch nichts? Ganz sicher? Na, da warten wir lieber nochmal ne Runde ab, ob sich das Ding nicht doch irgendwie bewegt. Wir saßen also eine Weile auf der Lampe und beobachteten das alles. Es tat sich aber nichts weiter. Also meinte Kimi, das sähe ungefährlich aus und er wolle mal wieder zurück in den Käfig; er habe Hunger. Das ist echt typisch Kimi – überall muss er der erste sein. Na, da komme ich doch gleich mit.
War auch echt nicht schlimm. Nur heller als vorher. Aber das ist ja eigentlich nicht übel. Und irgendwie habe ich den Eindruck, dass es hier Farben gibt, die ich vorher gar nicht gesehen habe. Irre, wie Kimis und mein Gefieder plötzlich leuchtete. Irgendwie cool.
Die anderen trauten sich dann auch rein. Vor allem meine Süße sah in dem Licht anbetungswürdig schön aus. Wir sind alle hin und her gehüpft und haben uns gegenseitig bewundert.

Sonntag 03.10.

Kimi kam heute auf eine ganz merkwürdige Idee: er setzte sich auf die Schaukel, die direkt von unsrer neuen Lampe beschienen wird, schloss die Augen und döste so vor sich hin.
Später kam er zu uns und war ganz aufgekratzt. Habe ihn gefragt, warum er ausgerechnet im Licht habe schlafen müssen. Er meinte, wenn man die Augen schließe und die Wärme auf dem Rücken spüre, dann sei das fast wie ein Sonnentag. Danach habe man Lust direkt loszufliegen und Unfug zu machen. Sprachs und düste aus dem Käfig um einige Runden zu drehen.
Ich weiß nicht, ob er dann noch öfter in dem Licht sitzen sollte. Er ist eh ständig ein quirlig aufgedrehter Springindieluft. Der muss sich nicht auch noch mit Licht dopen (Flavia hingegen könnte das sicher gut gebrauchen).

Montag 04.10.

Martin hat heute das „Sonnenbad“ vor unsrer Lampe genossen. Er ist danach aber nicht so abgegangen wie Kimi gestern. Aber er hatte blendende Laune und hat erst mit Kimi und dann mit mir gebalzt. Nach diesem „Warm-up“ ging’s erst zu Flavia und dann zu Suzette.
Und was sagt unsere Federlose dazu? Sie findet ihn „charmant“. Aber mir gleich vorwerfen, ein Casanova zu sein, nur weil ich mal freundschaftlich mit Suzette flirte. Da sieht man mal wieder: Wenn zwei das Gleiche tun ist es nicht dasselbe. Hatte ich eigentlich schon mal erwähnt, dass Martin hier eine Sonderstellung bei der Federlosen hat?!

Samstag 28.11.

Heute haben wir Zuwachs bekommen. Naja, noch nicht so richtig. In Lisas altem Käfig sitzen zwei neue Mädels; beide zuckersüß…
Aber der Reihe nach: Heute Morgen war unsere Federlose ziemlich geschäftig und hat Lisas alten Käfig möbliert und mit Futter und Wasser befüllt. Lisa musste sich das natürlich sofort aus der Nähe anschauen – ist ja schließlich ihr Käfig. Ich nichts wie hinterher – ist ja schließlich meine Henne. Auf dem Käfig angekommen haben wir nach einem Eingang gesucht. Der war aber zu. Hm, komisch. So ganz war uns nicht klar, was das alles nun bedeuten sollte.
Am Nachmittag verschwand dann unsere Federlose. Nicht dass das irgendwas Besonderes wäre – Federlose neigen ja dazu, ab und an von der Bildfläche zu verschwinden. Interessant wurde es erst, als sie zurück kam und plötzlich zwei unbekannte Stimmen zwitscherten. Wobei – eigentlich hörte sich das eher nach einer kleinen Meinungsverschiedenheit an. Aber es waren eindeutig Wellis. Hey, neue Kumpels!! Die Aufregung war groß. Wir haben alle unsere Hälse gereckt, um auch ja alles mitzubekommen.
Die Federlose hat das Tuch von einem kleinen Käfig gezogen, und da saßen zwei Mädels drin. Eine grüne und eine blaue. Fantastisch. Ganz offensichtlich war Lisas Käfig für die beiden gedacht, denn dort hinein wurden die zwei Hübschen gesetzt.

Na, das musste ich mir aber gleich aus der Nähe anschauen. Ich habe erst mal Rufkontakt aufgenommen, und als die Antwort positiv ausfiel, bin ich rüber. Lisa dicht hinter mir her (erwähnte ich, dass es ihr Käfig ist?). Die zwei waren echt niedlich. Vor allem die kleine grüne. Total süß, wie sie mich von unten neugierig anschaute. Ich musste ihnen gleich vorstellen und eine schöne Willkommensgeschichte erzählen. Das gebietet die Höflichkeit. Außerdem sollen die zwei sich ja auch wohl fühlen und sehen, dass wir ein netter Schwarm sind. Dann schließen sie sich uns bestimmt an.
Lisa ist recht schnell wieder abgezogen. Sie mag es nicht, wenn andere ihren Käfig besetzen, und sie nichts dagegen tun kann (das Türchen war weiterhin zu).
Dafür kam Kimi. Der war auch von den zwei Schönheiten angetan und fing sofort an zu Balzen. Typisch Kimi: immer gleich mit der Tür ins Haus fallen. Kimi hat gegen den Käfig geklopft und zu meiner großen Verwunderung hat die kleine Blaue zurück geklopft. Kimi konnte sich gar nicht mehr einkriegen vor Begeisterung, dass endlich mal eine Henne sofort von ihm begeistert ist.
Wobei ich finde, dass es deutlich mehr Begeisterung gezeigt hätte, wen sie zu ihm hochgeklettert wäre. Aber die zwei sind wohl lieber beim Morsen geblieben. Komisch. Ich finde das direkte Gezwitscher viel persönlicher. So habe ich nämlich erfahren, dass die grüne Henne Melody heißt und bis gerade eben in einem Haus saß, in dem ganz viele andere Wellis waren. Dort war es aber nicht so gemütlich wie hier. Und die Federlosen haben sich auch nie die Zeit genommen, um mal mit ihr zu reden. Mich persönlich würde das jetzt zwar weniger stören, aber überraschenderweise mag Melody die Federlosen eigentlich ganz gerne. Wir haben uns dann noch eine Weile über alles mögliche und unmögliche unterhalten, bis ich hungrig wurde und zurück zu unserem Haus geflogen bin. Echt zu dumm, dass bei den Mädels die Tür zu war. Die hatten dort nämlich auch lecker Futter….

Mittwoch, 01.12.

Melody ist heute nicht so gut drauf. Ich war zwar ein paar Mal auf ihrem Käfig, aber sie wollte nicht zu mir hochklettern. Und die Blaue interessiert sich so gar nicht für mich.
Na ja, ist ja nicht schlimm. Ich hab ja noch Lisa. Muss mich eh etwas mehr um sie kümmern, sonst gibt es wieder Stunk wie damals bei Suzette. Und auf die abendliche Kraulmassage will ich keinesfalls verzichten müssen.

Donnerstag, 02.12.

Was für eine Aufregung.
Melody saß heute Morgen auf einem Ast und hat heftig gedrückt. Muss wohl weh getan haben, denn sie hat ein dabei bisschen gequietscht. Unsere Federlose lief rum wie eine kopflose Henne und hatte so ein kleines Teil in der Hand, mit dem sie Selbstgespräche führte. Zwischendrin hat sie immer wieder nach Melody gesehen und ein sehr besorgtes Gesicht gemacht.
Nach einiger Zeit war Melody mit Pressen fertig und es kam was großes weißes raus: eindeutig ein Ei. Nun war unsere Federlose vollends aus dem Häuschen.
Ich persönlich verstehe diese Aufregung nicht so wirklich: Hennen legen nun mal Eier – zumindest manche. Da muss man doch nun wirklich keinen Hype drum machen. Aber nein, die Federlose setzte Melody in einen kleinen Käfig, deckte sie mit einem Tuch ab, stellte eine Wärmelampe davor und gab ihr eine Kolbenhirse.
Das ist unfair! Wir bekommen nur noch ganz selten Hirse, ich muss sogar Tagebuch führen, damit wir wenigstens ab und an mal ein Stückchen kriegen, aber Melody bekommt sie schon für ein einzelnes Ei! Irgendwie fühle ich mich da sexuell diskriminiert. Wenn ich Eier legen könnte um dafür Kolbenhirse zu kriegen, dann würde ich das der mühevollen Schreibarbeit vorziehen. Aber als Hahn stehe ich da natürlich auf verlorenem Posten. Ich hab dann versucht, zu Melody in den kleinen Käfig und an die Hirse zu kommen, aber da war nichts zu machen. Das Türchen war zu und Melody war zu müde, um sich auch nur mit mir zu unterhalten. Sonst hätte ich sie gebeten, ob sie die Hirse nicht etwas näher an das Gitter hätte schieben können. Seufz.

Abends hat die Federlose Melody dann wieder zurück in den größeren Käfig gesetzt. Die Hirse auch.
Melody wollte von der Hirse nichts wissen, aber die kleine Blaue ist voll drauf abgefahren. Und ich musste zugucken. Das ist echt unfair! Die Blaue hat auch kein Ei gelegt! Warum bekommt sie die Hirse und ich nicht?
Die Welt kann ja so gemein sein.

Sonntag 05.12.

So langsam kommt die Welt wieder ins Lot. Wir haben endlich auch mal wieder Hirse bekommen. Naja, wir mussten auch was dafür tun. Umsonst gibt es hier wirklich nichts.
Schon vor gut drei Wochen hat unsere Federlose etwas an der Decke befestigt. Wir haben es uns bisher aber sicherheitshalber nur aus der Ferne angeschaut – und sind keinesfalls darauf gelandet. Kann man denn wissen, ob das Ding uns auch wirklich nichts tun will?
Befestigte Kolbenhirse
Es scheint aber schon für uns gedacht gewesen zu sein. Jedenfalls wurde eine Hirse daran befestigt… Wir waren uns nicht einig, ob das nun suspekt ist, oder nicht. Es wurde groß beraten, wie wir mit dieser neuen Situation am besten umgehen sollten. Entschieden hat es wie üblich Kimi mit seinem Ungestüm. Der Kleine ist ja unglaublich neugierig und muss seinen Schnabel überall reinstecken.
Na jedenfalls, während wir anderen noch groß Kriegsrat hielten, hatte er wohl genug von dem ganzen Palawer und ist dieses ominöse Ding einfach mal angeflogen. Dort hat er ein bisschen gewartet aber passiert ist ihm nichts. Also hat er sich über die Hirse hergemacht…
Ist ja klar, dass Martin und ich da ganz schnell hinterher mussten – nicht dass uns der Kleine am Ende alles wegfrisst!

Sonntag 12.12.

Wird wohl nichts mit der Schwarmvergrößerung. Die kleine blaue Henne ist heute abgereist. Ganz allein.
Unsere Federlose kam heute Morgen mit einer kleinen Box ins Zimmer. Die Box kam mir gleich so bekannt vor: das war doch meine Box, in der ich hergekommen bin. Sie hat eine Gurke und eine Kolbenhirse (das habe ich ganz genau gesehen! Immer kriegen die anderen die Hirse!) reingemacht und dann die kleine blaue Henne eingefangen und ebenfalls in die Box gesetzt. Die fand das gar nicht gut und hat laut protestiert.
Der Protest hat die Federlose aber nicht im Mindesten gestört. Ganz im Gegenteil: Sie hat die Box mit einer Decke umwickelt und rausgetragen. Das Geschimpfe der blauen Henne war noch kurz zu hören. Dann war Stille.

Als die Federlose zurückkam, hatte sie keine Box mehr bei sich. Das macht mir irgendwie Sorgen. Hoffentlich schickt sie mich nicht auch zurück.

Dienstag 14.12.

Also bis jetzt wurde ich noch nicht zurückgeschickt. Zum Glück! Ich will nämlich hier bleiben. So schlecht ist es gar nicht (auch wenn ich mit der nur sehr unzureichende Lieferung an Kolbenhirse äußerst unzufrieden bin).
Die kleine grüne Melody ist auch noch da. Ich gehe sie gerne besuchen – auch wenn Lisa das nicht so gerne sieht. Aber Lisa mag ja nicht den ganzen Tag balzen. Sie sagt dann immer, sie habe jetzt Kopfschmerzen und ich solle doch einer anderen auf den Keks gehen. Also ich finde, nett sein geht anders.
Aber ich gehorche meiner Liebsten und gehe stattdessen brav Melody auf den Keks. Die beschwert sich auch nicht. Im Gegenteil, sie kommt immer an das Gitter und lässt sich von mir Geschichten erzählen. Balzen geht ja schlecht; sie sitzt immer noch eingesperrt in Lisas Käfig. Ich finde ja, so langsam könnte die Federlose Melody zu uns lassen. Ich hätte gerne eine Zweithenne und sie wäre auch damit einverstanden. Nur unsere Federlose spielt hier noch nicht so richtig mit. Auch damit bin ich äußerst unzufrieden.

Donnerstag 16.12.

Was für eine Aufregung. Schon wieder.
Die Federlose lief erneut wie eine aufgescheuchte Henne durch den Raum. Dabei legt Melody bestimmt keine Eier mehr. Sie meint, das täte weh und sei anstrengend. Und ohne Hahn sei das ja doch sinnlos.
Ich hab noch nicht ganz verstanden, was nun wieder das Problem ist. Die Federlose murmelet dauernd was von Trichodingsda und schaut Melody sehr besorgt an.
Mich auch.
Und Kimi auch.
Dann meinte sie, wir seien verdächtig.
Aha. Was haben wir denn nun schon wieder angestellt? Also ich bin mir keiner Schuld bewusst. Und Kimi auch nicht. Dann hieß es, morgen ginge es zum Onkel Doktor.
Ich wusste gar nicht, dass ich einen Onkel namens Doktor habe. Und Kimi auch nicht. Ich habe Melody gefragt. Aber die hat auch keinen Onkel, der so heißt. Sehr seltsam…
Ich hab’s: Das ist bestimmt ein Onkel der Federlosen. Finde ich nett, dass sie uns mitnehmen will. Das ist bestimmt Urlaub.

Freitag 17.12.

Beschiss!!
Da war gar kein Onkel Doktor! Nur so eine weiße, höchst impertinente Federlose, die unverschämte Sachen mit uns gemacht hat!! Ich bin ja sowas von empört!
Aber der Reihe nach.
Morgens war noch alles in Körnchen. Mittags kam die Federlose unerwartet früh zurück. Sie hatte zwei kleine Transportkäfige dabei. Au prima, dachte ich, jetzt geht es in den Urlaub. Warum Martin so skeptisch schaute, habe ich nicht verstanden.

Von wegen Urlaub und so!
Erst wurden Kimi und ich in den einen, und dann Melody in den anderen Käfig gepackt. Lisa kam nicht mit. Das fand ich schon mal doof. Was soll ich bitte schön in Urlaub fahren, wenn Lisa nicht dabei ist. Das macht doch keinen Spaß! Wir haben zwar beide noch versucht, die Federlose auf diesen Fehler aufmerksam zu machen, aber wie üblich hat sie sich nicht darum geschert.
Dann ging es mit dem rollenden Blechhäuschen durch eine sehr weiße Welt. Ich fragte mich, wo all die schönen bunten Farben geblieben sind… Die verschwundenen Farben sollten aber mein geringstes Problem sein, wie ich sehr bald feststellte. Denn kaum hielten wir, wurden wir auch schon wieder mit einem Tuch verhüllt und dann durch die Gegend getragen. Mit Melody haben wir sicherheitshalber Rufkontakt gehalten – nicht dass die uns am Ende noch verloren geht.
Ja, und dann waren wir wieder im Warmen. War ein sehr leerer Raum. Herein kam eine weiße Federlose und meinte, sie finge mal mit den beiden Jungs an. Und schwupp waren wir in einem anderen Zimmer. Was sie da mit uns gemacht hat, schildere ich jetzt nicht. Aber es war sehr unerhört. Auch wir haben schließlich eine Privatsphäre!
Sie hat mich und Kimi dann wieder zu unserer Federlosen zurückgebracht und meinte, wie seien gesund. Das hätte ich ihr auch gleich sagen können! Da hätte sie nicht erst mit einem Stäbchen in meinem Schnabel herumzustochern brauchen!! Und dann meinte sie doch glatt: „Der Grüne ist aber zu dick. Der wiegt 48 Gramm.“
Frechheit! Das sind alles Muskeln, die ich mir mühsam antrainiert habe!! Empört habe ich mich zur vollen Größe aufgerichtet. Kimi saß sehr zufrieden neben mir – ein Leichtgewicht von 36 Gramm. Aber er ist auch mindestens einen halben Kopf kleiner als ich!
Und dann kam es knüppeldick: Diese unverschämte weiße Federlose empfahl doch tatsächlich, mir täglich nur einen Teelöffel Körner zu geben. Ich weiß ja nicht, was ein Teelöffel ist, aber es hört sich nach sehr wenig an.
Meine Federlose war zum Glück nicht ganz so begeistert. Sie meinte, der Grüne (also ich) füttere doch den halben Schwarm durch. Ha, da hatte sie es der weißen Federlosen aber gegeben!
Fand die bedauerlicherweise nicht. Sie meinte, dann solle ich halt eine Zeitlang allein gehalten werden. Ich war sprachlos! Allein?! Ohne Lisa?!?
Meine Federlose ließ das zum Glück unkommentiert. Und als diese unverschämte Federlose mit Melody verschwand (vermutlich um sie der gleichen Prozedur wie uns zu unterziehen), raunte uns meine Federlose zu, dass sie mich nicht einzeln setzen würde. Wir würden dann halt die Körnchen mit Knaulgras strecken. Kimi hat mich vorwurfsvoll angeschaut. Egal. Wenn ich die Wahl habe, zwischen einem Teelöffel mit Einzelhaft oder gemeinsam alle mehr Knaulgras, dann wähle ich doch wohl letzteres. Auch wenn’s dem blauen Herrn an meiner Seite nicht schmeckt.

Kurz darauf kam dann auch Melody zurück. Die hatte wohl was von den Trichodingsbums. Sagte zumindest die fremde Federlose. Sie hat uns irgendwas mitgegeben, das Melody ins Wasser bekommen soll. Naja, es könnte schlimmer sein (zum Beispiel Einzelhaft bei ganz wenig Futter; ich sag nur: Teelöffel)…

Damit war dieses unwürdige Zwischenspiel offenbar beendet und wir sind wieder zurück nach Hause. Ich hab mich dort von Lisa trösten lassen. Danach sah die Welt wieder besser aus.

Sonntag 19.12.

Martin meint, bald ginge es in Urlaub.
Wie um alles in der Welt will er das denn schon wieder wissen.
Martin sagt, das sei ganz einfach. Man müsse einfach die ganzen Körbe und Päckchen sehen, die unsere Federlose aus der Wohnung trägt. Naja, Urlaub war ja gar nicht so übel, wenn ich mich recht erinnere. Jetzt hoffe ich nur noch, dass auch alle mitkommen dürfen. Und dass es nicht doch wieder bei impertinenten weißen Federlosen endet, die behaupten, ich sei zu dick. Dabei ist Martin viel dicker…

Montag 20.12.

Martin hatte mal wieder recht: heute ging‘s ab in den Urlaub.
Das Blöde am Urlaub ist der Reisetag: wenn man morgens geweckt wird, werden die Türchen nicht geöffnet, dass man nach der langen Nacht endlich mal raus und fliegen kann. Stattdessen wird man eingefangen und in den kleinen Reisekäfig verfrachtett. Diesmal wurden wir alle, mit Ausnahme von Martin (natürlich, wer sonst?!), mit dem Kescher gefangen. Das ging wirklich erstaunlich fix. Ich mag es aber trotzdem nicht. Melody wurde auch eingefangen und kam allein in einen kleineren Transportkäfig. Schön, das heißt immerhin, sie wird uns begleiten!

Aber statt gleich in das rollende Blechhäuschen zu kommen mussten wir noch eine Runde warten. Es dauerte zum Glück nicht lange und wir wussten, worauf wir warteten: Noch mehr Kumpels. Hey, das ist klasse!
Ein großer Federloser kam und brachte einen kleinen Käfig mit drei Artgenossen: zwei Jungs und ein Mädel. Kimi und ich haben uns sofort die Hälse verrenkt – nein, wir sind gar nicht neugierig…
Zu gerne wären wir rüber geflogen und hätten uns vorgestellt. Und das hat nichts mit Neugierde zu tun. Nein, Dds gehört sich einfach so. Aber unsere Federlose hat ja keine Ahnung von guten Manieren und kam so auch nicht auf die Idee, uns nochmal raus zu lassen. Also haben wir uns nur verbal vorgestellt. Die Jungs haben auf freundlich zurückgegrüßt, während die Dame sich in vornehmer Zurückhaltung geübt hat.

