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Hektors Geschichte

Dies ist Hektors Geschichte. Hektor ist nicht sein richtiger Name. Aber mit Rücksicht auf seine Vorbesitzer habe ich mich entschlossen, dem Kleinen hier einen anderen Namen zu geben.
Leider ist diese Geschichte keine lustige Geschichte und leider hat sie auch kein richtiges Happyend. Es ist eine Geschichte darüber, wie Wellis unter der Einzelhaltung leiden und was ihnen damit für ihr ganzes Leben angetan wird.

Hektor durfte die ersten vier Jahre seines Lebens nie fliegen und wurde, nach dem sein Partner schon nach kurzer Zeit starb, allein in einen kleinen Käfig gestopft. Hier hatte er als einzige Gesellschaft zwei Spiegel und als einzige Beschäftigung zwei stets randvoll gefüllte Futterspender und Knabberstangen. So fristete der Kleine relativ unbeachtet sein Leben und beschäftigte sich hauptsächlich damit, in den Spiegel zu schauen und sein Spiegelbild zu füttern.

Dann wurde auch noch eine kleine Katze angeschafft und Hektor wurde in den Wintergarten gleich neben der zugigen Tür verbannt. Er war ja sowieso nicht sehr unterhaltsam, „da er ja eh so sehr auf seinen Spiegel fixiert ist“.
Mir hatte der Kleine schon lange Leid getan, aber das war nun endgültig unerträglich für mich geworden, so dass ich Hektor einpackte, und er bei mir einzog. Das Vögelchen war anfangs völlig verängstigt und auch sehr depressiv. Er wusste nicht, das Kolbenhirse und Knaulgras etwas Essbares sind, und er wusste auch nicht, dass man den Käfig durch die offen stehende Tür verlassen kann um zu Fliegen. Das alles musste er mühsam lernen, wobei ihm sein Freund, den er natürlich sobald wie möglich bekam, immer treu zur Seite stand und steht.

Trotz allem ist Hektor auch nach einem Jahr immer noch ein recht ängstliches und nervöses Vögelchen geblieben, der viele seltsame Verhaltensweisen an den Tag legt. So gibt es Phasen, in denen er Ewigkeiten dasitzt und nur seinen Schnabel dauernd auf und zu klappt. Oder er wandert auf einer Stange ewig lange hektisch von einer Seite zur anderen. Oder er sitzt neben einem von seinen inzwischen drei Kumpels, und hackt dauernd nach ihm. Zum Glück lassen die Drei das stoisch über sich ergehen. Beim Fressen flüchtet er stets panisch, wenn die anderen dazukommen, nur sein bester Freund darf mit ihm zusammen fressen.

Das Schlimmste aber ist, dass Hektor, auch nachdem die Spiegel verschwunden waren und er Gesellschaft durch echte Wellis bekommen hatte, immer noch total auf sein Spiegelbild fixiert ist. Alles, in dem er sich spiegeln konnte, wie etwa Edelstahlnäpfe, musste ich aus seiner Nähe entfernen, und selbst die dunkel lackierten Metallflächen der Voli abkleben, da Hektor, sobald er sein Spiegelbild irgendwo entdeckte, davor klebte, es anbalzte und nicht mehr davon los zu bekommen war, auch nicht durch die anderen Wellis. Nach etwa einem halben Jahr hatte ich das Gefühl, dass er sich soweit mit seinen Kumpels angefreundet hatte und sich an die neue Situation gewöhnt hatte, dass ich zumindest die Voli wieder von den Abklebungen befreien konnte. Und tatsächlich ging es auch eine zeitlang gut.

Aber ganz plötzlich bekam Hektor einen bösen Rückfall. Er klebte auf einmal nur noch an seinem Spiegelbild, balzte es an und versuchte es zu füttern. Er wurde jeden Tag hippeliger und nervöser und machte alle, einschließlich mir, verrückt. Wenn er nicht gebalzt oder gefüttert hat, hat er hektisch Futternachschub besorgt oder ist wie ein Flummi mit einem Affenzahn durch die Gegend gedüst, so dass ich tatsächlich Angst hatte, dass er einen Herzinfarkt bekommt. Das Ende vom Lied war, dass ich wieder alles aus seiner Nähe entfernen musste, in dem er sich auch nur irgendwie spiegeln kann. Er wurde langsam wieder ruhiger, rief aber immer nach seinem Spiegelbildkumpel und wollte mit den anderen Wellis, die ihn trösten wollen, nicht zu tun haben. Erst nach zwei bis drei Wochen hat er sich wieder einigermaßen gefangen.

Hektor wird immer mein Sorgenvögelchen bleiben, wahrscheinlich wird er nie ein normales, fröhliches, unbeschwertes Vögelchen werden. Mit den Verhaltensticks, die er durch die Einzelhaltung zurück behalten hat, wird er immer für immer leben müssen. Und ich kann nur versuchen, ihm zu helfen, sie einigermaßen im Griff zu behalten.

Von Gabi (Forumsnick: Federbällchen)

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