Dann waren wir wohl offensichtlich komplett und durften im rollenden Blechhäuschen Platz nehmen. Wir waren wie üblich vorne, auf dem Platz mit der besten Rundumsicht. Melody war direkt hinter uns, leider nur schwer zu sehen, aber immerhin auf Rufweite. Die drei Neulinge nahmen schräg hinten Platz. Und dann ging’s auch schon los.
Hach, war das aufregend! Wir haben laut ein gemeinsames Lied angestimmt. Unsere Federlose hat uns gebeten, doch etwas leiser zu sein. Nö, kommt nicht in Frage – dazu macht das Singen viel zu viel Spaß!
Die Fahrt verlief echt gut. Zumindest bis zum ersten Stopp. Dort stieg unsere Federlose aus und kam kurz darauf mit einer uns unbekannten Federlosen zurück. Die hat erst mal bei uns durch die Scheibe geschaut und mich mit großen Augen gemustert. Sie meinte, das sei also der Verdi. Ja, das ist der Verdi. Aber kennen wir uns? Ich kann mich so gar nicht an dieses Gesicht erinnern. Auch wenn sie nett aussieht. Vielleicht werde ich alt?
Dann sind die zwei Federlosen auf die andere Seite und haben doch glatt die drei Neulinge rausgeholt. Warum nur? Wir hatten doch so viel Spaß. Unsere Federlose kam zurück und meinte, die drei würden jetzt in eine gute Pflegestelle kommen. So? Und warum konnten wir sie nicht bei uns pflegen? Bei uns wär doch noch Platz gewesen. Ich verstehe diese Federlosen einfach nicht. Wir hätten mit denen sicherlich sooo viel Spaß haben können. Aber es hat wohl nicht sollen sein…

Weiter ging’s. Doch der nächste Schreck ließ nicht lange auf sich warten. Wir haben nämlich noch einen Stopp eingelegt. Dort kam schon wieder eine mir unbekannte Federlose. Auch die hat zu uns neugierig durchs Fenster geschaut. Und natürlich hat sie mich beobachtet. Sie meinte, ich würde ja farblich gut zu Melody passen.
Ja, finde ich auch. Und nicht nur farblich. Wir würden auch sonst sehr gut zusammen passen. Deshalb plane ich auch, sie zu meiner Zweithenne zu machen. Und während ich mich noch meinen Tagträumen hingab, öffnete diese fremde Federlose unser Blechhäuschen, holte Melody samt Käfig raus und trug sie zu ihrem Blechhäuschen.
Hey, Moment mal. Das geht aber so nicht! Die entführt meine Melody!! Würde die bitte jemand aufhalten?! Meine Federlose ist hinterher. „Na wenigstens etwas“ dachte ich. Falsch gedacht. Meine Federlose hatte gar nicht die Absicht, Melody zurück zu holen. Nein, sie hat der anderen Federlosen sogar noch eine Tüte hinterher getragen! Unfassbar!!
Als meine Federlose dann wieder neben uns saß, habe ich sie vorwurfsvoll angeschaut. Wie konnte sie nur? Melody hätte meine Zweithenne werden sollen! Sie hätte sooo gut in unseren kleinen Schwarm gepasst! Nein, ich bin wirklich sehr, sehr böse auf meine Federlose! Die meinte, ich solle nicht so vorwurfsvoll schauen. Ich hätte doch noch Lisa.
Na das wäre ja auch noch schöner, wenn sie meine Lisa weggegeben hätte! Das ist somit überhaupt kein Argument! Zur Strafe habe ich meine Federlose mit Gurkenstückchen beworfen. So!

Ohne weiteren Stopp ging es in unser Urlaubsdomizil. Dort angekommen stand unser Urlaubskäfig auch schon bereit. Es tut ja so gut, wenn man nach einem ganzen langen Tag des Rumsitzens endlich wieder seine Flügel ausbreiten und fliegen darf! Danach sind wir in den Käfig und haben erst mal gefuttert. Aufregung macht halt hungrig.

Spät abends hat unsere Federlose sich dann noch an einen Tisch gesetzt und auf so einem kleinen Klappding rumgetippt. Die anderen haben noch ein Schaukelhupferl eingeworfen, während ich liebend gern nochmals raus gewollt hätte, um nochmal zu fliegen. Ich hatte noch einiges an Bewegungsdrang übrig. Zu dumm nur, dass die Käfigtürchen schon alle zu waren.
Wie kann man seiner Federlosen sagen, dass man raus will? Die Kommunikation mit denen ist ja leider fast unmöglich – die verstehen ja unsere Sprache nicht.
Egal, dachte ich, ich probier‘s trotzdem. Ich hab mich also vor eines der Türchen gesetzt und laut gerufen, dass ich raus will. Außerdem habe ich das schlagkräftige Argument angeführt, dass die blöde weiße Federlose mich zu dick genannt hat und ich dringend noch ein bisschen Sport machen muss. Das ist gut für die Linie.
Die Federlose hat auch prompt von mir Notiz genommen; allerdings nur, um mir über die Schulter zuzurufen, ich solle Ruhe geben. Nein, ich will keine Ruhe geben. Ich will raus! Und wenn ich nicht darf, dann hüpfe ich eben so lange zwischen zwei Stangen hin und her, bis es ihr auf den Keks geht. Irgendwie muss ich ihr doch zeigen können, dass ich noch Bewegung brauche. Also hüpfte ich zwischen zwei Stangen hin und her. Hin und her. Hin und her. Hin und her.
Da drehte sich die Federlose um und meinte, wir würden jetzt gleich schlafen gehen und ich solle endlich Ruhe geben. Ich will aber nicht schlafen. Ich will fliegen!! Also hüpfte ich weiter. Hin und her. Hin und her. Hin und her. Hin und her. Ha, da! Es schien zu klappen. Sie stand auf und kam zu uns. Erwartungsvoll setzte ich mich vor das Türchen. Juchuh! Sie hat es geöffnet! Und schwupp war ich draußen.

Ich bin zwei Runden geflogen und habe dann eine kurze Pause auf dem Käfigdach eingelegt, bevor ich nochmal zwei Runden geflogen bin. Und dann bin ich wieder ganz brav in den Käfig und auf die Schlafschaukel geklettert, die Lisa neben sich für mich frei gehalten hatte. Während die anderen schon ihr zufriedenes Schnabelknirschen hören ließen, habe ich darüber nachgedacht, dass es offensichtlich doch manchmal möglich ist, mit den Federlosen zu kommunizieren.

Dienstag 21.12.

Nach der ganzen Aufregung gestern, war heute Entspannung angesagt. Wir haben die offenen Käfigtüren mit Begeisterung genutzt und sind eigentlich nur zum Essen rein – nicht dass da jemand denkt, man könne die Türchen einfach mal wieder zu machen und dann hocken wir drinnen fest. Außerdem habe ich die Zeit genutzt, um ein bisschen mehr mit Lisa zu schnäbeln. Ich trauere Melody ja immer noch ein bisschen hinterher, aber es stimmt schon, dass das Wichtigste ist, dass ich nach wie vor Lisa habe.
Und ich habe die Zeit genutzt, mal die hier anwesenden Federlosen zu zählen. Dieses Mini-Federlose nicht mitgerechnet komme ich auf acht. Das ist aber ein ganz schön großes Schwarmtreffen. Die sind jetzt sogar in der Überzahl. Sehr ungewohnt.
Naja, zumindest lassen sie uns weitestgehend in Ruhe. Nur das kleine Federlose steht immer wieder vor unserem Käfig und schaut uns gebannt an. Nun ja, wir sind ja auch alle sehr bewunderungswürdig. Und solange es seine Hände bei sich behält (und das tut es, dankenswerterweise), habe ich auch nichts dagegen, wenn man mich ein bisschen bestaunt.

Freitag 24.12.

Eine Aufregung ist das heute wieder. Neuerdings scheinen im Haus auch Bäume zu wachsen. Zumindest haben heute zwei Federlose so einen Baum hier reingeschleppt. Dann kam meine Federlose mit einem riesigen Karton an und begann diesen Baum mit blauen und gelben Sachen zu behängen. Kurios. Das Ganze schien irgend so eine geheimnisvolle und sehr komplizierte Zeremonie zu sein: Ständig ist sie vom Baum weg und hat geschaut. Dann ist sie wieder zum Baum hin und hat irgendwas woanders hingehängt. Dann ist sie wieder vom Baum weg, nur um wieder zum Baum hin zu gehen und noch was anderes dran zu hängen.
Irgendwann war unsere Federlose dann wohl fertig und plötzlich begannen am Baum viele kleine Lichter zu leuchten. Interessant.
Kimi begann neben mir schon ganz aufgeregt hin und her zu tippeln. Das wollte er sich unbedingt aus der Nähe anschauen. Martin fand die Idee nicht so gut. Er meinte, wir sollten da besser wegbleiben. Das gäbe nur Ärger. Die Federlosen würden das gar nicht gerne sehen, wen unsereiner in dem Baum unterwegs sei.

Zwecklos zu sagen, dass Kimi das nicht interessierte. Kaum war die Federlose draußen flog Kimi auch die ersten Aufklärungsrunden. Er kam zurück und meinte, es sehe alles sehr friedlich und ungefährlich aus. Ob denn einer von uns mitkäme?
Flavia lehnte dankend ab, sie müsse ihren Schönheitsschlaf halten. Martin meinte, er habe gerade was gefressen und wolle ein kleines Verdauungsschläfchen halten und überhaupt sei das keine gute Idee. Suzette meinte, sie würde lieber abwarten, ob das wirklich so ungefährlich sei, wie es schein. Lisa fand, Suzette habe vollkommen recht.
Blieb nur ich. Kimi sah mich herausfordernd an. Ich bin mir zwar keineswegs sicher, dass das eine gute Idee ist, aber ich bin kein Feigling und komme folglich mit. Schon um den Kleinen von irgendwelchen Dummheiten abzuhalten.
So flogen wir zum Baum rüber und landeten auf einem Ast. Meine Güte, was hängen denn da für seltsame Sachen dran? Kann man die essen? Wohl eher nicht. Und stupfen tut’s hier auch. Also ich bin dafür, wir fliegen wieder zurück. Kimi hingegen hatte etwas ganz komisches gesehen: In einem dieser großen Bälle schaute ihm ein etwas verzerrter, gelber Wellensittich entgegen. Keine Frage, da musste Kimi natürlich sofort die Balz starten und klopfte heftig gegen diesen Ball. Das klang sehr komisch, aber definitiv nicht nach einem Artgenossen.
Hey Kumpel, keine Ahnung was das für ein Teil ist, aber ich würd’s in Ruhe lassen. Kimi hörte aber nicht auf mich und klopfte eifrig weiter. Irgendwann musste doch eine Antwort kommen. Es kam aber keine. Dafür löste sich das gelbe Ding plötzlich und flog nach unten, wo es mit einem lauten Klirren zerschellte. Also eins steht fest: ein Welli war das ganz sicher nicht. Der hätte nämlich seine Flügel ausgebreitet und wäre geflogen statt zu fallen!
Zu diesem Zeitpunkt wurde es plötzlich sehr laut. Kein Zweifel: die Federlosen waren durch das Geräusch alarmiert und im Anmarsch. Jetzt aber schnell weg!

Kimi und ich landeten auf dem Käfig als auch schon der erste Federlose ins Zimmer stürmte. Hatte er uns noch gesehen? Hoffentlich nicht! Sicherheitshalber haben wir alle unseren Unschuldsblick aufgesetzt. Wer ganz unschuldig guckt kann ja unmöglich schuldig sein, oder? Als nächstes kam unsere Federlose. Der andere Federlose zeigte erst auf die Bescherung am Boden und dann anklagend in unsere Richtung. „Der Blaue und der Grüne waren es. Ich habe sie wegfliegen sehen!“
Au weh! Das gibt Ärger.
Unsere Federlose blickte zuerst betrübt auf die Überreste am Boden, dann auf uns. Uiuiui. Jetzt keinen Fehler machen und ganz unschuldig gucken. Kimi ging sicherheitshalber hinter Martin in Deckung. Der Feigling! (Wobei ich gestehe, dass ich mich auch gerne hinter Martin versteckt hätte).
Zum Glück meinte unsere Federlose, dass die kleinen Vögel doch nicht wissen könnten, dass sie auf dem Baum nichts zu suchen hätten (von Martin war nur ein verächtliches „Pfft“ zu hören), und dass es ja nicht so schlimm sei. Mann, da ist ja nochmal glimpflich abgelaufen!
Als die Federlosen wieder draußen waren merkte Martin nur an, dass zumindest ein kleiner Vogel (Blick auf Kimi) das durchaus hätte wissen können. Das habe dieser kleine Vogel (Blick auf Kimi) nämlich letztes Jahr auch schon gemacht. Zerknirscht schlich der kleine Vogel in den Käfig und fing dort an, seine Verlegenheit mit Putzen zu überspielen.

Ob es wohl etwas mit dieser Episode zu tun hatte, dass wir danach in ein anderes Zimmer umziehen mussten? Dort gab es nämlich keinen Baum…

Samstag 25.12.

In unserem neuen Raum ist es wesentlich ruhiger. Hier ist nur unsere Federlose. Die schläft hier. Nun ja, wir sind ja an sie gewöhnt und so ist es ein sehr heimisches Gefühlt. Der Ausblick nach draußen ist auch klasse. Da liegt massenweise von dem weißen Zeug, das wie weiße Daunenfedern aussieht. Ich habe beobachtet, dass es vom Himmel fällt. Können Wolken auch in die Mauser kommen?
Ansonsten war heute nichts besonders los. Wie gewohnt gab es morgens Frühstück aus Salat, Petersilie und Gurke. Danach haben wir ein paar Runden gedreht (ich ein paar extra Runden, weil ich ja angeblich zu dick bin), eine gepflegte Siesta eingelegt und ein bisschen mit Lisa geschnäbelt. Ja, macht Urlaub Spaß.

Montag 27.12.

Heute ist Abreisetag. Martin hat es mal wieder geahnt (der Kerl wird mir langsam unheimlich).
Es gab wieder das übliche Prozedere: Eingefangen werden, in den Transportkäfig gesetzt werden, ins rollende Blechhäuschen verfrachtet werden und los geht die Fahrt.
Diesmal sind wir aber von der üblichen Route abgewichen. Es war irgendwie langsamer als sonst und deutlich kurvenreicher. Dafür war die Aussicht besser. Ich hätte ja nie gedacht, wie groß und abwechslungsreich die Welt sein kann.

Dann kam die erste Pause. Eine uns unbekannte Federlose kam ans Fenster und schaute uns neugierig an. Ähm, da keine weiteren Wellis an Bord sind, hoffe ich mal nicht, dass jetzt nicht wir hier aussteigen müssen. Obwohl sie ja ganz nett aussieht. Aber ich würde es trotzdem vorziehen, mit unsrer Federlosen wieder nach Hause zu dürfen.
Nein, diesmal wurden keine Wellis aus dem Blechhäuschen entführt. Im Gegenteil: es sind welche eingestiegen! Schräg hinten öffnete sich die Tür und ein Käfig mit vier Artgenossen wurde abgestellt. Es waren zwei Jungs und zwei Mädels; sehr hübsche Mädels, soweit ich sehen konnte.
Hey, das ist ja mal interessant! Zu blöd aber auch, dass wir hier nicht raus können um uns vorzustellen. Also mussten wir, wie üblich, auf die verbale Vorstellung zurückgreifen. Die Herrschaften waren anfangs etwas schüchtern, aber mit vereinten Kräften haben es Kimi, Martin und ich geschafft, das soziale Eis zu brechen und die vier tauten auf. Die haben vielleicht komisch gesprochen: es hörte sich ein bisschen so an wie die Spatzen draußen. Aber lustige Gesellen waren es allemal, die viel zu erzählen hatten. Teilweise sehr abgedrehte Geschichten, aber wir haben uns köstlich amüsiert.

Wie im Flug verging die Zeit und plötzlich gab es den nächsten Stopp. Was kommt jetzt? Noch mehr Kumpels? Eine neue, unbekannte Federlose schaute durchs Fenster. „Hey, hallo Verdi“. Hab ich da was verpasst? Kennen wir uns? Wieso kennt die mich? Neugierig schaute ich zurück. Hmm, nein, die kenne ich leider nicht. Schaut aber nett aus. Ob ich da wohl eine Kolbenhirse rausschlagen kann, wenn ich anfange zu flirten? Das mit dem Flirten hat leider nicht geklappt. Die Federlose ist zusammen mit meiner Federlosen auf die andere Seite des Blechhäuschens, haben die Türe geöffnet und dort die vier Kumpel wieder raus geholt.
Ich steig langsam echt nicht mehr durch! Kumpels kommen und Kumpels gehen. Man hat ja gar keine Zeit mehr, sich überhaupt richtig miteinander bekannt zu machen. Das ist alles echt total verwirrend. Ich kapier meine Federlose einfach nicht. Warum nimmt sie ständig Wellis auf, wenn sie sie doch gleich wieder abgibt?
Nun ja. Solange sie UNS nicht abgibt ist ja alles noch in Ordnung. Auch wenn’s komisch ist. Als die Federlose zurückkam hatte sie glänzende Augen und meinte, wenn sie mal eine größere Wohnung habe, dann wolle sie auch so eine tolle große Voliere. Das sei ein richtiges Welli-Paradies.
Welli-Paradies hört sich gut an. Vielleicht war es etwas voreilig, nicht zu dieser fremden Federlosen zu wollen? Aber nun war es ja eh zu spät. Also ab nach Hause. Soo schlecht haben wir es da ja eigentlich auch nicht.

Kopfmassage

Spät abends kamen wir an. Es ist jedes Mal eine Freude, endlich aus diesem kleinen Transportkäfig raus zu dürfen. Voller Begeisterung haben wir eine Runde nach der anderen gedreht und dann alles ganz genau in Augenschein genommen, ob es auch nur ja dort steht, wo wir es verlassen hatten. Zum Glück war alles so, wie es sein sollte. Und während unsere Federlose noch emsig ihre Sachen hin- und herräumte, habe ich mir von Lisa eine entspannende Kopfmassage geben lassen.
Hach ja, Zuhause ist’s halt doch am Schönsten!

Dienstag 28.12.

Unfassbar: heute ist glatt das Frühstück ausgefallen! Kein Salat, keine Petersilie und keine Gurke! Ich muss schon sagen, der Service war hier schon mal besser!
Gut, dafür gab es das alles zum Mittagessen. Aber dass mir das bloß nicht einreißt! Immerhin war ansonsten alles da, was man so braucht: Körnchen, Badeschale (die hatten wir im Urlaub nicht dabei, ist das zu fassen?!) und Freiflug.

Mittwoch 29.12.

Unsere Federlose gibt ganz komische Geräusche von sich. Es hört sich ein bisschen so an wie Husten. Also ich finde ja, man sollte sie in einen Transportkäfig packen und zu so einem weißen Federlosen bringen. Der kann ihr dann mal ein Stäbchen in den Rachen stecken – dann weiß sie mal, wie eklig und gemein das ist!

Freitag 31.12.

Seit einigen Tagen gibt es ab und zu mal einen lauten Knall, dass wir hier drin alle entsetzt zusammenfahren. Die Federlose übrigens auch; das hab ich genau gesehen, auch wenn sie so tut, als sei nichts.
Der Tag selbst war nicht besonders aufregend – eher so wie die die letzten auch. Aber der Abend war echt unglaublich lang. Wir durften auch aufbleiben und ein bisschen Musik hören. Irgendwann wurde es draußen dann so richtig laut. Ein Spektakel, das jeden kreischenden Welli vor Neid hätte erblassen lassen. Aber beängstigend war das jetzt nicht – es war ja mehr so ein Geräuschteppich, und das ist unsereins ja vom Schwarmleben gewohnt. Die Federlose nannte es Silvester und wünschte uns ein gutes neues Jahr. Keine Ahnung, was das nun schon wieder ist.
Diese Federlosen haben schon seltsame Sitten – ich fände es ja sinnvoller, wenn man sowas tagsüber macht, und nicht nachts, wenn alle schlafen wollen.

Als es draußen endlich ruhiger wurde, hat uns unsere Federlose gute Nacht gewünscht und uns zugedeckt. Wir waren total müde und echt froh, dass wir endlich auf unsere Schlafschaukeln gehen konnten.

Sonntag 02.01.

Wir haben schon wieder einen Gast. Genauer gesagt, eine Gästin.
Der Morgen war noch wie immer. Mittags wurde unsere Federlose dann plötzlich aktiv und holte Lisas alten Käfig hervor und verschwand kurz darauf wieder. Aha, das sieht doch ganz so aus, als bekämen wir wieder mal Zuwachs. Gespannt warteten wir auf die Rückkehr.

Als die Federlose wieder da war, hatte sie eindeutig einen Artgenossen bei sich. Wie üblich platzten wir vor Neugier und reckten unsere Hälse. Kimi sah zuerst, dass das eine kleine Henne war. Obwohl; so klein war sie gar nicht. Aber hübsch. Ein kleiner Schecke. Nur gesagt hat sie so gar nichts. Dafür ist sie wie wild im Transportkäfig hin und her geflogen, bis die Federlose sie dann in Lisas Käfig umgesetzt hat.
Dort ist sie erst mal völlig aufgeregt hin und her geklettert. Wir haben ihr zugerufen, dass es keinen Grund zur Besorgnis gibt, aber irgendwie scheint sie uns nicht verstanden zu haben. Sie hat kein Pieps gemacht.

Wir beschlossen, erst mal ein bisschen abzuwarten, bis sie sich beruhigt hat, bevor wir zu einem ersten Erkundungsflug aufbrechen wollten. Sie hat sich aber nicht beruhigt. Im Gegenteil. Sie ist auf uns aufmerksam geworden. Und nachdem sie uns erst mal mit großen, ungläubigen Augen angestarrt hat, ist sie auf das Eckbrettchen gehüpft um dort eifrig hin und her zu tippeln. Auf unserer Rufe hat sie aber immer noch nicht reagiert.

Nach einigem Warten beschlossen Lisa und ich, dass wir uns das mal aus der Nähe ansehen müssen. Lisa will ja immer sehen, wer sich mal wieder in ihrem Käfig eingenistet hat. Also sind wir rüber geflogen.
Oh je, das war vielleicht ein Schreck! Die Kleine ist vor Entsetzen fast vom Brettchen gefallen und hing kopfüber an einem Ast. Na, so schrecklich sehen wir doch aber nicht aus, oder? Zum ersten Mal war ihre Stimme zu hören. Sie fragte uns ungläubig, ob wir echt seien. Ja klar, was denn sonst?
Neugierig kam sie wieder auf das Brettchen geklettert, versuchte aber offensichtlich, einen gewissen Abstand zu wahren. Ich habe versucht, ein bisschen Konversation zu betreiben, aber das Gespräch war ziemlich einseitig. Da ich keine Lust hatte, weiter Selbstgespräche zu führen, bin ich wieder zurückgeflogen. Lisa kam hinterher.

Kurze Zeit später kam die Federlose, um frisches Grünfutter in den Käfig zu hängen. Dabei schaffte es die Neue, aus dem Käfig auszubüchsen und unsere Gruppe anzupeilen. Ach du liebes bisschen, die kam ja daher wie ein Bruchpilot! Rette sich wer kann!
Es war ein heilloses Durcheinander: alle von uns in der Luft auf der Suche nach einem Landeplatz und eine Federlose, die schleunigst aus dem Zimmer rannte. Als schließlich jeder ein Plätzchen zum Landen gefunden hatte und etwas Ruhe eingekehrt war, kam unsere Federlose zurück – mit einem Kescher. Die Neue ahnte nichts. Sie saß irritiert auf unserem Dach und guckte uns mit großen Augen an; ganz so, als habe sie noch nie einen Kumpel gesehen. Ruck-zuck lag der Kescher über ihr und sie war wieder in ihrem Käfig.

Sie tat mir ja schon ein bisschen Leid. Lisa meinte, die Kleine habe bestimmt in Einzelhaft gelebt. Sie könne sich noch gut daran erinnern, wie es ihr das erste Mal gegangen war, als sie nach einer scheinbaren Ewigkeit wieder Stimmen in ihrer Sprache gehört habe.
Wir blickten alle rüber, wo die Neue wieder ihren Platz auf dem Eckbrettchen eingenommen hatte und sich den Schnabel am Käfiggitter platt drückte.

Die Ärmste. Aber unsere Federlose wird sie wohl nicht zu uns lassen. Da ist sie aus unerklärlichen Gründen hart. Dabei könnten wir der Neuen doch so viele nette Geschichten erzählen.

Dienstag 05.01.

Die Neue muss immer noch allein im Käfig sitzen. Kimi und ich fliegen ab und zu rüber und unterhalten uns ein wenig mit ihr. Aber sie ist nicht sehr gesprächig und reagiert auch nicht auf Kimis Flirtversuche. Wie lange sie wohl noch in dem Käfig bleiben muss?

Freitag 07.01.

Es gibt Tage, die möchte man am liebsten aus dem Gedächtnis streichen. Zum Beispiel den heutigen Tag. Der Vormittag war noch völlig in Ordnung: wir haben gefuttert, gespielt, geflogen und ein bisschen geschnäbelt.

Dann kam der Mittag. Und mit ihm unsere Federlose. Sie meine, wir würden jetzt mal nach der Ursache für mein gerupftes Gefieder auf den Grund gehen. Keine schlechte Idee, aber wie wollen wir das anstellen? :conf:
Während ich noch über die Möglichkeiten sinnierte, schloss die Federlose die Türchen und verließ den Raum. Als sie zurückkam, hatte sie zwei kleine Käfige in der Hand. Sie schien recht stolz zu sein und meinte, was ein Glück es doch sei, dass heute Morgen unsere neuen Transportkäfige gekommen seien.
Hä? Wir haben doch schon einen. Ich sollte sehr schnell lernen, wozu wir diese neuen Transportkäfige brauchten: ich wurde eingefangen und in so eine kleine Box gesetzt. Nein, ich kann nicht behaupten, dass ich die Dinger toll finde. Ich fühle mich hier drin wie auf dem Präsentierteller! Und überhaupt, was soll der ganze Zirkus?
Statt einer Antwort fing die Federlose auch die Neue ein und steckte sie in den zweiten Transportkäfig. Dann kamen wir gemeinsam in ein Körbchen.

Da betrachtete meine Federlose mich und die Kotbällchen unter mir und fragte, ob ich die gelegt hätte. Kann schon sein, bin ja der einzige hier in dem Winzding. Warum? Da hat ihr die Farbe nicht gefallen. Sie waren ein bisschen rötlich. Hmm. Seltsam. Ich kann mich nicht erinnern, etwas Rotes gegessen zu haben.

Mir wurde ganz mulmig. Zu oft wurden in letzter Zeit Wellis aufgenommen und wieder abgegeben. Drohte mir jetzt etwa das gleiche Schicksal? Weil meine Kotbällchen die falsche Farbe aufwiesen? Kann man mir nicht wenigstens Lisa geben, damit ich nicht so allein bin? Oder wenigstens Martin? Wenn der dabei ist, dann ist das die Garantie, dass ich zurückkomme. Martin würde die Federlose nie hergeben.
Ich bekam leider weder Martin noch Lisa. Stattdessen wurden die Neue und ich zugedeckt und dem Geschaukel nach weggetragen. Während die Kleine neben mir eifrig das Papier am Boden durchwühlte, versuchte ich einen Rest von Haltung zu bewahren und möglichst gelassen auf der Stange zu sitzen. Das wäre übrigens sehr viel einfacher, wenn die Kleine nicht so eine unglaubliche Nervosität ausgestrahlt hätte. Ich habe versucht, sie und mich mit ein paar Geschichten zu beruhigen, aber stieß bei ihr auf taube Ohren. Na dann eben nicht.

Irgendwann hörte das Geschaukel auf und wir standen wieder ruhig. Die Decke wurde zurückgeschlagen – und mich traf fas der Schlag: Da war diese unverschämte weiße Federlose wieder!
Nein!! Die mag ich nicht. Kann ich hier nicht bitte, bitte wieder raus?
Zwecklos. Sie beugte sich über mich und betrachtete mich und meine Kotbällchen eingehend. Sie faselte was von Zink- oder Bleivergiftungen oder aber Leber- oder Nierenproblemen. Hey, was soll das? Mir geht’s prima und ich bin gesund. Danke der Nachfrage. Können wir jetzt gehen?
Natürlich war nichts mit Gehen. Die weiße Federlose holte mich raus, drückte mir auf die Brust und auf den Bauch und meinte dann: „Er hat ein Lipom“.
Ja ich weiß, das ist das Ding da auf meiner Brust.
„Und er ist zu dick“
Oh, jetzt reicht’s aber! Ich kann es nicht mehr hören!!
Mein Protest wurde einfach ignoriert. Dann kam wieder das gefürchtete Stäbchen – wie würdelos!
Sie setzte mich zurück und guckte in ein schwarzes Ding. Nach einer Weile meinte sie, ich habe zu viele Bakterien im Kropf. Seltsam. Ich kann mich nicht erinnern so was gefressen zu haben…
Sie faselte noch was von Blut abnehmen und Röntgen und wandte sich dann der kleinen Henne zu.

Sehr gut. Wenn ich mich ganz still verhalte, dann vergessen sie mich vielleicht und beschäftigen sich stattdessen mit der Kleinen. Die Federlosen sprachen von einem Eingangscheck und dann ging meine Federlose zur Tür. Äh, hallo?! So war das mit dem Vergessen aber nicht gemeint.

Was dann geschah, weiß ich nicht mehr so genau. Ich wurde plötzlich sehr, sehr müde, und als ich wieder wach wurde, saß ich wieder in meinem Transportkäfig, die kleine Henne neben mir in ihrem Transportkäfig.
Meine Federlose kam rein. Na was ein Glück; sie hat mich also doch nicht vergessen. Mit der weißen Federlosen schaute sie sich ein schwarz-weißes Bild an. Sie diskutierten über eine zu große Leber und eine zu große Niere. Dann schauten sie mich an.
Wie, was?! Ich?! Nee, oder? Gerade eben war ich noch ein gesunder, munterer Hahn im besten Alter, und jetzt soll ich plötzlich krank sein? Meine Federlose deckte uns wieder zu und ging mit uns weg.

Als die Decke das nächste Mal von uns gezogen wurde, waren wir in einem mir unbekannten Raum. Hier gab es eindeutig Kumpels – ich konnte sie hören. Also reckte ich den Kopf und sah eine fremde Federlose, die nett aussah. Und dahinter konnte ich zwei Kumpels sehen. Und da drüben saßen noch drei. Was wird das hier? Muss ich jetzt weg? Ohne Lisa?? Panik machte sich breit.
Die fremde Federlose nahm den Transportkäfig der kleinen Henne raus und fragte sie, ob sie raus wolle. Dann machte sie das Türchen auf und die Kleine flog sofort zum Käfig.
Was soll ich tun, wenn sie bei mir das Türchen aufmacht? Einfach nicht raus gehen? Ob das was nützt? Aber um mich kümmerte sich gerade niemand. Beide Federlose betrachteten entzückt die kleine Henne. Meine Federlose holte sogar das kleine graue Kästchen raus und beobachtete damit die Kleine.
Dann wandte sich meine Federlose um und meinte: „Komm Verdi, lass und nach Hause fahren.“ Oh ja, bitte! Diese Worte sind wie Musik in meinen Ohren!

Als wir endlich wieder daheim waren, bin ich kaum dass sich das Türchen öffnete so schnell wie’s ging wieder zu den anderen geflogen. Lisa kam sofort aus dem Käfig um mich zu begrüßen. Lisa kam sofort aus dem Käfig um mich zu begrüßen. Die anderen kamen nach und wollten alles genau wissen. Als ich von Leber und Nieren sprach meinte Martin, da wären wir jetzt wohl schon zwei. Wie, der hat die gleichen Probleme? Dann darf ich also wohl doch bleiben. Irgendwie erleichtert mich das jetzt sehr.
Und danach hat mir Lisa eine laaaange Kopfmassage spendiert. Oh ja. Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung.

Samstag 08.01.

Na der Tag fäng ja gut an: ich wurde eingefangen und bekam etwas wirklich Ekliges in den Schnabel! Und das vor dem Frühstück! Igitt!!
Als ich wieder im Käfig war, schaute mich Kimi sehr mitleidig an und meinte, das sei fast zu erwarten gewesen. Wenn Federlose von Bakterien sprechen, dann bedeutet das unweigerlich, dass unsereiner irgendwas Widerliches in den Schnabel bekommt. Und ich solle mich schon mal seelisch und moralisch darauf einrichten, dass das ganz sicher nicht die letzte Ladung gewesen sei.
Na toll!

Zum Glück war der Rest des Tages deutlich erfreulicher. Wir haben ein bisschen gefaulenzt, gefuttert geflogen und geschnäbelt. Die Welt war also eigentlich wieder im Lot…

Bis zum Abend. Dann wurde ich wieder eingefangen und bekam schon wieder dieses Zeugs in den Schnabel. Es ist echt blöd, dass die Federlosen so viel größer und stärker sind – sonst würde ich denen schon mal zeigen, was ich davon halte: NICHTS!!

Sonntag 09.01.

Über den Morgen verliere ich besser kein Wort, außer dass es einfach fürchterlich geschmeckt hat.
Und so langsam beschleicht mich der Verdacht, dass hier das Futter rationiert wird. Irgendwie ist weniger im Napf. Und es ist mehr Knaulgras. Grummel. Das haben wir bestimmt der weißen Federlosen zu verdanken, die immer behauptet, ich sei zu dick.
Kimi guckt mich schon ganz vorwurfsvoll an. Hey Kumpel, ich bin nicht der einzige hier, der ein paar Gramm zu viel auf den Rippen hat. Martin hat einen viel größeren Ranzen als ich und Flavia ist auch ganz gut beinander.

Dienstag 11.01.

Wie auch schon die letzten Tage, so bekam ich auch heute Morgen als erstes wieder eine Ladung dieses fürchterlich schmeckenden Gebräus in den Schnabel. So langsam geb ich die Gegenwehr echt auf. Ich hab jetzt schon so ziemlich alles versucht: schimpfen, beißen, treten, sich winden…
Nichts hat geholfen. Mein Repertoire ist erschöpft – genau wie ich. Ich flüchte mich danach immer zu Lisa, die mir mitleidig das Köpfchen krault. Wenigstens etwas.

Mittwoch 12.01.

Ich dachte, es könnte nicht schlimmer kommen. Leider musste ich einsehen, dass es das doch konnte.
Der Morgen fing an wie immer: Eingefangen werden und brav alles schlucken, was einem in den Schnabel gesteckt wird. Der Tag war auch nicht übel: Die Federlose war weg und wir hatten unseren Spaß.
Aber der Abend….

Die Federlose kam früher heim als gewöhnlich. Ohne lange zu fackeln schnappte sie sich mich und ich fürchtete schon, jetzt käme die abendliche Ladung. Ach, wenn’s doch wirklich nur das gewesen wäre!

Stattdessen wurde ich in einen dieser kleinen Transportkäfige gesteckt. Allein.
Die Federlose schaute mich sehr komisch an und faselte irgendwas von Zink und Vergiftung. Keine Ahnung, was das mit mir zu tun haben soll. Aber irgendwas wird es wohl sein, denn es kam eine Decke über mich und dann wurde ich in das rollende Blechhäuschen verfrachtet. So langsam wurde mir echt mulmig. Ich war noch nie allein, seit ich bei meiner Federlosen bin. Ich habe auch testweise mal den Ortungsruf abgesetzt, aber es kam keine Antwort. Das bedeutet, kein weiterer Welli in der Nähe. Jetzt hatte ich echt Schiss (und das darf man wörtlich nehmen – nicht dass ich da stolz drauf wäre)…
Als wir hielten überkam mich schon so eine Ahnung, die sich leider bewahrheitete: wir waren in dem Haus, wo die weiße Federlose wohnt! Nein! Ich will da NICHT rein!!

Es half alles nichts: wir gingen da natürlich doch rein. Eine mir noch nicht bekannte Federlose nahm meinen Transportkäfig und meine Federlose wünschte mir alles Gute.
Häh?!? Alles Gute??!! Was soll das denn nun wieder heißen?

Ich wurde in einen kleinen Raum mit mehreren kleinen Käfigen gebracht, in denen auch schon andere Vögel saßen. Sogar ein paar Kumpels waren da. Die unbekannte Federlose öffnete die Tür meines Transportkäfigs und hielt sie vor einen dieser kleinen Käfige. Hm. Der Käfig war zwar klein, aber immerhin größer als der Transportkäfig. Außerdem gab es dort was zu Futtern – zwar nicht viel, aber seit Beginn der Rationierung finde ich eine Extraportion für mich ganz angebracht. Also beschloss ich umzusteigen.
Die Federlose schien zufrieden und verließ den Raum. Und nun? Scheint ganz so, als müsste ich hier bleiben. War wohl doch keine so gute Idee, in den kleinen Käfig zu wechseln. Man sollte vielleicht besser nicht so oft mit seinem Magen denken…

Donnerstag 13.01.

KATASTROPHE!
Mehr fällt mir dazu nicht ein. Es ist unfassbar: ich dachte immer, es gäbe nur eine weiße Federlose. Aber weit gefehlt: es gibt mindestens drei!! Da muss irgendwo ein Nest sein.
Und alle diese weißen Federlosen sind hier. Und sie sind alle gleich schrecklich. Die machen hier Sachen mit mir – also da fehlen mir echt die Worte!
Natürlich holten die wieder dieses entsetzliche Stäbchen und fummelten mir damit im Schnabel rum. Würg!
Dann wurde ich wieder gewogen und für zu schwer befunden. Nerv!
Anschließend schauten sie durch dieses schwarze Teil und meinten, ich hätte immer noch Bakterien. Bäh!
Und zum Schluss haben sie mich gepiekst! Aua!!

Danach kam ich zurück in meinen Minikäfig und das war’s dann. Bis zum Abend saß ich in dem Winzding und durfte weder raus und fliegen, noch mit jemand anderem spielen. Total allein. Einzelhaft.

Ist schon komisch, welche Gedanken einem da so durch den Kopf gehen. Der größte Gedanke ist, was Lisa wohl gerade macht. Und ob sie mich vermisst.
Ich vermisse sie. Ganz doll. Ich könnte jetzt eine entspannende Nackenmassage gebrauchen. Nur um zu wissen, dass es auch schöne Dinge gibt.
Warum mich die Federlose wohl weggegeben hat? Hab ich irgendwas Schlimmes angestellt? Sie hat doch nie etwas Negatives über mein Verhalten gesagt. Oder doch?

Um mich abzulenken, habe ich versucht, mit den anderen in ein Gespräch zu kommen. War aber nicht sehr aufbauend. Die konnten hier alle verschiedene Horrorstorys von den weißen Federlosen berichten. Was leider nicht so ganz das, was ich hören wollte. Manche von denen fühlten sich sogar so schlecht, dass sie gar nicht reden wollten.
Oh je. Hoffentlich ergeht es mir nicht bald auch so.

Als abends das Licht ausging, richtete ich mich auf eine weitere einsame Nacht ein. Bestimmt kann ich nicht richtig schlafen. Mir fehlt das Schnabelknirschen der anderen…

Freitag 14.01.

Die Nacht war genauso mies wie die vorige.
Und der Morgen war genauso ätzend. Das gleiche Programm wie gestern: Würgestäbchen, Wiegeprozedur (mit gemeinem Kommentar seitens der Federlosen), prüfen des schwarzen Teils (war wohl besser) und zum Schluss das Pieksen.

Der Rest des Tages unterschied sich auch nicht von dem davor. Einsam und langweilig. Und sehr, sehr bewegungsarm. Mal ganz ehrlich: so richtig helle können die weißen Federlosen im Kopf nicht sein. Ich meine, wenn sie mich schon zu dick nennen, dann sollen sie mich wenigstens raus und fliegen lassen. Das könnte ungemein dabei helfen, das unerwünschte Übergewicht zu reduzieren. Aber diese Erkenntnis scheint sich noch nicht bis zu denen rumgesprochen zu haben.

Irgendwie muss ich mich ablenken. Sonst werde ich hier noch verrückt.
Gegenüber macht ein Kumpel ganz seltsame Verrenkungen. Sieht nicht gesund aus. Habe ihn gefragt, was er da treibt. Er nannte es „Morgengymnastik“. Eins steht fest: der ist schon verrückt!

Samstag 15.01.

So langsam geht mir das alles hier gehörig auf die Nerven. Jeden Morgen das gleiche Spiel von einfangen, im Schnabel rumstochern, wiegen und pieksen. Heute kam zu allem Überfluss auch noch dieses Trichodingsbums auf. Ich weiß immer noch nicht, was es ist. Aber es scheint dazu zu führen, dass man mal wieder was in den Schnabel gespritzt bekommt. Schmeckt zwar anders als das Zeugs gegen die Bakterien, ist aber nicht weniger eklig.

Sonntag 16.01.

Ich hasse meine Federlose!!
Wie konnte sie mir das nur antun??

Ich habe ihr doch gar nichts getan. Ich war doch einfach nur ein kleiner kontaktfreudiger und verspielter Wellensittich. Ich kann doch nichts dafür – ich habe weder Bakterien noch Trichodingsbums gefressen. Ganz bestimmt nicht. Ich habe keine Ahnung, woher das alles kommt. Und die Geschichte mit dem Zink ist doch auch völlig unglaubwürdig. Ich fresse nur, was auch schmeckt, und Zink hört sich nicht besonders lecker an.

Was wohl Lisa macht? Ob sie sich von Kimi trösten lässt? Der versucht ganz bestimmt, bei ihr zu landen. Seufz. Ich vermisse mein Samtauge ganz doll! Und die anderen Kumpels auch. Man konnte mit denen so toll fliegen und spielen.

Montag 17.01.

Weiterhin keine Änderung in diesem grässlichen Tagesablauf. So langsam werde ich wirklich wunderlich. Ich habe sogar schon begonnen, diese komischen akrobatischen Verrenkungen wie der Kumpel von gegenüber zu machen. Es kommt nicht ans Fliegen ran, aber wenigstens bewegt man sich. Dieses Winzteil von Käfig gehört verboten!

Zu allem Überfluss wachsen mir jetzt im Nacken Federn nach (ich war doch erst letztens in der Mauser). Es juckt fürchterlich und ich bräuchte dringend jemand, der mir die Hülsen von den Federchen zupft. Lisa macht das unglaublich sanft. Aber sie ist ja nicht da…

Außerdem beobachte ich bei mir gefährliche Schwankungen in der Psyche: mal bin ich total wütend (immer wenn ich an Federlose denken – und zwar egal an welche) und manchmal bin ich einfach nur traurig (immer wenn ich an Lisa denke – ach Lisa!).

Ob das hier je ein Ende hat?

Dienstag 18.01.

Ich weiß gar nicht mehr, was ich noch schreiben soll. Ich hab doch schon alles gesagt. Ich bin so allein. So traurig…

Mittwoch 19.01.

Was für ein seltsamer Tag. Ich weiß noch nicht so genau, was ich nun davon halten soll. Ich bin zwar wieder daheim aber noch nicht ganz richtig zuhause.
Der Morgen war wie immer – da verliere ich kein Wort mehr drüber. Der Tag zog sich genauso lange wie die letzten. Aber der Abend, der Abend war anders.

Ich wurde nämlich in einen anderen Raum getragen. So richtig wohl war mir dabei nicht – in dem Raum war ich nämlich immer morgens bei dieser blöden Prozedur. Aber diesmal war es anders. Die Tür ging auf und herein kam – meine Federlose!
Ich traute meinen Augen nicht. Ich hätte echt nicht gedacht, dass ich die nochmal im Leben sehe. Und es war nicht nur meine Federlose. Sie hatte auch Martin und Lisa mit dabei. Gibt’s denn sowas?!

Die zwei Federlosen haben sich über irgendetwas unterhalten. Aber ich habe nicht zugehört, da ich natürlich viel zu beschäftigt war Lisa zu begrüßen. Dann ist meine Federlose wieder aus dem Raum und die weiße Federlose hat sich erst Martin und dann Lisa vorgeknöpft. Die beiden mussten sowohl das Stäbchen als auch einen Piekser über sich ergehen lassen.
Als die weiße Federlose fertig war hat sie Lisa zu Martin in den Käfig gesetzt.
Hey, Moment mal, das ist meine Henne!
Statt sich um mein Geschimpfe zu kümmern, hat sie mich geschnappt und in den zweiten Transportkäfig gesetzt. Also hier läuft eindeutig was schief!

Meine Federlose kam rein und störte sich offensichtlich nicht an der Verwechslung, die die weiße Federlose begangen hat. Sie deckte uns zu und verabschiedete sich.

Zuhause angekommen wurden wir von den anderen drei lautstark begrüßt. Zu meinem großen Entsetzen konnte ich aus nächster Nähe beobachten, wie Martin Lisa seinen Kopf zum Kraulen hinhielt. Und die hat ihn doch tatsächlich gekrault!
Jetzt schlägts aber dreizehn!! Ich will hier raus! SOFORT!! Dieser schamlose Casanova! Dem werde ich Flügel machen!!

Dummerweise hat unsere Federlose Martin und Lisa zuerst raus gelassen. Mich jedoch nicht.

Sie hielt meine Transportbox vor den Eingang von Lisas altem Käfig. Äh, was soll das bitte?! Ich habe kurz überlegt, b in dann aber doch umgestiegen, weil Lisas Käfig doch deutlich größer als die Transportbox ist. Leider hat die Federlose sofort das Türchen geschlossen. Mist!

Lisa kam zu mir rüber geflogen und schaute ratlos zu mir runter. Tja, ich weiß jetzt auch nicht, wie ich hier so schnell wieder raus komme.

Donnerstag 20.01.

Habe die Nacht alleine verbringen müssen. Zum x-ten Mal! Es ist wirklich eine Frechheit!
Und morgens hat mich die Federlose wieder eingefangen und mir diese scheußlich schmeckende Flüssigkeit in den Schnabel gegeben. Bäh! So langsam glaube ich an eine Verschwörung der Federlosen…

Den Rest des Tages war ich weiterhin allein. Naja, besser als bei den weißen Federlosen war es schon, weil ich ja Besuch von Lisa und meinen Kumpels erhielt. Aber raus durfte ich nicht.
So ein Mist. Mein ganzer Trainingsplan ist damit zunichte gemacht worden. Ich muss wieder bei Null anfangen und werde Kimi so bestimmt nie schlagen können.
Aus Verzweiflung habe ich wieder mit der komischen Gymnastik angefangen. Ich weiß, dass ich lächerlich aussehe, aber es ist immer noch besser als gar keine Bewegung.

Ich will nicht unken, aber es sieht ganz so aus, als müsse ich auch die kommende Nacht allein bleiben.

Freitag 21.01.

Meine Federlose ist ja soooo gemein. Hätte ich ihr nicht zugetraut. Sie lässt mich immer noch nicht raus. Und sie gibt mir schon wieder dieses blöde Zeugs zum Schlucken. Ich mag sie nicht mehr. Überhaupt nicht!!

Konnte mich den ganzen Tag über nur durch das Gitter mit Lisa unterhalten. Komme mir so langsam vor wie ein Verbrecher. Dabei habe ich doch gar nichts getan.

Samstag 22.01.

Was für ein toller Tag:
Heute Morgen öffnete meine Federlose das Türchen vom Käfig. Misstrauisch zog ich mich in eine Ecke zurück – gleich fängt sie mich wieder ein und stopft mir was in den Schnabel.
Aber diesmal ging sie einfach etwas weiter weg.
Äh. Hä? Das Türchen ist noch offen. Ob das eine Falle ist?
Ich wechselte mal die Position um besseren Überblick über offene Käfigtür und Federlose zu bekommen.
Hmmm. Sie schaut mich an. Aber sie bewegt sich nicht. Heißt das, ich darf raus?
Ich beschloss, das Wagnis einzugehen und durchzustarten. So schnell es ging flitzte ich aus Lisas Käfig und steuerte auf unseren zu; ein kurzer Zwischenstopp auf dem „Balkon“ und dann nichts wie rein auf meinen Lieblingsast. Angekommen. Uff!
Ich warf einen vorsichtigen Blick auf die Federlose. Die schaute immer noch, zeigt aber keinerlei hektische Betriebsamkeit. Also ist das jetzt wohl in Ordnung, oder?

Lisa krault Verdi

Lisa war ruckzuck an meiner Seite. Oh ja, davon habe ich geträumt! Sie fing sofort an, mir den Kopf zu kraulen. Das tut so unglaublich gut! Es ist mit nichts auf der Welt zu vergleichen.
Und während Lisa sich ausgiebig durch mein Gefieder arbeitete, vorsichtig Hülse um Hülse von den neuen Federchen abzupfte, da rutschte auch in meiner kleinen Welt wieder alles an den Platz, an den es gehört.

Mittwoch 27.01.

War ein sehr interessanter Tag.
Die Federlose kam unerwartet früh zurück – normalerweise taucht sie ja erst abends auf. Aber heute war es noch hell. Sie schloss sofort alle Käfigtürchen. So ein Mist! Da waren wir wohl zu langsam.
Dann stellte sie diese zwei widerlich kleinen Käfige neben dran. Alarmstufe Rot! Das bedeutet, irgendwer muss zu den weißen Federlosen. Und da ich hier der Pechvogel zu sein scheine, befürchtete ich das Schlimmste.
War aber nicht so. Diesmal hatte ich Glück. Es traf Flavia, Suzette und Kimi. Martin hatte wohl auch Zink gefressen und jetzt mussten die anderen auch zum Test bei den weißen Federlosen anrücken.
Lisa hatte noch mehr Glück: die hat wohl kein Zink. Das heißt, sie wird in jedem Fall hier bei mir bleiben. Und das ist doch das Wichtigste überhaupt.

Während die anderen drei und unsere Federlose weg waren, kam ich ins Grübeln: Als ich Zink gefressen hatte, wurde ich sofort in einen kleinen Käfig gesteckt und bei den weißen Federlosen abgegeben. Jetzt, wo Martin Zink gefressen hat, werden drei andere in die kleinen Käfige gesteckt. Martin ist aber nach wie vor hier… Müsste der jetzt nicht auch bei den weißen Federlosen abgegeben werden?! Sehr merkwürdig….

Erstaunlich schnell waren alle wieder da. Die Käfigtürchen dieser Winzdinger wurde geöffnet und Suzette flüchtete geradezu in eine Ecke unseres Häuschens und versuchte, möglichst unauffällig auszusehen. Wenn man mich fragt, dann ohne großen Erflog, denn man kann einfach nicht unauffällig aussehen, wenn man leuchtendgelbes Gefieder hat.
Kimi kam auch schnell raus und musste erst mal ein paar Runden drehen. Dann suchte er direkt einen Futternapf auf und begann zu fressen. Der Kleine sah weder sonderlich schockiert noch gestresst aus. Fast schon bewunderungswürdig.
Flavia brauchte am längsten und kam dann laut schimpfend heraus. Sie war die personifizierte Empörung, wie sie zeternd auf dem Ast saß und sich über die unverschämte Penetranz der weißen Federlosen ausließ. Hatten die es doch echt gewagt, ihr mit einem Stäbchen im Schnabel herumzustochern und sie dann auch noch in den Hals gepiekst. Das sei echt unmöglich! Die hätten kein Benehmen – überhaupt nicht. Und bei Kimi und Suzette hätten sie das auch gemacht. Aber sie, Flavia, hätte einen Weg gefunden, sich zu rächen. Die Federlosen seien aus unerklärlichen Gründen ganz scharf auf unsere Kotbällchen gewesen. Und sie, Flavia, habe den Plüschpopo ganz fest zugekniffen und den anderen geraten, dasselbe zu tun. Ha, die weißen Federlosen hätten aber dumm geschaut, als keiner bereit war, für sie etwas fallen zu lassen!

Ich gebe zu, ein raffinierter Trick. Auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen.

Freitag 29.01.

Es ist unerhört! Martin wird ganz klar bevorzugt!!
Er hat ja auch Zink gefressen. Wie ich. Also erwartete ich, dass unsere Federlose Martin weggibt. Hat sie ja schließlich mit mir so gemacht. Aber nix da. Sie behandelt Martin höchst persönlich. Und zwar nur, indem sie ihm morgens etwas Weißes in den Schnabel spritzt. Das war’s. Den Rest des Tages kann er hier ganz normal verbringen. Ich finde das einfach unfassbar! Ich habe immer mal wieder von einer Zweiklassenmedizin gehört – aber erst jetzt weiß ich, was das ist: Es ist UNGERECHT !!

Montag 31.01.

Lisa hat heute Jahrestag. Vor genau einem Jahr ist sie hierher gekommen. Schon erstaunlich, wie schnell die Zeit vergeht!
Habe Lisa heute Morgen mit einem Küsschen geweckt und ihr dann das Frühstück an die Schaukel gebracht. Sie war ganz gerührt. Ich auch. Wenn man bedenkt, welch lange Wege sie und ich zurückgelegt haben, bis wir uns hier treffen konnten, dann kommt es uns fast wie ein Wunder vor, dass wir uns finden durften.

Abends haben wir uns dann in trauter Schwarmrunde getroffen, und ein bisschen geredet. Vieles fing an mit „Weißt Du noch…“ und „Kannst Du dich noch erinnern,…“. Zum Schluss meinte Lisa, sie wolle uns noch ein Märchen als Gute-Nach-Geschichte erzählen. Alle waren begeistert: wir lieben gute Geschichten!!

Lisa erzählt ihre Geschichte

Und Lisa erzählte:
„Es war einmal…
… eine Wellensittichhenne und ein Wellensittichhahn. Die waren einander zärtlich zugetan und beschlossen, ihr Glück mit einem Gelege aus fünf Eiern zu krönen. Der Hahn war ein liebevoller Vater, der seine Henne auf liebevolle Weise fütterte, während sie die Eier ausbrütete. Schließlich schlüpften aus den Eiern fünf kleine Küken. Das mittlere des Geleges war eine kleine Henne, die rasch der Liebling ihrer Eltern wurde. Zusammen mit ihren Geschwisterchen wurde sie gefüttert und umsorgt. Schon nach kurzer Zeit waren allen Kleinen die ersten Federn gewachsen. Die kleine Henne hatte ein wundervolles zartes Graublau mit einem elegant schwarzen Wellenmuster auf den Flügeln. Und weil sie ein freundliches, mitfühlendes Wesen hatte, fast immer nett zu ihren vier Brüdern war, wurde sie rasch der Liebling aller.

Das Leben der kleinen Familie schien perfekt zu sein – bis eines Tages große Aufregung herrschte. Große, federlose Wesen kamen und griffen in die kleine Welt der Familie. Die Eltern waren außer sich! Das kleine Wellensittichmädchen hörte, wie ihr Vater noch verzweifelt rief: „Nein, diesmal bitte nicht! So lasst uns doch wenigstens dieses Mal die Kinder!“ Die Mutter flog einen verzweifelten Angriff, aber ihr Schnabel konnte an der viel größeren Hand des Federlosen nichts ausrichten. Und so wurden alle fünf Kinder eingefangen und in einzelne, dunkle Boxen gesetzt. Aus der Ferne hörte das Wellensittichmädchen noch die Rufe ihrer Eltern, die ihren Kindern zuriefen, sie würden sie nie vergessen. Und dann war es ganz allein. Die Box, in der das Wellensittichmädchen saß, schaukelte und wackelte und von draußen drangen seltsame Brummgeräusche an ihr Ohr. Es fürchtete sich entsetzlich. Gerade eben war es noch mit seinen Brüdern um die Wette geflogen und jetzt saß es mutterseelenallein in der Dunkelheit.

Nach einiger Zeit hörte das Brummen auf. Dann öffnete sich die kleine Box. Das Wellensittichmädchen war sehr unsicher, was en nun tun sollte. Es wäre gerne noch etwas in der Box geblieben und hätte abgewartet, was sich da draußen alles tat. Aber es war nicht möglich: die Box wurde plötzlich schräg gehalten und das kleine Wellensittichmädchen kam ins Rutschen. Eifrig schlug es mit den Flügeln, um nicht auf den Boden zu fallen und flatterte, von der plötzlichen Helligkeit geblendet, erst etwas ziel- und orientierungslos herum, bevor es sich heftig atmend an ein Gitter klammern konnte. Mit Herzklopfen schaute es sich um: einige Stangen, ein paar Spielsachen, eine Futterschale – und noch sechs oder sieben andere kleine Wellensittiche, die es halb ängstlich, halb neugierig anstarrten. Als das Herzklopfen nach einiger Zeit nachließ, und offensichtlich keine unmittelbare Gefahr drohte, setzte sich das Wellensittichmädchen auf einen Ast. Nach einiger Zeit kam ein Wellensittichjunge angeflogen und setzte sich daneben. Durch ihn erfuhr es ein bisschen mehr über den seltsamen Ort, an dem es gelandet war. Sie alle hier kamen aus kleinen Familien, hatten Eltern und oft auch Geschwister verloren und saßen nun hier an diesem seltsamen Ort fest. Manche blieben nur ein paar Tage, andere seien auch schon ein paar Wochen hier. Viel Bewegung sei hier nicht möglich, erzählte der Wellensittichjunge. Aber es gäbe genug Futter, immer etwas Grünzeug und immer jemanden, mit dem man eine Runde quatschen könne. Das Wellensittichmädchen fand, dass es doch gar nicht so schlimm sein, wie zunächst befürchtet und wollte wissen, was denn passiere, wenn hier jemand wieder wegginge. Das wisse er nicht, antwortete der Wellensittichjunge, denn es sei von denen noch keiner zurückgekommen…
Die erste Nacht schlief das Wellensittichmädchen gar nicht gut. Es vermisste die Wärme seiner Brüder, an die es sich immer so gern gekuschelt hatte. Der Wellensittichjunge schien das zu spüren und setzte sich dicht daneben. Und so kuschelte sich das Wellensittichmädchen an einen warmen Flügel und war sicher, einen neuen Freund gefunden zu haben.

Doch das Glück sollte nicht lange währen. Schon zwei Tage später kamen einige dieser seltsamen, großen federlosen Wesen und standen einige Zeit vor der kleinen Behausung, in der das Wellensittichmädchen mit seinen den anderen lebte. Sie zeigten mehrfach seinen neuen Freund und dann griff der Federlose, der sonst das Futter brachte, in die Behausung hinein und holte den Freund des Wellensittichmädchens heraus. Es klammerte sich ans Gitter und rief verzweifelt hinter ihm her. Aber vergeblich. Traurig setzte es sich auf einen Ast. Wieder allein. Diese seltsame Spiel wiederholte sich: immer wieder kamen Federlose, standen vor der Behausung und zeigten schließlich auf ein oder zwei von ihnen, die dann herausgeholt wurden und verschwanden. Es war beängstigend.

Und schließlich kam der Tag, der kommen musste. Wieder einmal standen Federlose da und beobachteten. Nur diesmal hatte das kleine Wellensittichmädchen das Gefühl, als sei es das Objekt der Begierde. Und richtig: einer der Federlosen zeigte genau darauf. Das Wellensittichmädchen war auf die Hand, die in den Käfig griff, vorbereitet und wich einige Male gekonnt aus. Doch letztlich half alles nichts: es wurde gefangen und in eine kleine Box gesteckt. Und wie schon beim ersten Mal in einer Box, so schwankte es auch diesmal und es waren seltsame Brummgeräusche zu hören.
Als das aufhörte und sich die Box öffnete, traute sich das Wellensittichmädchen nicht hinaus. Abwarten blieb es sitzen und lauschte. Aber außer den unmelodischen und lauten Stimmen der Federlosen war nichts zu hören. Zaghaft rief es ein „Hallo“. Aber keiner antwortete. Nach einer schier endlosen Zeit beschloss es, dass es einen Versuch wagen und ins Freie schauen wollte. Vorsichtig streckte es den Kopf aus der Box. Ein Käfig. Die Größe recht erträglich. Ein paar Äste. Aber kein Artgenosse weit und breit. Das konnte einfach nicht sein! Panikartig flog es auf, nur um an ein Gitter zu stoßen, an dem es sich reflexartig festklammerte. „Ich bin allein! Mutterseelen allein!“ schoss ihm durch den Kopf. Laut rief es nach irgendeinem anderen Wellensittich – es konnte doch nicht sein, dass auf einmal alle weg waren. Aber die einzigen die kamen, waren die beiden Federlosen, die es neugierig anstarrten und etwas in ihrer seltsam unmelodischen Sprache sagten. Ängstlich zog sich das Wellensittichmädchen in eine Käfigecke zurück, wo es den Rest des Tages ausharrte. Die Nacht war noch schlimmer. Einsam und allein, kein beruhigendes Schnabelknirschen zu hören, kein Gefiederschütteln oder der sanfte, traumverhangene Piepser eines anderen…. Irgendwann wurde aber die Müdigkeit zu groß, so dass es doch in einen kurzen, traumlosen Schlaf fiel.
Der nächste Morgen war nicht besser. Es war immer noch allein. Und hatte schrecklichen Hunger. Wo sollte es denn das Futter finden, wen ihm niemand sagen konnte, wo es war? Also beschoss das Wellensittichmädchen, auf die Suche zu gehen. Es dauerte nicht lange, und es entdeckte den Napf mit Körnchen. Zaghaft probierte es einige. Es war essbar, auch wenn es keinen großen Spaß machte, so ganz allein am Napf zu sitzen, ohne jemanden neben sich.
Als der Hunger gestillt war, beschloss das Wellensittichmädchen, sich den Käfig etwas genauer anzuschauen. Vorsichtig kletterte es herum. Oben auf einem Ast saß etwas, das entfernt wie ein Vogel aussah. Es war zwar irgendwie kleiner, aber die Form erinnerte daran. Es setzte sich daneben und zwitscherte ein schüchternes Hallo. Es kam keine Antwort. Vorsichtig stupste es ihn mit dem Schnabel an – keine Reaktion. Das war seltsam. Noch nie hatte es einen Artgenossen getroffen, der darauf nicht reagiert hätte. Also beschloss das Wellensittichmädchen weiter auf Entdeckungsreise zu gehen. Die war schneller zu Ende als gedacht. Eines war jedenfalls sicher: ein anderer Artgenosse versteckte sich hier nirgends! Was sollte es jetzt um alles in der Welt mit dem Tag anfangen?! Normalerweise war da immer jemand zum Spielen, Quatschen, Fliegen oder Streiten gewesen. Aber was sollte man nur ganz allein mit einem Tag anfangen?
Die Federlosen kamen wieder. Sie sprachen mit dem Wellensittichmädchen. Das hatte aber nur Angst vor diesen großen, unförmigen Gestalten, die mit ihren tiefen Stimmen ziemlich seltsame Laute formten. Ein Wort fiel auffallend häufig: „Lilly“. Es dauerte eine ganze Zeit, bis das Wellensittichmädchen begriff, dass es selbst damit gemeint war. Offenbar sollte das sein Name sein.
Das fand es aber ganz unerhört. Schließlich hatte es längst einen Namen, den ihm seine Eltern gegeben hatten. Andererseits musste es einsehen, dass diese Federlosen mit ihren monotonen Stimmen einen so feinen, zwitschernden Laut wohl nie hervorbringen würden. Nun denn, dann eben Lilly.
Also versuchte Lilly sich mit den Federlosen zu verständigen. Sie fragte, wo denn die ganzen anderen Vögel seien. Mit der Antwort konnte sie allerdings nichts anfangen. Sie hatte auch nicht den Eindruck, dass die Federlosen die Frage verstanden hatten. Die schienen überhaupt schnell das Interesse an ihr zu verlieren und wandten sich ab. Sie steckten sich seltsame Stäbchen in den Mund, die anfingen fürchterlich stinkenden Rauch zu verbreiten. Lilly war empört: wie konnte man nur die Luft so verpesten?! Doch ihr Geschimpfe kümmerte offenbar niemanden. Die Federlosen gingen weg. Und Lilly blieb allein zurück. Sie beschloss, es noch einmal mit diesem vogelähnlichen Wesen zu versuchen. Aber auch jetzt blieben alle Kontaktversuche genauso erfolglos wie zuvor.
Lilly langweilte sich. Sie hätte gerne jemanden zum Reden gehabt. Oder einen Freund, der ihr eine nette Geschichte erzählte. So wie ihr Vater. Der war ein fabelhafter Geschichtenerzähler gewesen. Lilly schloss die Augen, und versuchte sich an die Geschichten zu erinnern. Aber davon bekam sie nur Heimweh. Traurig drückte sie sich an das vogelähnliche Wesen und sah zu, wie die der Tag langsam verstrich.

Die nächsten Tage waren nicht besser. Sie waren genauso einsam wie der erste. Anfangs rief sie noch in der verzweifelten Hoffnung, dass irgendjemand ihrer Art sie hören würde und vorbei käme. Aber es kam nie jemand. Vielleicht ist etwas ganz schreckliches geschehen und es ist allen anderen Wellensittichen etwas passiert, dachte Lilly. Vielleicht bin ich die letzte meiner Art? Sie wollte lieber nicht weiter denken – die Vorstellung war zu schrecklich.

So verging Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat. Ein Tag war wieder andere. Die Stunden verstrichen quälend langsam und eintönig. Längst hatte Lilly aufgehört nach Freunde zu rufen. Es nützte ja nichts. Längst hatten auch die Federlosen aufgehört, sich mit Lilly unterhalten zu wollen. Sie schienen kein großes Interesse mehr an ihr zu haben. Lilly wusste nicht, ob sie das freuen oder bedauern sollte.
So kuschelte sie sich an die vogelähnliche Gestalt und flüchtet sich in Tagträume. Denn in ihren Träumen war sie frei und ungebunden. Sie flog auf eine Wiese, wo es noch viele andere Wellensittiche gab. Dort war auch ein wunderschöner gelbgrüner Hahn. Er war mutig und stolz, er war aufmerksam und höflich und er war der beste Geschichtenerzähler weit und breit. Lilly stellte sich vor, wie er ihr Geschichten erzählte und anschließend mit ihr ein Wettfliegen machte, bevor sich sie sich auf einem Ast aneinander kuschelten um einzuschlafen.
Diese Träume waren so wundervoll, dass sie am liebsten nie wieder die Augen aufgemacht hätte. Aber natürlich ließ sich das nicht vermeiden. Und jedes Mal traf sie die Erkenntnis, dass sie ganz allein hier festsaß, wie ein Schock. Sie rutschte dann nur umso enger an die vogelähnliche Gestalt heran, das einzige, was einem Freund hier am nächsten kam. Wenn er nur nicht so kalt und glatt wäre. Und wenn er doch wenigstens ab und zu ein Wort sagen würde. Traurig schloss Lilly dann jedes Mal wieder die Augen und stellte sich vor, der kalten Plastikgestalt wüchsen Federn und Schnabel, in der Brust schlüge ein warmes Herz und zarte, gurrende Laute perlten seiner Kehle empor.
Ach, wenn doch nur jemand sie sehen und Mitleid mit ihr haben würde! In ihrem Herzen war so viel Liebe und Zärtlichkeit, die sie gerne jemandem geschenkt hätte!

Drei lange Jahre später hatte Lilly einen Traum. In diesem Traum erschien ihr eine Fee. Und die Fee konnte ihr bis ins Herz sehen und all die ungeweinten Tränen sehen. „Kleine, tapfere Lilly, sei nicht verzagt.“ sprach die Fee. „Ich habe deine Einsamkeit gesehen und ich will dir helfen. Habe nur noch ein klein wenig Geduld und du wirst neue eine Familie und einen Liebsten finden.“ Dann wurde es plötzlich hell und Lilly blinzelte mit den Augen. „Was war das?“ fragte sie sich. Sie schaute sich um; von der Fee keine Spur. Alles war wie immer. „Wohl nur ein Traum“, dachte Lilly traurig.

Doch drei Tage später passierte etwas Merkwürdiges. Eine unbekannte Federlose kam und sprach mit Lillys Federlosen. Dann öffnete die unbekannte Federlose Lillys käfig und griff hinein. Panisch flog Lilly davon, hatte aber keine Chance. Sie wurde in einen kleineren Käfig umgesetzt. „Meinen Freund, so gebt mir doch wenigstens meinen Freund!“ rief sie ängstlich. Denn auch wenn der vogelähnliche Gegenstand nie geantwortet hatte, so war er doch irgendwie das, was einem Freund am nächsten kam. Die fremde Federlose schien das gehört zu haben, und setzt Lilly ihren Plastikfreund dazu. Dann kam ein Tuch um den Käfig und es fing wieder an zu Schaukeln und zu Brummen.
Als das Tuch fortgezogen wurde hörte Lilly zum ersten Mal wieder Stimmen, die zwitscherten. Sie hörte genau hin. Konnte das sein? Das war doch ihre Sprache?! Vorsichtig reckte sie den Hals und sah vier wunderschöne Wellensittiche, die sich munter unterhielten und miteinander spielten. Sehnsüchtig drückte sich Lilly den Schnabel am Käfig platt. Wie gerne würde sie die anderen auf sich aufmerksam machen. Wenn sie sich nur an die richtigen Worte erinnern könnte. Irgendwie schien sie alles vergessen zu haben. Das konnte doch nicht sein?! Nun, sie beschloss, dass sie heute genau zuhören würde, und morgen, da war sie sich sicher, wäre sie bereit, sich dem Schwarm anzuschließen.

Doch es kam anders. Die fremde Federlose wickelte sie und ihren Käfig am nächsten Tag wieder in eine Decke. „Was soll das?“, frage Lilly entsetzt, „darf ich denn nicht hier bleiben?“. Die fremde Federlose schien das zu verstehen und sprach beruhigend auf Lilly ein. Und irgendwie, Lilly wusste auch nicht wieso, konnte sie ein bisschen verstehen, was die Federlose ihr sagen wollte. Die Federlose hätte Lilly gerne behalten, aber leider habe sie keinen Platz. Aber sie würde Lilly jetzt auf die Reise in ihr endgültiges Zuhause schicken. Dort würden auch schon vier Freunde auf sie warten.
Lilly konnte es kaum glauben. Aber sie konnte auch nichts dagegen tun.

Und so war sie wieder einmal mit viel Gerüttel und Gebrumm unterwegs. Nur dass es diesmal sehr lange dauerte. Ängstlich presste sie sich an ihren vogelähnlichen Freund – wenigstens eine Konstante in ihrem Leben. Als am Ende der Reise das Tuch weggezogen wurde, blickte sie eine ihr unbekannte Federlose neugierig an. „Willkommen daheim, kleine Lilly!“. Lilly ging erst mal in Deckung. Da hörte sie lautes Geschrei. Die Sprache kannte sie! Sollte das die Möglichkeit sein? Noch mehr von ihrer Art?! Tatsächlich: dort hinten stritten sich vier bunte Wellensittiche um das Futter. Lilly war überwältigt. Und bekam Angst. Was, wenn die anderen sie nicht mochten? Was, wenn sie sich an kein Wort mehr erinnerte? Was, wenn sie nicht mehr wusste, wie man sich in einem Schwarm verhielt?
Zum Glück schien die neue Federlose ihre Unsicherheit zu spüren. Lilly sah, dass ihr gewohnter Käfig auch hier war und gerade eingerichtet wurde. Als die Federlose dann den kleinen Käfig gegen das geöffnete Türchen hielt, zog Lilly bereitwillig um. Ja, das war ihr Käfig. Das half, sich zuhause zu fühlen. Auch wenn hier jetzt viel mehr Platz drin war als vorher. Und er stank auch nicht mehr nach diesen widerlichen rauchenden Stäbchen. Das Futter war am gewohnten Platz. Und da die anderen Vier auch gerade beim Abendessen waren, und Lilly nach der langen, aufregenden Reise sehr hungrig war, machte sie sich gleich darüber her. Es schmeckte deutlich besser als sonst. Nicht nach Rauch. Und außerdem fraß sie zum ersten Mal seit Jahren wieder „in Gesellschaft“. Danach verbrachte sie den Abend damit, den anderen beim Geschichtenerzählen zu lauschen und sie beim Spielen und Fliegen zu beobachten. Erst als die anderen sich zum Schlafen auf Schaukeln setzten fiel Lilly auf, dass ihr Plastikfreund gar nicht mehr da war. Als dann aber das Schnabelknirschen der anderen herübertönte dachte Lilly bei sich, dass das viel schöner sein, als der stumme Plastikkamerad.

Am nächsten Morgen wachte sie von Gezwitscher auf. Ein wundervolles Geräusch! Während die anderen sich um die besten Plätze am Futter stritten, nahm auch Lilly ihr Frühstück ein. Sie beobachtete dann die anderen vier bei ihrem Treiben und lauschte ihren Gesprächen. Die Erinnerung kam langsam zurück und am Abend versuchte sie dann zum ersten Mal ein „Hallo!“. Erschrocken hielt sie inne. War das ihre Stimme? So tief und dunkel? Aber die anderen hatten sie wohl trotzdem verstanden, denn es kam ein vierfaches „Hallo“ zurück. Von diesem Erfolg ermutigt, rief sie gleich nochmal. Und wieder folgte eine Antwort. Lilly war ganz aufgeregt. Eine kleine Unterhaltung. Die erste seit drei Jahren! Sie nahm sich vor, die anderen weiter zu beobachten und von ihnen zu lernen und sich dann ihrem Schwarm anzuschließen.

Und so geschah es. Nach knapp drei Wochen war Lilly der Meinung, jetzt wüsste sie genug, um den Schwarmanschluss zu wagen. Sie erzählte es ihrer Federlosen. Leider schien die das nicht zu verstehen. Und so beschloss Lilly, bei nächster Gelegenheit den Ausbruch zu wagen. Diese Gelegenheit kam schon am nächsten Morgen, als die Federlose beim Futterwechseln das Türchen offen ließ. Lilly schätzte die Distanz ab, hoffte, dass ihre Flugübungen der letzten Tage erfolgreich waren und startete durch. Was ein erhebendes Gefühl, wenn man sich mit den Flügeln in die Lüfte schwingt! Nur die Landung war etwas wackelig, aber es klappte immerhin im dritten Anflug. Mit klopfendem Herzen saß sie da und beobachtete die anderen. Die saßen im Käfig und schauten sie neugierig-abwartend an. Lilly nahm all ihren Mut zusammen und kletterte in den Käfig. Da war sie nun. Und jetzt? Keiner sagte etwas, aber dann begann ein Hahn, sein Gefieder zu putzen und gleich darauf auch der zweite. Erleichtert fing auch Lilly an, an ihrem Gefieder zu nesteln, denn diese Geste schien zu besagen, dass alles in Ordnung ist. Später folgte sie den anderen auf das Dach des Käfigs und ließ sich alles zeigen. Sicherheitshalber hielt sie immer etwas Abstand, denn aufdrängen wollte sie sich nicht. Aber alle waren nette und freundlich, und als es Abend wurde und alle zum Schlafen auf die Schaukeln gingen, nahm auch Lilly im Kreise der anderen Platz. Und zum ersten Mal seit drei Jahren schließ sie wieder im Kreis gefiederter Freund.

So vergingen die nächsten Wochen und Lilly lernte immer mehr über das Leben im Schwarm Sie hatte Freunde und war nicht mehr allein. Und trotzdem fehlte etwas: ein Partner. Lilly wollte nicht unmäßig sein, aber hatte die Fee nicht versprochen, dass sie auch einen Liebsten finden würde?

Nun, Feen lügen bekanntlich nicht. Und so geschah es, dass die Federlose eines Tages mit einer kleinen Box nachhause kam. Den Geräuschen nach zu schließen, die aus dieser Box drangen, saß ein Artgenosse darin. Natürlich antworteten die Hähne des Scharms umgehend. Da brach in der Box die Hölle los. Ein stürmischer Hahn rüttelte am Gitter und verlangte sofort freigelassen zu werden. Die Federlose kam der Aufforderung nach und schon schoss ein grüngelber Blitz heraus. Er flog zwei Runden, bevor er mit einer eleganten Landung auf dem Käfigdach landete. Lilly starrte ihn sprachlos an: das war er! Der Hahn, von dem sie tausendmal geträumt hatte. Und hier saß er in Fleisch und Blut und begrüßte alle freundlich. Lilly fühlte sich wie magisch von ihm angezogen und als er sich zu ihr umwandte wurde sie gewahr, dass sie nur noch eine Flügelspannweite von ihm entfernt war. Verschämt zog sie sich zurück. Wie peinlich! Was musste er jetzt von ihr denken?!
Sie hielt danach zwar Abstand, verfolgte ihn aber ständig mit den Augen. Er sah einfach umwerfend gut aus! Eine breite Brust, stolze Haltung und charmant bis in die Schwanzspitze. Mit den Hähnen war er sofort gut befreundet und auch den Hennen machte er Komplimente. Lilly wusste nicht, wie sie reagieren sollte und zog sich schüchtern zurück. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Klarer Fall: sie war verliebt!
Die Nacht über konnte sie kaum ein Auge zu tun. Nur zwei Schaukeln weiter saß dieser himmlische Hahn. Wer hätte da schon an Schlafen denken können? Die ganze Nacht überlegte sie, wie sie ihn für sich gewinnen könnte. Wenn sie nur etwas mehr Erfahrung hätte….
Nun, Lilly hätte getrost schlafen können. Denn der Hahn war bereits auf sie aufmerksam geworden und daher fest entschlossen, ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Daher hatte Lilly die nächsten Tage einen sehr aufmerksamen, höflichen und zuvorkommenden Hahn an ihrer Seite. Sie erzählten sich gegenseitig aus ihren Leben und lernten sich besser kennen. Drei Tage später wagte es der Hahn, Lilly das erste Mal zu Küssen. Ihr blieb vor Entzücken fast die Luft weg. Als er sie anschließend auch noch sanft am Kopf kraulte, war für alle offenkundig, dass hier zwei Herzen zueinander gefunden hatten.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann fliegen sie auch heute noch gemeinsam durch die Lüfte.“

Als Lisa mit ihrer Geschichte geendet hatte, war es sehr still. Lisa schien weit entrückt, in einer anderen Welt versunken. Vorsichtig berührte ich sie am Flügel. Da öffnete sie die Augen und sah mich voller Liebe an. Ja, hier haben wirklich zwei Herzen zueinander gefunden!

Dienstag 01.02.

Heute kam die Federlose ganz beschwingt abends zur Tür rein und bot uns doch glatt eine Hirse an. Allen. Zur Feier des Tages – weil die anderen nämlich kein Zink haben.
Nun, das freut mich für die drei, aber noch mehr freut mich, dass wir endlich wieder mal Hirse bekommen. Denn die gibt es eindeutig zu selten.

Montag 14.02.

Habe beschlossen, das Training wieder aufzunehmen. Durch die ganze Aufregung der letzten Zeit, habe ich es sträflich vernachlässigt. Bin ganz schön außer Form. Sogar Lise kann problemlos mit mir mithalten. Ich fliege zwar gerne Seite an Seite mit meinem Samtauge, aber als Hahn sollte ich sie schon mit meinen Flugkünsten beeindrucken können.
Tag 1: langsames Aufwärmtraining über zwei Runden, ein kurzes Päuschen auf dem Käfig, dann nochmal drei schnelle Runden im Wechsel mit je drei langsamen Runden (dazwischen immer ein kleiner Stopp auf dem Käfig).

Dienstag 15.02.

Tag 2: ein leichtes Aufwärmtraining, dann wieder mein spezielles „Intervalltraining“ von drei langsamen und drei schnellen Runden. Ich finde es komisch, aber Kimi, den ich als meinen Personal Trainer verpflichtet habe, schwört darauf. Er wird’s wohl wissen…

Mittwoch 16.02.

Tag 3: leichtes Aufwärmtraining, Steigerung des Intervalltrainings auf jeweils vier langsame und vier schnelle Runden. Mittags Lisa zum Wettflug aufgefordert und um drei Längen bei einer Flugrunde gesiegt.

Donnerstag 17.02.

Tag 4: wie schon Tag 3 leichtes Aufwärmtraining und je vier Runden Intervalltraining. Abends Suzette heraus gefordert. Sie lag vorne – aber nur um eine Kopflänge.

Freitag 18.02.

Tag 5: Aufwärmtraining und auf 5 Runden Intervall erhöht.
Abends hat mich Flavia zum Wettflug aufgefordert. Habe abgelehnt; ich trete nicht mehr gegen Amateure an.

Samstag 19.02.

Tag 6 Aufwärmtraining und 5 Runden Intervall
Abends gegen Suzette angetreten und um eine halbe Körperlänge schneller gewesen. Jau Baby, Ich bin wieder zurück!!

Sonntag 20.02.

Tag 7: Pause

Montag 21.02.

Tag 8: Aufwärmtraining und 6 Intervallrunden
Abends gegen Kimi angetreten. War zuvor sehr optimistisch.
Hat nicht lange gehalten (man könnte auch sagen, ich habe Staub geschluckt….)

Dienstag 22.02.

Tag 9: Aufwärmtraining….
… dann kam Lisa vorbei und meinte, dass das Ganze hier so langsam Züge der Besessenheit annähme. Ich hätte doch jetzt meine alte Form zurück und könne diese irrsinnige Trainiererei wieder sein lassen. Ich sei doch der Zweitschnellste im Schwarm. Ob das denn nicht reich?! Kimi würde ich sowieso nur schlagen, wenn man ihm vorher beide Flügel zusammenbände. Und außerdem wolle sie endlich mal wieder Zeit mit mir verbringen.
Hm, ja. Das ist natürlich ein Argument…

Montag 07.03.

Heute war ein wundervoll sonniger Tag. Wir beschlossen, nach langer Zeit endlich mal wieder einen gemeinsamen Badetag abzuhalten. Lisa war die erste im Wasser. Sie ist eine echte Wassernixe. Wenn sie planscht, dann schwappt das Wasser in alle Richtungen. Ganz ehrlich: Ich bin immer wieder verwundert, dass überhaupt noch Wasser im Pool ist, wenn sie endlich fertig ist. Kimi und Flavia saßen schon wartend am Poolrand. Klar, dass Flavia die nächste war, die in die Fluten steigen durfte. Zum Glück spritzt sie deutlich weniger um sich. Danach kam Kimi. An dem Kleinen ist echt eine Ente verloren gegangen, wie er so quitschvergnügt vor sich hin paddelt.
Danach meinte Lisa, jetzt sei ich an der Reihe. Also bin ich ins Wasser und habe mich ausgiebig geaalt. Da wir ja alle gerade durch die Mauser durch sind, ist es eine wahre Wohltat, wenn der ganze Staub mal aus dem Gefieder gespült wird.

Pitschnasser Verdi

Anschließend habe ich mich zum Trocknen auf unsere Spirale gesetzt. Ich war echt ganz schön nass.
Martin kam auch dazu und gemeinsam genossen wir die wärmenden Sonnenstrahlen. Leider habe ich mich wohl etwas verschätzt, was deren Trockungsleistung anging, denn als ich der Meinung war, einen Rückflug in den Käfig antreten zu können (ich hatte Hunger), da habe ich die Kurve nicht gekriegt und musste am Boden Notlanden. Meine Federlose kam natürlich sofort mit diesem blöden grauen Kästchen angerannt. Na klar, wenn irgendwas Peinlich wird, dann muss sie es auch noch dokumentieren…

Samstag 12.03.

Habe heute mit Suzette gebalzt. Und die Federlose musste mich natürlich gleich mahnend darauf hinweisen, dass ich schon eine Henne habe. Als ob ich das nicht selbst wüsste!
Ich finde, wenn man keine Ahnung hat, sollte man einfach mal den Schnabel halten. Gilt auch für Federlose.

Denn schließlich hat mein Flirt mit Suzette nicht das Geringste mit meiner Partnerschaft zu Lisa zu tun. Höchstens indirekt.
Lisa ist eine sehr liebevolle und zärtliche Henne. Ihre Kraulmassagen sind unerreicht. Und sie ist ausgesprochen rücksichtsvoll. Nie im Leben käme ich auf die Idee, sie gegen eine andere Henne einzutauschen!

Aber selbst die verliebteste Henne will nicht die ganze Zeit über balzen. Ab und zu hat sie einfach keine Lust. Wenn ich dann vorsichtig anklopfe, und ein genervtes Keckern höre, insistiere ich nicht weiter. Ich kenne meine Grenzen. Eine genervte Henne ist sehr ungenießbar (auch wenn sie sonst das zärtlichste Geschöpf der Welt ist). Und ein kluger Hahn wird niemals, wirklich niemals, die Geduld seiner Partnerin überstrapazieren. Wenn’s ganz dumm kommt, wird man nämlich ganz schnell zu einer persona non grata. Und dann hat es sich für die nächste Zeit mit Kraulmassagen und liebevollem Schnäbeln erledigt.

Was macht ein kluger Hahn also? Richtig: Er sucht eine andere Henne zum Balzen. Da die Auswahl hier zugegebenermaßen nicht besonders groß ist, bleiben nur Suzette und Flavia übrig. Ich ziehe Suzette vor, denn auch wenn sie Federlosen gegenüber wenig Beißhemmung hat, so ist sie uns Hähnen gegenüber meist sehr sozial eingestellt. Im schlimmsten Fall tut sie so, als gäbe es mich nicht. Und wenn sie so gar nicht auf meine Flirtversuche reagiert, dann suche ich mir halt jemand anderen. Bei Flavia ist es viel schwieriger: sie will eigentlich nie von mir angebalzt werden und fängt immer gleich an zu keckern. Und mit der Chefin sollte man sich besser nicht anlegen – ihr Kampfgewicht ist eindeutig größer als meins.
Naja, und mit etwas Glück darf ich ein bisschen mit Suzette flirten. Lisa sagt nichts dagegen. Sie weiß ja, dass ich nur flirte. Aber zum Schmusen und Kraulen komme ich garantiert immer wieder zu meiner Liebsten zurück – wenn sie dazu endlich wieder in Stimmung ist.

Freitag 18.03.

Der Tag war der blanke Horror! Und wie üblich bei solchen Tagen, fing alles ganz harmlos an: ein gemütlicher Vormittag mit fliegen, fressen und schlafen. Unsere Federlose kam dann unerwartet früh zurück. An sich nichts Schlimmes. Auch dass sie den Käfig schloss, war nicht ungewöhnlich. Dergleichen passiert oft, wenn sie lüften will.

Als sie aber zwei dieser winzig kleinen Transportkäfige abstellte, wurde mir ganz blümerant. Diese Dinger bedeuten nichts Gutes! Als ich das letzte Mal in so einem Ding drin war, wurde ich zu den weißen Federlosen gebracht und dort gelassen. Ich konnte also nur hoffen, dass es mich diesmal nicht erwischen würde…

Natürlich hat es mich erwischt. War ja klar – ich scheine das Unglück magisch anzuziehen.
Martin kam in den zweiten Käfig. Das hat mich irgendwie so gar nicht beruhigt, dann wie ich aus der Zinkgeschichte gelernt hatte, müssen zwei, die das gleiche Problem haben, nicht auch zwangsweise die gleiche Behandlung erfahren. Ich konnte mir also sehr wohl vorstellen, dass es die Federlose fertigbringen würde, Martin wieder mit nach Hause zu nehmen, und mich dort zu lassen.
Ich habe nochmal nach Lisa gerufen. Gebracht hat das natürlich gar nichts. Lisa kam nicht mit.

Während der Fahrt wurde mir immer mulmiger zumute. Ich habe meine Federlose mehrfach gebeten, mich doch einfach wieder nach Hause zu bringen. Hat nichts gebracht. Nur Martin meinte irgendwann, ich solle mich nicht so anstellen. So schlimm seien die weißen Federlosen ja nun auch nicht. Der Kerl hat ja keine Ahnung!

Als das Tuch von unseren kleinen Käfigen gezogen wurde, waren wir im Haus der berüchtigten weißen Federlosen. Mir ging der Plüschpopo auf Grundeis!
Meine Federlose schaute ganz entgeistert auf die Bescherung unter mir und fragte: „Ja Verdi, Kleiner, Du hast doch nicht etwa Schiss!“
DOCH!!
Und dann ging meine Federlose einfach raus und ließ uns zurück; nicht dass das den Herrn neben mir besonders beunruhigt hätte.
Zuerst hat es mich erwischt: ich wurde gewogen (ich hatte 2 Gramm abgenommen) und in den Hals gepiekst. Zum Glück wars das und ich wurde zurück in den kleinen Transportkäfig gesetzt.
Dann kam Martin an die Reihe und wurde gewogen; er hatte 2 Gramm zugenommen und wog nun stolze 58 Gramm. Ha, da wird er aber nachher was zu hören bekommen. Dann wurde auch er in den Hals gepiekst und zurückgesetzt.

Und dann, schneller als gedacht, wurden wir zu unsrer Federlosen zurückgebracht. Ich war sehr erleichtert sie zu sehen, bedeutet das doch, dass ich mit nach Hause darf. Gespannt verfolgte ich den Dialog zwischen den zwei Federlosen. Ich wollte unbedingt mitkriegen, wie Martin einmal, nur ein einziges Mal, auch „sein Fett weg kriegt“. Es fing auch ganz gut an. Die weiße Federlose erklärt mit ernster Miene, dass Martin im Vergleich zum letzten Besuch zugelegt hätte und jetzt 58 Gramm wöge. Gespannt wartete ich auf den Einzelkäfig und den Teelöffel. Aber das kam nicht. Stattdessen erwähnte die weiße Federlose, dass Martin noch erstaunlich fit sei für sein Gewicht.
Äh, hä?! Kein Teelöffel??
Und ganz verständnisvoll meinte sie, dass es sicher sehr schwer würde, Martin im Schwarm auf Diät zu setzen.
Mir sackte vor Überraschung der Unterschnabel nach unten. Wie kommt das? Wenn ich 46 Gramm wiege fahren die weißen Federlosen schwerstes Geschütz auf und fordern Einzelhaft, und wenn Martin als Doppel-Wopper mit 58 Gramm daher kommt, dann loben sie auch noch seine Fitness?!
Die Welt ist so ungerecht!!! Wie macht der Kerl das bloß?
Martin zwinkerte mir verschwörerisch zu und meinte, Charme sei eine unschlagbare Waffe.
Wie soll ich das denn verstehen? Hat er etwa mit der weißen Federlosen… geflirtet??!!
Martin legte den Kopf schief, schaute mich pfiffig an und meinte nur, Federlose sei Federlose. Egal ob weiß oder bunt. Und sie alle seien mit unserem üblichen Welli-Blick in Null-Komma-Nix um die kleine Kralle gewickelt.

Als wir wieder glücklich daheim waren, musste ich sofort zu Lisa. Sie hat mich mit einer liebevollen Massage für alles Ungemach entschädigt. Aber dass Martin mit weißen Federlosen flirtet, findet sie auch komisch. Obwohl… wenn man so drüber nachdenkt…. Dann kann das auch seine Vorteile haben…

Sonntag 20.03

Irgendwie habe ich den Eindruck, dass das Futter reduziert wurde. Seit gestern gibt es morgens einen Teelöffel pro Mitbewohner und abends einen zweiten. Und es wurde ganz viel Knaulgras unter das Futter gemischt. Nicht dass ich was gegen Knaulgras hätte. Nein, es schmeckt eigentlich ganz gut. Aber Hirse ist eindeutig besser.

Apropos Hirse. Da fällt mir auf, dass wir hier schon sehr lange keine Hirse mehr hatten. Ich sollte das mal gegenüber unsrer Federlosen ansprechen.

Montag 21.03.

Hirse fuer alle

Juchuh, heute gab es Hirse für alle. Es war eine Feier, weil Martin und ich ab jetzt zinkfrei sind! Mampf, das war oberlecker!

Dienstag 29.03

Es wird Frühling. Wir merken es alle daran, dass uns die Federn ausfallen. Unsere Federlose holt zweimal täglich das laute Brumm-Ding raus, mit dem sie alle Federn wegmacht. Sie beschwert sich, dass sie langsam eine Kissenmanufaktur eröffnen könne. Ich weiß gar nicht, wieso sie darüber nörgelt: bei uns juckt es doch überall weil die neuen Federchen nachwachsen…

Immerhin scheint Lisas und mein Beispiel Schule zu machen: Martin und Suzette kraulen sich auch. Allerdings hat Martin da eindeutig den schlechteren Part erwischt, da er immer sie krault und die Dame sich nicht revanchiert. Da habe ich es mit Lisa eindeutig besser: ihre Kraulmassagen sind unerreicht und so zärtlich zupft keine Zweite die Hülsen von den Federn.

Samstag 23.04.

Heute war bei der Federlosen offensichtlich Großreinemachen angesagt. Sie hat sogar die Fenster geputzt. Und die Jalousien. Jede Lamelle wurde einzeln abgestaubt und geputzt. Naja, Gründlichkeit ist was Schönes und wenn’s ihr Spaß macht….
Sie hatte sich also bis zu unserem Fenster vorgeputzt und dort immerhin schon die Lamellen gereinigt. Dann wollte sie alles nach oben ziehen, um es in einem ordentlichen Päckchen zu verstauen. Dabei stellte sie fest, dass sich die Lamellen gar nicht mehr hin und her drehen lassen. Irritiert wanderte der Blick der Federlosen nach oben, wo er des Rätsels Lösung erspähte: die Enden der Schnüre ragten angenagt aus dem Oberteil raus.
Der Blick der Federlosen wanderte weiter. Zu uns. Uiuiuiuiui. Jetzt aber ganz fix den Unschuldsblick aufgesetzt. Zuerst wurde ich kritisch gemustert. Nein, ich war’s nicht!
Dann ging der Blick zu Lisa. Die schaute ganz gelassen zurück. Und legte den Kopf schief. Nein, sie kann es auch unmöglich gewesen sein. Wer so süß unschuldig schaut, ist ohne Zweifel auch unschuldig.

Bedauerlicherweise war die Federlose anderer Meinung. Ein vorwurfsvolles „Lisa, wie konntest Du nur?!“ folgte. Lisa schaute weiter mit schief gelegtem Kopf zurück. Hey, sie war’s garantiert nicht. Bis gerade eben hat das alles doch noch ganz wunderbar funktioniert, oder? Also ist der Fall doch glasklar: die Federlose war’s! Diese jedoch schien das anders zu sehen und nannte Lisa ein „gefiedertes Nagetier“. Es hörte sich aber nicht so richtig böse an.

Dann zog die Federlose erst mal ab und kam nach einiger Zeit zurück. Sie hatte etwas längliches dabei. Nach einigem Hin-und-Herlaufen, auf-den-Stuhl-Steigen und sonstigem Gekruschtel hatte sie ganz offenbar eine Lösung gefunden: eine neue Jalousie. Na bitte, so schlimm war’s doch gar nicht.

Samstag 30.04.

Unsere Federlose hat heute ein riesen Paket in die Wohnung geschleppt. Sah schwer aus. Neugierig haben wir uns die Hälse verrenkt um zu sehen, was da Spannendes drin war. Wir sind uns nicht ganz sicher was es ist, aber es ist aus Holz und sieht so aus, als könne es für uns sein. Dafür spricht auch, wie begeistert die Federlose immer wieder zu uns rüber schaut und uns erzählt, was für ein tolles Spielzeug das ist.
Hmm. Mal sehen.
In jedem Fall wurde das Ding auf einen ganz ungewöhnlichen Platz gestellt. Es steht jetzt in direkter Nachbarschaft zu dem Bild, auf dem Martin immer so gerne sitzt (was unserer Federloser so gar nicht gefällt und Martin überhaupt nicht schert). Wenn ich das von meiner Position aus richtig beurteilen kann, dann wurde da auch eine Hirse befestigt. Kimi flog kurz danach einen Aufklärungsflug und meldete, dass dort in der Tat eine Hirse hänge.
Hmm. Mal sehen.
In den nächsten Tagen sollten wir auf jeden Fall vorsichtig sein. Wer kann schon so genau sagen, ob uns dieses Ding nicht doch gefährlich werden kann? Vorsicht ist besser als Nachsicht, sage ich immer.

Sonntag 01.05.

Martin wurde heute Morgen gewogen und für zu schwer befunden. Er bringt mittlerweile stolze 60 Gramm auf die Waage. Die Federlose hat angedroht, dass ab jetzt strenge Diät gehalten wird. Das klingt gar nicht nett!

Montag 02.05.

Jetzt weiß ich, was ein Teelöffel ist: es ist etwas sehr, sehr Kleines! Pro Schnabel bekommen wir morgens und abends jeweils einen solchen Teelöffel voll Futter in den Napf gezählt. Jämmerlich wenig! Wie soll ich davon eine Henne ernähren?!?

Mittwoch 04.05.

Mittlerweile habe ich eine gute Taktik entwickelt, wie ich trotz Rationierung an genug Futter für mich und Lisa komme: Sobald die Federlose die Näpfchen entnimmt, gehe ich in Startposition und klettere direkt an die Stelle, wo die mit neuen Körnern versehenen Näpfe (das Wort „gefüllt“ kann ich nicht verwenden, da es jeder Realität spottet) einhängt. Die anderen sind viel zu scheu, um sich schon an den ersten Napf zu setzen, wenn die anderen noch ausgetauscht werden. Ich jedoch überwinde heroisch meine Furcht und fülle eifrig meinen Kropf. So habe ich einen kleinen Vorsprung, wenn sich auch die anderen zu mir gesellen und mich wahlweise Suzette oder Flavia von meiner Position vertreiben.
Lisa honoriert meinen Einsatz. Aber alles in allem wird es einem Hahn hier schon schwer gemacht, in angemessener Weise für die Henne seines Herzens zu sorgen.

Samstag 07.05.

Die Federlose hat schon wieder ein Paket angeschleppt. Diesmal hat sie irgendwas geholt, mit dem sie kurz ausgesprochen viel Krach machen konnte. Dann hat sie etwas Längliches über dieses große Holzding gehängt. Nach einer Weile wurde dieses längliche Ding ganz hell – man sieht dort schöne Farben, ganz ähnlich wie unter unsrer persönlichen kleinen Lampe. Die Ecke da drüben scheint wirklich für uns gedacht zu sein…
Eigentlich sollte sich das mal jemand anschauen. Das ist ganz klar ein Auftrag für einen Scout. Dumm nur, dass dieser Posten noch nicht vergeben ist. Jeder Schwarm, der was auf sich hält, sollte einen Scout haben. Ein Scout ist ein möglichst kleiner und schneller Vogel, der Neues und Unbekanntes als erster für die anderen erkundet. Sollte er in Gefahr geraten, dann muss er ganz schnell Fersengeld geben (daher sollte er möglichst klein und schnell sein). Wenn ich so drüber nachdenke, dann wäre Kimi der ideale Scout. Er qualifiziert sich zusätzlich noch durch seine angeborene Neugierde, die ihn zwingt, scheinen Schnabel früher oder später in alles reinzustecken.
Ich werde es bei Gelegenheit mal ansprechen….

Montag 09.05.

Das Futter bleibt weiter rationiert. Eigentlich eine Frechheit: Nur weil Martin ein Gewichtsproblem hat, müssen wir das alle mitausbaden!
Da wir uns alle in der Mauser befinden, wäre ein bisschen mehr Futter nicht schlecht, um den Stoffwechsel zu unterstützen. Die Federlose findet, dass Salat und Gemüse auch sehr gesund sind und viele Vitamine haben. Sie mag ja Recht haben, aber ich hätte lieber Energie in Form von Körnern…

Immerhin gab es heute zum ersten Mal seit einer Ewigkeit wieder Erdbeeren. Ich finde, diese leckeren roten Früchte hätte es viel früher wieder geben müssen. Wir haben sie ja schon fast vergessen. Aber nur fast. Lisa war heute die Erste, die sich an die Erdbeere rangemacht und hingebungsvoll die Kernchen abgezupft hat. Wir anderen haben dann nur unsere Chance abgepasst. Zum Glück sind Erdbeeren ja groß genug, so dass für jeden was übrig bleibt.

Donnerstag 12.05.

Unsere Federlose hat das Holzteil in direkter Nachbarschaft zu unserem Käfig aufgestellt. Dort liegt jetzt auch eine Hirse wie auf dem Präsentierteller. Habe mit Kimi mal das Scoutding durchgesprochen. Er meinte, er würde diese ehrenvolle Aufgabe gerne übernehmen. Ich fand das toll und meinte, dann könne er jetzt gleich mal bei der Hirse auf dem Holzteil anfangen.
Was soll ich sagen? Kimi ist hin und hat sich den Kropf vollgeschlagen. Nachdem da ganz offensichtlich nichts Schlimmes passierte, bin ich sofort hinterher – nicht dass er mir die ganze Hirse wegfuttert! Danach habe ich brav mit Lisa geteilt. Sie war sehr zufrieden. Ich auch.

Freitag 13.05.

Der Holzspielplatz steht jetzt etwas weiter vom Käfig weg, ist aber immer noch recht nah. Und da eine Hirse dort lag, sind Kimi und ich wieder hin und haben alles aufgefuttert. Bei so einem Angebot können wir ja schlecht ablehnen, oder?

Samstag 14.05.

Der Holzspielplatz wurde wieder etwas weiter weggerückt. Was bezweckt die Federlose damit? Aber solange es Hirse gibt, fliegen wir nochmal hin. Schließlich haben wir alle Hunger (da war ja noch was mit Diät).

Sonntag 15.05.

Der Holzspielplatz steht wieder da, wo er zuerst schon mal stand. Nee, das ist mir jetzt doch zu weit weg. Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht doch eine Falle ist. Da gehe ich nicht hin. Kimi auch nicht. Ist ja ein toller Scout!

Dienstag 17.05.

So langsam könnte die Mauserei auch mal aufhören. Mir geht es grad ganz gewaltig auf die Nerven! Ich dachte, ich wär durch, aber kaum hatte ich die letzten Hülsen abgestreift, ging es schon wieder von vorne los. Einziger Trost ist, dass es die anderen genauso trifft wie mich. Kimi hat sogar schon eine kahle Stelle über der Nase.

Freitag 20.05.

Wir mausern immer noch. Es ist echt unfassbar. Sagt unsere Federlose auch. Sie wundert sich, dass wir überhaupt noch Federn haben. Wir auch….

Mittwoch 25.05.

Habe ein paar Seiten zurückgeblättert und völlig irritiert meinen Eintrag über das Nicht-Mausern im letzten Herbst gelesen. Habe das wirklich ich geschrieben?!? Kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Ich habe diese ewige Federzupferei so satt!! Man fühlt sich unwohl, weil es überall juckt und schläfrig und müde und hungrig und einfach nur „bäh“!

Samstag 28.05.

Heute war wieder Wiegetag von Martin: er hat tatsächlich abgenommen und wiegt „nur noch“ 51 Gramm. Die Federlose war ganz aus dem Häuschen. Prima, dann können wir jetzt wohl endlich mal mit dieser dummen Diät aufhören, oder?
War leider nichts. Sie zählt immer noch die Teelöffel „um den positiven Trend fortzusetzen“. Hmpf!

Freitag 03.06.

Hier steht so eine große Box rum – ich glaube, es geht in den Urlaub. Habe deswegen Martin nach seiner Meinung gefragt und er meinte, ich könne Recht haben. Allerdings seien es verdächtig wenig Boxen. Normalerweise stünden mehr davon rum ...
Immerhin gab es heute Abend Hirse aus der Hand für die, die wollten – also Kimi und mich. Kimi hatte allerdings nur wenig Hunger und hörte recht bald wieder mit dem Futtern auf. Er meinte, sein Kropf sei wegen der ständigen Diät schon ganz klein geschrumpft. Der hat vielleicht Probleme. Aber kein Thema: Dann esse ich eben seine Ration mit!

Samstag 04.06.

Die Federlose ist heute Morgen mit der großen Box verschwunden. Nicht ohne sich wortreich von uns zu verabschieden. Scheint wohl doch kein Urlaub zu geben.

Nachtrag spätabends:
Heute Abend ist was Seltsames passiert: Eine mir unbekannte Federlose kam rein und hat sich an unserem Käfig zu schaffen gemacht. Na, da sind wir alle aber fix raus aus dem Käfig und haben uns auf die Lampe bzw. die Spirale geflüchtet. Eigentlich war es ganz unspektakulär; sie hat nur das Papier auf dem Boden ausgetauscht, neues Futter eingefüllt und das nicht mehr ganz so frische Frischfutter nebst Swimmingpool entfernt. Sie hat noch ein bisschen mit uns geredet und ist dann wieder gegangen. Alles sehr merkwürdig. Ist das nicht der Job unsrer Federlosen? Da kann doch nicht einfach irgendwer daher kommen und sich an unserem Käfig zu schaffen machen…

Sonntag 05.06.

Der Tag fing so merkwürdig an, wie der gestrige geendet hatte. Von unserer Federlosen fehlt nach wie vor jede Spur. Dafür kam heute Morgen eine andere Federlose und machte sich an unserem Käfig zu schaffen. Also echt! Darf das jetzt etwa jeder dahergelaufene Federlose?!?
Entnervt brachten wir uns wieder in Sicherheit und schauten zu, wie frisches Futter in die Näpfe gefüllt, Frischfutter auf dem Käfig verteilt und unser Swimmingpool bereitgestellt wurde. Danach wollte diese Federlose irgendwas von uns. Vermutlich, dass wir in den Käfig gehen sollten. Nö, sehen wir ja gar nicht ein! Sie nannte uns „rebellisch“. Finde ich empörend! Mir sagt keine Federlose, was ich zu tun habe. Ich bin schließlich ein erwachsener Hahn und kann selbst entscheiden, wann ich wohin gehe! Schließlich zog sie ab.

Habe Martin gefragt, ob er weiß, was hier gespielt wird. Aber auch Martin konnte nur ratlos sein Gefieder schütteln. Ich seinen acht Jahren hatte er sowas noch nicht erlebt.

Nachtrag spätabends:
Und heute Abend kam erneut eine Federlose. Ich habe genau aufgepasst: es war nicht dieselbe wie heute Morgen! Sie hat wieder aufgeräumt, geputzt und neue Körnchen eingefüllt. Ich verstehe so langsam überhaupt nichts mehr.

Dienstag 07.06.

So langsam kapiere ich es: Es gibt zwei Federlose. Die eine macht Frühstück und die andere putzt. Ich mag ja die mit dem Frühstück lieber: die füllt immer sehr viel Futter in die Näpfe. Hah, das ist dann wohl das Ende dieser elendigen Diät!!
Die Putzfederlose ist viel strenger. Sie gibt nur noch ganz wenig Körner und dafür stellt sie abends immer Grünzeug in Töpfchen auf den Käfig. Außerdem mustert sie das Papier immer kritisch, bevor sie es durch neues ersetzt – darin gleicht sie unserer Federlosen. Apropos unsere Federlose: Wo steckt sie nur?

Samstag 10.06.

Unsere Federlose ist immer noch verschwunden. Aber so langsam gewöhnen wir uns an das seltsame Duo, das hier aufräumt und Futter verteilt. Naja, manche von uns gewöhnen sich daran. Suzette, Lisa und Kimi flüchten immer noch beim Auftauchen einer der Federlosen aus dem Käfig.
Ich hingegen bin dazu übergegangen, im Käfig zu bleiben und mich gleich auf das Futter zu stürzen. Das Zeug ist so lecker, und endlich wieder in beliebigen Mengen verfügbar. Da könnte man sich glatt reinsetzten (manchmal tue ich das auch)...

Montag 13.06.

Irgendwas fehlt hier. Ich komm nur nicht drauf, was. Martin meinte, es sei unsere Federlose. Hm. Nein, ich glaube nicht. Wir kommen zu sechst doch prima klar: für Futter ist gesorgt und aufgeräumt wird auch. Flavia meinte, ihr fehlten die Gute-Nacht-Geschichten. Hm, ja. Das stimmt. Wenn es dunkel wird, hat uns unsere Federlose vor dem Auf-die-Schaukel-Gehen immer noch ein bisschen was erzählt und dann jedem von uns einzeln eine gute Nacht und schöne Träume gewünscht. Hätte nicht gedacht, dass man sowas vermissen könnte. Aber andererseits ist das jetzt nicht sooo wichtig. Hauptsache, wir sechs sind alle zusammen!

Mittwoch 15.06.

Spieplatz mit Hirse

Jetzt interessiert es mich doch: ich werden mir diesen Spielplatz samt Hirse etwas genauer anschauen. Eigentlich wäre es ja Kimis Aufgabe, von wegen Scout und so. Aber nachdem ich jetzt schon eine Ewigkeit jeden Tag daran vorbei geflogen bin, muss ich es doch genauer überprüfen.

Später:
Juchuh! Es hat geklappt! Ich war auf dem Spielplatz. Ganz tolle Anflugstange, da landet es sich total einfach. Und danach habe ich mich über die Hirse hergemacht. Alles meins, hi hi!

Samstag 18.05.

Habe gerade beim Blättern in meinem Tagebuch festgestellt, dass ich ja morgen Jahrestag habe! Dann bin ich schon ein ganzes Jahr hier. Jetzt wüsste ich aber schon ganz gerne, wo unsere Federlose eigentlich steckt. Die wird doch nicht meinen Jahrestag verpassen?!

Nachtrag spätabends:
Unsere Federlose ist zurück! Wir waren eigentlich schon dabei, in Schlafposition zu gehen, als es plötzlich laut und hell wurde und unsere Federlose samt dieser großen Box ins Zimmer rumpelten. Na sowas! Kimi musste natürlich sofort raus und eine extra Flugrunde einlegen –möglichst dicht am Kopf der Federlosen vorbei. Sie hat dann unseren Käfig aufgeräumt und uns später auf die Schlafschaukel gebracht – mit Gute-Nacht-Geschichte.

Sonntag 19.06.

Heute ist mein Jahrestag! Ich kann es kaum glauben, wie schnell die Zeit verfolgen ist! Kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen, dass ich aus meiner kleinen Transportbox geflogen bin. Und was habe ich in diesem einen Jahr nicht alles erlebt! Hätte nicht gedacht, dass man als Welli so viel Neues und Interessantes entdecken kann. Und natürlich meine Lisa, das größte Geschenk überhaupt!
Alle haben mir gratuliert und die Federlose hat mir zur Feier des Tages eine Hirse spendiert. Mampf! Schön ist es hier!

Montag 20.06.

Heute Morgen war Wiegen angesagt. Peinlich, peinlich, peinlich… Martin wiegt 55 Gramm.
Flavia wiegt 55 Gramm.
Und ich, seufz, ich wiege auch 55 Gramm.
Das Futter war eben einfach zu lecker. Aber ich ahne Schreckliches: bestimmt gibt es ab jetzt Diät.

Nachtrag: Ja, es gibt Diät! Ganz viel Knaulgras und wenig Körnchen – und pro Welli nur einen Teelöffel (ich wünschte, ich hätte mit diesen widerlichen Dingern nie Bekanntschaft machen müssen!)

Donnerstag 23.06.

Trotz Diät gibt es heute Quellfutter. Mampf, schleck! Das hat es jetzt ziemlich lange nicht mehr gegeben – genaugenommen so lange, wie die Federlose weg war. Leider wurde das normale Körnerfutter um genau die Menge reduziert, die als Quellfutter gereicht wurde. Gemein!
Immerhin habe ich mich wie üblich in die beste Startposition gebracht, so dass ich immerhin einige Quellkörnchen futtern konnte, bevor ich von Suzette vertrieben wurde. Das Leben kann ja so gemein sein!

Freitag 24.06.

Ein kleiner Nachtrag zu gestern ist noch fällig: Lisa und ich hatten schließlich Jahrestag! Und klar, dass ich da dann nicht mehr an meinem Tagebuch schreiben konnte, sondern mich um Lisa kümmern musste.
Jahrestag von Lisa und Verdi Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich die klügste, liebste, zärtlichste und süßeste kleine Henne der Welt erobert habe. Eigentlich schon ein echtes Wunder. Aber das ist wohl so bei Liebe: sie ist einfach wunderbar!
Lisa und ich haben als gestern ganz viel geschmust – vorzugsweise auf unserem derzeitigen Lieblingsplatz: hoch oben auf der Jalousie. Die Federlose sieht das zwar nicht so gerne, aber wir machen es wie Martin: wir ignorieren sie einfach.
Abends saßen wir dann noch lange in trauter Zweisamkeit auf unserem „Balkon“ und waren einfach nur glücklich. Das Leben ist ja sooo schöön!!!

Samstag 25.06.

Heute ist wieder fliegen angesagt. Die Federlose meint, wir seien zu dick und sollten mehr Sport treiben. Finde ich gar nicht schlimm. Ich fliege gerne. Im Gegensatz zu Falvia. Madame ist eine echte Cage-Potatoe. Getreu dem Motto „My cage is my castle“ verlässt sie ihr Schloss nur äußerst ungern. Vor allem, wenn es um so schweißtreibende Dinge wie Fliegen geht. Das rächt sich natürlich in Form des „aus-der-Form-Kommens“. Wenn Flavi denn dann tatsächlich mal abhebt, legt sie meist eine nicht so ganz eingeplante Zwischenlandung ein. Zum Beispiel auf dem Tisch. Oder dem Sofa. Richtig peinlich sind die Bruchlandungen auf dem Boden. Nun ja, solange sie noch allein wieder hochkommt, sind noch nicht ganz Hirse und Hafer verloren.

Lisa hat mich gerade zurechtgewiesen, dass es sehr respektlos sei, wie ich so über unsere Chefin lästere. Finde ich nicht. Ich lästere nicht. Ich sage schließlich die Wahrheit.
Lisa findet, wer im Glashaus säße, solle nicht mit Grit um sich werfen (und ließ ihre Blicke vielsagend an meiner leicht ausgebeulten Front entlang gleiten).
Nun ja, ich habe vielleicht nicht mehr die beste Figur, aber ich bin nichts desto trotz ein guter Flieger. Nach Kimi der Beste hier im Schwarm!

Freitag 01.07.

Mauserzeit

Ich fasse es nicht: Ich mausere schon wieder!! Kann doch eigentlich gar nicht sein, oder?
Ich bin schon wieder nur mit Putzen beschäftigt. Dauernd diese Federn, die ich aus meinem Gefieder ziehe. Mann, das nervt! Als hätte ich nichts Besseres zu tun.
Einziger Trost: Lisa und Martin geht’s nicht besser.

Sonntag 03.07.

Suzette und Kimi hats auch erwischt. Und Flavi meint auch, bei ihr jucke es schon… Mauser ist doof!!!

Dienstag 05.07.

Kleiner Nachtrag zu einem denkwürdigen Schauspiel gestern Abend. Wir haben hier ja zwei Reihen mit jeweils drei Schaukeln. Lisa ist abends eine der ersten, die sich auf die Schaukel setzt. Meist wählt sie eine der beiden mittleren Schaukeln, weil dann sowohl rechts als auch links von ihr ein Platz für mich ist. Ich bleibe ja gerne bis kurz vorm Schlafengehen auf dem Ast; meist nasche ich sogar noch ein paar Körnchen als Schaukelhupferl. Wenn ich dann auf Schaukelsuche gehe, ist meist alles belegt - zumindest neben Lisa. In der Regel sitzt aber auf einer ihrer Seiten ein Hahn (also Martin oder Kimi) den sie dann unerbittlich runter wirft, damit ich seinen Platz einnehmen kann.
Gestern ist Lisa zu spät gewesen, so dass beide Mittelschaukeln schon von den anderen Mädels besetzt waren. Doch Lisa hat sich ganz mutig zu Suzette aufgemacht und mit ihr diskutiert. Sie meinte, sie müsse unbedingt diese Schaukel haben, da sie sonst nicht neben mir schlafen könne. Suzette zeigte sich ziemlich uneinsichtig und meinte, dann solle Lisa eben früher auf Schaukelsuche gehen. Ich dachte schon, die Sache sei damit gelaufen, als Lisa sich mit Schwung Richtung Schaukel abstieß und fast auf Suzette drauf gehüpft wäre. Die konnte sich mit einem empörten Aufschrei gerade noch in Sicherheit bringen.
Grummelnd zog Suzette dann auf die andere Seite, wo sie Kimi von der Schaukel warf (vermutlich brauchte das ihr Selbstwertgefühl), der daraufhin Martin von der Schaukel schubste (vermutlich brauchte das sein Selbstwertgefühl). Martin schubste niemanden, sondern suchte sich eine freie Schaukel, wo er sich friedlich niederließ (Martin ist schwer aus der Ruhe zu bringen, und seinem Selbstwertgefühl geht es offensichtlich auch so ganz gut).
Und ich, ja ich habe wie üblich neben meiner Lisa geschlafen.

Montag 11.07.

Wir sind wohl so langsam durch. Flavia sieht diesmal aus wie ein kleiner Igel.
Ich betrachte meinen Flügel und meine Brust und hoffe, dass diese kahlen Stellen endlich mal weg gehen. Das hatten mir die weißen Federlosen doch versprochen, als sie mich wegen dieses ominösen Zinks so geärgert haben… Ich wusste, auf die Weißen ist kein Verlass!!

Montag 25.07.

Heute Abend war wieder was los. Der Tag an sich verlief ganz normal, aber unsere Federlose kehrte heute früher zurück als sonst, nur um gleich wieder zu verschwinden.
Als sie zurückkam, hatte sie einen dieser widerlich kleinen Transportkäfige dabei. Immerhin saß da schon jemand drin – die Gefahr, dass mal wieder einer von uns da rein müsste (vorzugsweise ich – ich bin hier ja der Pechvogel vom Dienst), schien daher nicht allzu groß.

Wir reckten also alle gespannt die Hälse, um zu sehen, wer denn da in diesem Miniding säße. Es war was Grünes. Testweise haben wir mal ein Hallo in die Runde gerufen. Die Reaktion war gleich Null.
Dann schleppte die Federlose einen Käfig rein. Der war eher Mittelgroß – naja, größer als der Transportkäfig, aber trotzdem würde ich in sowas nicht reinwollen. Kimi setzte zu einem Aufklärungsflug an (das ist ja seine Spezialität). Als er zurückkam, berichtete er, dass der Käfig total mit Stangen vollgestopft sei. Da passe beim besten Willen kein Vogel rein –da könne man keinen Flügelschlag tun.
Die Federlose schien in der Zwischenzeit bei ihrer Inspektion zum gleichen Ergebnis gekommen zu sein, da sie bereits dabei war, alle Stangen auszuräumen und in eine große Box zu stopfen. Dann schnupperte sie an diesem Käfig und verzog das Gesicht. Lisa meinte, dieses Gesicht kenne sie schon: genau so habe die Federlose geguckt, als sie damals an Lisas Käfig geschnuppert habe. Und ihr Käfig habe damals nach diesen kleinen weißen Stäbchen gerochen, die sich Federlose manchmal ins Gesicht stecken, und die dann anfangen zu qualmen. Die Stammbelegschaft (also Martin, Suzette, Flavia und Kimi) guckte unwissend. Ich hingegen wusste, worum es geht; manche Federlose scheinen es ganz toll zu finden, sich in diesen Rauch zu hüllen. Das Zeug stinkt fürchterlich (endlich mal was, das ich besser weiß als Martin – hach ja, das tut gut).
Aber zurück zu diesem Käfig und unsrer Federlosen. Während wir uns über qualmende Stäbchen unterhielten, war unsere Federlose samt Käfig verschwunden. Wir hörten es laut Plätschern – ein Geräusch das wir vom Saubermachen unseres Käfighäuschens gut kennen.
Nach einer kleinen Weile kehrte die Federlose mit dem Käfig zurück. Ja, der sah jetzt auch schon deutlich sauberer aus. Dann begann sie, den Käfig neu zu möblieren. Fachmännisch kommentierten wir die Anordnung der Stangen. Sie machte ihre Sache nicht schlecht, denn jetzt waren ein paar Flügelschläge darin möglich – nicht viel, aber immerhin.
Der Käfig kam auf einen kleinen Schrank und dann wurde der grüngefiederte Insasse des Transportkäfigs umgesetzt. Dabei wurde heftig protestiert. Sollte es vorher noch irgendwelche Zweifel gegeben haben, so war jetzt eindeutig klar, dass das kein Artgenosse im engeren Sinn war. Der oder die sprach eine uns unbekannte Sprache. Ui. Jetzt wird’s aber interessant. Sofort haben wir wieder laut Hallo gerufen und tatsächlich kam was zurück, das entfernt an ein Hallo erinnerte. Aber mehr war aus dem Grünen nicht raus zubringen. Der war zu beschäftigt, im Käfig hin und her zu klettern. Vorzugsweise kopfüber. So wie das aussah, war er mit der von unserer Federlosen vorgenommenen Änderung an der Inneneinrichtung nicht so ganz einverstanden. Verstehe ich nicht – meiner Meinung nach sah es deutlich besser aus als vorher.

Nun ja. Sehr viel mehr ist dann heute auch nicht mehr passiert. Irgendwann hat das grüne Wesen Ruhe gegeben und sich endlich auf einen Ast gesetzt. War auch höchste Zeit – Schlafenszeit.

Dienstag 26.07.

Gespannt sind wir heute Morgen aufgestanden. Schließlich waren wir sehr neugierig, was denn nun da drüben im Käfig saß. Kimi und Martin haben erst mal den Tag begrüßt. Und so wie es sich gehört, habe ich mitgemacht. Da kam plötzlich von da drüben ein lautes Rufen. Aha, der Grüne ist also auch wach. Begeistert fing Kimi an zu antworten. Der Grüne rief zurück. Na, da haben wir uns nicht lumpen lassen und im dreistimmigen Hahnenchor ein Rufkonzert veranstaltet. Das schien dem Grünen sehr zu gefallen. Uns auch.
Der Federlosen weniger. Sie bat uns mehrfach darum, endlich den Schnabel zu halten. Nix da. Ich versteh die Sprache des Grünen vielleicht nicht bis ins kleinste Detail, aber das was der Grüne da von sich gibt ist eindeutig ein Kontaktruf – oder ich will kein Sittich mehr sein! Und da stellt sich dann gar nicht erst die Frage, ob wir antworten. Wir haben schließlich alle eine gute Kükenstube genossen und diese unsere Erziehung gebietet es zu antworten!

Nun kann man den Kontaktruf nicht ewig fortsetzen (naja, man kann schon, aber das führt zu nichts), sondern man muss den Kontakt dann auch mit anderen Mitteln suchen. Zum Beispiel mit den Flügeln. Kimi flog also wieder eine Aufklärungsrunde und erklärte bei seiner Rückkunft, dass das Terrain ungefährlich aussehe.
Ha, na dann nichts wie los! Ich war der erste, der den direkten Fremdkontakt wagte und auf dem unbekannten Käfig landete. Lisa, alles andere als feige, kam schnell hinterher. Gemeinsam haben wir das grüne Wesen in Augenschein genommen.
Hm. Ja. Also es ist ein Vogel. Und wenn ich mir den Schnabel und die Füße so anschaue, dann ist es sogar ein Sittich. Es ist ein bisschen größer und gedrungener als wir. Aber nicht viel. Nur der Schwanz – also der sieht komisch aus. Irgendwie gerupft. Da fehlt doch was, oder? Lisa und ich waren der Meinung, dass es vermutlich eine Henne ist. Unsere Federlose scheint das auch zu glauben; sie nennt es „Susi“.
Lisa flog dann wieder zurück, da eine direkte Kommunikation an Sprachschwierigkeiten scheiterte. Ich hingegen schaute mir das alles noch etwas genauer an. Hinten am Käfig hing ein Kalkstein. Den musste ich probieren. Nicht dass wir nicht auch einen hätten – aber man kann ja nie sicher sein, dass der andere nicht doch besser ist. Außerdem bemerkte ich, dass Susi ein ganzer Hirsekolben in den Käfig gehängt worden war. Interessant. Das muss ich mir merken. Vielleicht kann ich davon das ein oder andere Körnchen stibitzen – von wegen Diät und so….

Dann bin auch ich wieder zurück, um mich mit den anderen auszutauschen. Dabei machte vor allem das geflüsterte Wort „Rupfer“ die Runde. Ja das war mir auch schon aufgefallen: mein Gefieder ist ja nun nicht das Beste, aber verglichen mit Susis Brust ist das gar nichts. Wir haben überlegt, was ihr wohl zugestoßen sein könnte. Lisa meinte, Susi käme sicherlich aus einer Einzelhaltung. Da wäre die Versuchung zu rupfen immer sehr groß. Das wollten wir dann aber schon genauer wissen.
Also erklärte Lisa, dass man in Einzelhaft sehr einsam sei. Und sich überdies fürchterlich langweilen würde. Die Zeit dehne sich ins schier Unendliche aus. Jede einzelne Sekunde tropfe zäh die Decke runter und rinne langsam am Gitter entlang.
Kimi schaute verwirrt. Wie denn Sekunden tropfen könnten, wollte er wissen.
Lisa meinte, eigentlich gar nicht. Sie versuche nur einen Eindruck zu vermitteln, wie lange so ein einsamer Tag sei. Irgendwann könne man Tag und Nacht, Schlafen und Wachen nicht mehr auseinander halten. Manche Vögel begännen dann das Rupfen, denn der Schmerz ließe sie spüren, dass sie immer noch am Leben seien.
Suzette wollte wissen, ob Lisa auch mal gerupft habe. Nein, meinte Lisa. Sie habe es besser gefunden, zwischen Wachen und Träumen nicht mehr ganz so genau unterscheiden zu können. In ihren Träumen war sie nämlich nicht allein…
Seufzend blickten wir zu Susi. Wenn sie wirklich sowas hinter sich hat, dann sollten wir doch alles tun, um ihr etwas Abwechslung zu verschaffen. Kimi war da ganz meiner Meinung.

Und so flogen wir tagsüber immer mal wieder rüber und erzählten Susi ein paar unserer besten Geschichten. Ich glaube, es hat ihr gefallen. Sie hat ab und zu auch ein bisschen geredet. Und auch wenn wir sie nicht so ganz verstanden haben, so hat es sich doch irgendwie entspannt angehört.

Abends kam die Federlose heim und hat uns begrüßt. Dann hat sie uns direkt gefragt, ob die Hirse geschmeckt hätte… wir haben alle unseren Unschuldsblick aufgesetzt (vor allem Kimi und ich – wir hatten es besonders nötig). Aber zum Glück kann sie uns nichts beweisen…

Mittwoch 27.07.

Heute Morgen waren wir uns schon viel vertrauter, und so konnte das langanhaltende Rufkonzert unterbleiben (sehr zur Freude unserer Federlosen). Stattdessen haben wir uns gegenseitig einen gesitteten Guten Morgen gewünscht (das heißt, ich vermute, dass Susi uns den gewünscht hat ; wir haben hier ja immer noch ein kleine interkulturelles Sprachproblem).
Unsere Federlose ging weg und wir gingen zu weiteren Kontaktaufnahmen über. Martin, Kimi und ich haben unser Bestes gegeben, um Susis Rufe nachzuahmen. Gar nicht so einfach, eine Fremdsprache zu lernen. Aber ein bisschen hat es sich schon wie bei ihr angehört. Sie hat unsere Bemühungen auch nett beantwortet. Anscheinend sind wir da auf dem richtigen Weg.

Später am Tag habe ich Lisa gefragt, ob es in Ordnung sei, wenn ich mal kurz rüber zu Susi flöge und ihr ein paar Geschichten erzählen würde. Nach der langen Einzelhaltung sei sie sicher froh, wenn ihr jemand ein bisschen Gesellschaft leiste… Lisa schaute mich prüfen mit schräg gelegtem Kopf an und fragte, ob es wirklich nur soziales Engagement sei, das mich antreibe, oder ob es nicht zufällig auch was mit der Kolbenhirse zu tun habe, die da so verführerisch in Susis Käfig hänge. Ähm, naja. Teils teils. Aber was spricht schon dagegen, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden? Und schließlich hat Susi bisher die Hirse nicht angerührt. Zu meinem völligen Unverständnis übrigens.
Zum Beispiel gestern Abend: Da hat Susi sehr ernsthaft einen Apfelschnitz und ein Stück Gurke verspeist. Ich habe noch nie jemanden so konzentriert Obst und Gemüse fressen sehen. Ich meine, ich mag das Zeugs auch, und gegen ein oder zwei Schnabel voll habe ich nichts einzuwenden. Aber dann ist auch gut. Danach macht Schreddern eindeutig mehr Spaß als Fressen. Nicht so Susi Kurzschwanz. Alles razeputz vertilgt und danach in die Schlafecke zurückgezogen. Die Kolbenhirse hat sie hingegen keines Blickes gewürdigt. Total unverständlich. Findet Kimi auch.

Na jedenfalls bin ich dann rüber geflogen und habe ein paar meiner besten Geschichten erzählt. Susi hat aufmerksam zugehört und ab und an irgendwas dazu gesagt. Hörte sich an wie Beifall. Zum Schluss habe ich gefragt, ob sie was dagegen hätte, wenn ich mich an ihrer Hirse bediente – ihr schmecke sie ja ganz offensichtlich nicht und ich hingegen fände sie sehr lecker. Susi hat nichts gesagt, mich nur fragend mit großen Augen angesehen. Ach herrjeh, Kommunikation ist schon schwierig, wenn man keine gemeinsame Sprache hat.
Ich habe also beschlossen, mich einfach selbst zu bedienen. Susi Kurzschwanz würde sich bestimmt melden, wenn ihr das nicht passte. Zum Glück hat sie es aber nichts dagegen gehabt; sie hat mich nur sehr aufmerksam beobachtet und die Hirse sehr nachdenklich gemustert. Als ich satt war, bin ich wieder rüber zu Lisa, um ihr ihren Anteil zu geben. Zum Dank hat sie meinen Nacken gekrault. Ach ja, nichts eignet sich besser, um sanft in die Mittagsruhe überzugleiten…

Spät abends:
Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Spät abends war Kimi der Meinung, er brauche jetzt noch Kolbenhirse. Fand ich eine ganz dumme Idee, weil die Federlose doch jederzeit auftauchen könnte. Wenn die sieht, dass wir Susis Hirse fressen, dann gibt es bestimmt ein riesengroßes Donnerwetter. Und ganz bestimmt fällt ihr irgendwas Gemeines ein, wie sie weitere Hirsediebstähle unsererseits verhindern könnte – von wegen Diät und so. Aber Kimi wollte nicht hören. Er wollte fressen. Da kann man nichts machen. Schwupps, war er drüben.
Es kam, wie es kommen musste: Die Federlose betrat natürlich den Raum, als Kimi fröhlich am Futtern war. Ich habe mich schon mal hinter Martin in Sicherheit gebracht und in Erwartung einer Ermahnung den Kopf eingezogen, als die Federlose zu meinem schier grenzenlosen Erstaunen Kimi begeistert begrüßte. Das sei ja so toll von ihm, dass er Susi Gesellschaft leiste, und er könne auch gerne ein bisschen von der Hirse naschen. Hä?!? Ich traute meinen Ohren nicht. Also lugte ich vorsichtig hinter Martin hervor und tatsächlich: die Federlose strahlte Kimi an, als habe er gerade etwas Außerordentliches erreicht. Kimi guckte glücklich zurück und fraß dann selenruhig weiter.
Also wirklich! Empörend! Wenn ich das gewesen wäre, dann wäre ich bestimmt ausgeschimpft worden!
Lisa meinte, ich solle aufhören, immer alles so negativ zu sehen. Schließlich gelte immer noch gleiches Recht für alle. Hm. Na gut, dann teste ich eben mal die Lage. Also bin ich rüber geflogen, sobald Kimi von der Hirse genug hatte (ich will mich ja nicht schimpfen lassen, weil ich unseren Mini vertrieben hätte) und habe selbst Schnabel angelegt. Die Federlose schien nichts dagegen zu haben. Im Gegenteil: sie zückte wieder das silberne Kästchen. Ich habe mittlerweile gelernt, dass dieses Kästchen immer dann zum Einsatz kommt, wenn sie was mag. Also fraß ich weiter. Mit gut gefülltem Kropf bin ich dann zu Lisa zurück. Die übliche Tauschaktion „Körnchen gegen Kraulen“ wurde durchgeführt. Beide Beteiligten sind danach sehr zufrieden eingeschlafen.

Donnerstag 28.07.

Der Tag war weitestgehend wie der vorige. Nur mit einem Unterschied: Susi hat Kimi und mir wohl lange genug zugeschaut um zu begreifen, dass Hirse etwas sehr Leckeres ist. Und so knabberte sie kopfunter am Gitter hängend von innen an der Hirse, während ich gemütlich draußen auf der Befestigung saß und meinen Schnabel durch das Gitter steckte, um ebenfalls von der Hirse zu naschen.
Interessanter Höhepunkt war eine Duschveranstaltung am Abend. Die Federlose hatte dieses skurile Ding angeschleppt, aus dem Wasser sprüht. Ich mag ja Wasser mittlerweile sehr gerne. Aber ich bevorzuge es doch, wenn ich mich reinsetzen kann. Angesprüht werden kann ich überhaupt nicht leiden. Und mit dieser Meinung stehe ich keinesfalls allein. Die anderen sehen das genauso wie ich.

Nicht so Susi Kurzschwanz. Die kam nämlich näher, als meine Federlose den Wasserstrahl auf eine Käfigecke richtete. Anfangs hielt sie nur ganz vorsichtig das Köpfchen rein und wich sofort zurück, um sich zu schütteln. Dann wurde sie mutiger und setzte sich komplett in den Strahl. Zu guter Letzt hing sie dann Kopfunter am Käfigdach und breitete beide Flügel aus, damit sich auch überall nass wurde. Unsere Federlose nannte das „Engelchen spielen“.
Danach saß Susi dann klatschnass auf einem Ast und tropfte ein Weilchen so vor sich hin, bevor sie damit anfing, das Gefieder zu richten. Ich war einfach nur sprachlos. Sachen gibt’s, die gibt’s doch gar nicht.

Freitag 29.07.

So langsam kommt Susi in Fahrt. Hatte sie sich bisher im Käfig nur kletternderweise bewegt, so entdeckte sie nun, dass sie offensichtlich Flügel hatte. Und dass es im Käfig eine kleine Flugschneise gab. Erst zögerlich, dann immer begeisterter flog sie von einer Seite zur anderen. Lisa schaute andächtig zu und meinte, sie könne sich noch gut erinnern, wie sie zum ersten Mal wieder das Fliegen entdeckt habe. Es sei ein unbeschreiblich schönes Gefühl.
Wohl wahr. Denn zum Fliegen sind wir geboren!

Samstag 30.07

Heute ist Susi gegangen. Die Federlose hat einen dieser jämmerlich kleinen Transportkäfige gebracht. Ich bin ruck zuck aus dem Käfig ausgebüchst, sobald ich seiner angesichtig wurde. Normalerweise geht es in den Dingern ja zu den weißen Federlosen. Und normalerweise trifft es vorzugsweise mich.
Aber heute nicht. Heute traf es Susi. Und sie bekam eine Gurke, einen Apfel und eine Hirse mit dazu. Aha. Das sieht nach einer längeren Reise aus. Also wohl nicht zu den weißen Federlosen.
Die Federlose meinte dann zu Susi, sie solle sich verabschieden. Sie ginge jetzt auf große Fahrt zu ihrem neuen Schwarm. Wir haben ihr eine gute Reise gewünscht, und viel Glück für die Zukunft.

Ich hoffe, sie ist gut angekommen und fühlt sich im Schwarm wohl. Aber wie ich unsere Federlose kenne, hat sie schon dafür gesorgt, dass Susi ein gutes Zuhause mit Artgenossen findet.

Den Rest des Tages bin ich mit Lisa unterwegs gewesen. Wie üblich, haben wir uns wieder auf der Jalousie rumgetrieben. Dort sitzen wir ja so gern.

Mittwoch 03.08.

Ich kann es nicht fassen: Die Mauser geht schon wieder los!
Was ist nur los mit uns? Kaum hat man sie hinter sich, fängt sie auch schon wieder von vorne an. Ich hab die Faxen so langsam wirklich dicke. Die anderen auch. Suzette hat es auch schon wieder erwischt. Irgendwie tröstlich, dass es nicht nur mich trifft; sonst würde ich am Ende denken, dass hier was mit mir nicht stimmt.

Wenigstens habe ich Lisa. Sie zupft nach wie vor sehr liebevoll die Hülsen von den Federchen. Insofern geht es mir besser als den anderen, die sich die Hülsen irgendwie selbst vom Kopf schrubbern müssen. Und die Schmuserunden mit Lisa sind ja ein schöner Trost für das lästige Federwechseln.

Sonntag 07.08.

Heute gab es wieder Quellfutter. Natürlich war ich wieder der Erste. Dann kam Kimi und setzte sich daneben um zu drängeln. Nix gibts! Kimi wollte aber keine Ruhe geben und hat mich am Schwanz gezupft. Da hört doch alles auf! Ich war zuerst hier und solange Kimi keine Henne ist, hat er sich gefälligst hinten anzustellen! Ungerührt habe ich weiter gemampft, bis ich satt war.
Danach habe ich Lisa ihren Anteil gegeben und ein bisschen geschmust.

Abends.
Ich glaube, es geht in den Urlaub. Die Federlose läuft wie ein aufgescheuchtes Huhn umher und schleppt dauernd Dinge von A nach B und zurück. Außerdem stapeln sich wieder die Kisten und Boxen. Habe Martin gefragt. Ja, er ist auch der Meinung, dass es in Urlaub geht.

Spät abends:
Hm, vielleicht hätte ich doch nicht so viel fressen sollen. Irgendwie drückt mich der Magen. Naja. Besser gut gefüllter Magen, als leerer Magen, sag ich immer.
Bin sehr müde und werden jetzt neben Lisa schlafen gehen.

Lisas Nachruf

Geliebter Verdi,

Lisas Nachruf

ich habe mir Dein Tagebuch genommen, weil ich fürchte, dass unsere gemeinsame Geschichte zu Ende ist. Ich kann es kaum glauben, aber alles deutet darauf hin.
Wir sind an jenem Tag tatsächlich in den Urlaub aufgebrochen. Doch weit sind wir nicht gekommen. Die Federlose sah Dich plötzlich am Boden sitzen. Ich glaube, da hat auch sie gemerkt, dass es Dir nicht gut ging. Wir sind umgedreht und wieder nach Hause gefahren. Dort hat sie Dich in einen kleinen Käfig gesetzt und mich dazu. Sie meinte wohl, ich könne Dich trösten. Aber Du wolltest nicht. Du sagtest, alles täte Dir weh, und Du könnest gerade keine Berührung vertragen. Auch nicht ein zärtliches Kraulen. Du kauertest in Deinem Eck kämpftest so sichtbar um den letzten Rest Würde, nämlich das Sitzen auf dem Ast. Du tatest mir so unendlich leid, aber ich habe es respektiert. Die Federlose hatte das Türchen offen gelassen, und so bin ich zu den anderen geflogen, nicht ohne immer wieder zu Dir zurück zu schauen.
Irgendwann packte die Federlose Dich und den kleinen Käfig und ging. Ich weiß nicht, wohin Ihr gegangen seid, aber ich habe Dir noch ein Adieu zugerufen. Du warst wohl zu schwach, um noch zu antworten.

Als die Federlose nach einer kleinen Ewigkeit zurückkam, war der kleine Käfig leer. Sie hatte eine Schachtel dabei, die sie neben unseren Käfig legte. Ich habe genau hingeschaut, weil darin etwas lag, das Deine Farben hatte. Aber das kannst unmöglich Du gewesen sein; es hat sich weder bewegt noch etwas gesagt. Und das sähe Dir so gar nicht ähnlich…
Ich habe die Federlose genau angeschaut. Ihr Gesicht war ganz nass. Und auch wenn ich längst nicht die Expertin für Federlose bin, für die Ihr mich gerne haltet, so weiß ich doch, dass es nie ein gutes Zeichen ist, wenn die Gesichter von Federlosen nass sind. Sie war traurig, das konnte ich ganz deutlich spüren. Es passte zu meiner Stimmung.
Ich habe also den ganzen Abend auf „unserem“ Balkon gesessen. Da, wo wir uns so oft gekrault haben, und da, wo Du mich so gerne gefüttert hast. Aber Du bist nicht gekommen. Gerufen habe ich Dich nicht. Ich weiß, dass ich das nicht brauche. Wenn Du in der Nähe wärst, und zu mir kommen könntest, dann würdest Du das auch. So, wie Du mir immer gefolgt bist, ein treuer Gefährte all die Zeit.

Mittlerweile sind einige Tage und Nächte vergangen. Ich beginne mich mit der Tatsache abzufinden, dass Du wohl nicht mehr kommst. Ich bin einsam, aber nicht alleine. Ich habe hier ja vier sehr nette Freunde. Flavia lässt mich in ihrer Nähe sitzen. Sie ist so schön groß, dass ich mich dort geborgen fühle.

Mein Liebster, ich danke Dir für alles. Du warst wie die Sonne, die mich nach der langen Nacht der Einsamkeit mit ihrer Wärme und ihrem Licht einhüllt. Du hast mir gezeigt, dass jeder Tag ein Geschenk ist, und dass man nur die Flügel ausbreiten und darauf zufliegen muss, um es zu empfangen. Man kann unendlich viele spannende und schöne Dinge finden: ein romantisches Plätzchen, eine verzückende Aussicht und manchmal, mit etwas Glück, sogar ein Stück Kolbenhirse.

Die gemeinsame Zeit, die wir hatten, erscheint mir sehr kurz. Ich habe nachgerechnet:
Wir kannten uns ein Jahr, einen Monat und 20 Tage. Oder auch 415 Tage. Das waren 9960 glückliche Stunden, oder 597 600 zauberhafte Minuten, oder 35 856 000 unvergessliche Sekunden.
Eigentlich ist es doch eine ganze Menge. Zumindest mehr, als so mach andere kleine Wellensittich erleben darf.

Und trotzdem bin ich der Meinung, dass Deine Zeit zu früh ablief. Aber ich will nicht hadern. Es bringt nichts. Das hat mich meine Zeit als Einzelvogel gelehrt. Stattdessen werde ich Deine Erinnerung bewahren und versuchen, mir Dein Motto „Carpe Diem“ zu Eigen zu machen. Mach Dir keine Sorgen um mich, Du weißt ja: Ich bin eine kleine Kämpferin.

In ewiger Liebe,
Deine Lisa.