Der Arztbesuch
„DIE SONNE GEHT AUUUUUUUF!“ Lilli jubelte lautstark, die anderen stimmten fröhlich ein.
Nur Willi blieb gelassen und meinte genüsslich: „Du meinst wohl, der Vorhang geht auf...“. „DER VORHANG GEHT AUUUUUUUUUF!“ Lilli brüllte noch lauter, und alle lachten drauf los.
Fast wie jeden Morgen stürmten alle eine Etage tiefer zum Frühstückstisch. Sie wussten, dass ihre Tür sowieso noch etwas geschlossen blieb, weil der besonders große Vogel erst das Fenster aufmachte.
Nur Jule blieb oben sitzen.
Obwohl Gustav mit Heißhunger über dem Teller hing und sich den Schnabel vollschaufelte, blickte er irgendwann hoch und sah seine Liebste dort sitzen.
Er sprang zu ihr.
„Hast Du keinen Hunger heute?“
„Hmmm, nee,... doch, schon, aber mir tut die Schulter so weh... ich trau´ mich nicht runter, dann komme ich nachher bestimmt nicht mehr hoch!?“ Sie sagte dies mit mitleiderregender Stimme.
„Oh je...“ Gustav betrachtete ihre Schulter und ihren Flügel.
„Steh´ mal gerade...“
„Ich kann nicht, es tut so weh!“
Jule beklagte sich selten, eigentlich nie. Umso mehr machte sich Gustav Sorgen um seine starke Frau.
Er fütterte sie erst ein wenig und tröstete sie dabei.
Nach und nach gesellten sich die Anderen dazu, begutachteten die Schulter, gaben Tipps, Trine erzählte, dass sie sowas auch schon mal hatte, das dann aber nach ein paar Tagen wieder wegging, und der ruhige Willi meinte fachkundig: „Nach Bruch sieht das aber nicht aus. Besser, Du lässt das mal untersuchen...Bist Du irgendwo gegen geflogen?“
„Ja, gestern, ich hatte den Ast nicht ganz erwischt“, sagte Jule leise.
In dem Moment kam auch schon der besonders große Vogel, schloss das Fenster und öffnete die Tür der Voliere.
Sie konnten es kaum erwarten, an der Tür entstand das gewohnte Gedränge, um endlich fliegen zu können, und bis auf Jule und Gustav waren unversehens alle draußen.
Der besonders große Vogel griff sich Jule, was diese überhaupt nicht mochte. Sie hasste es regelrecht und schrie wie am Spieß. Gustav flatterte um die Hand des Großen herum und
meckerte ebenfalls lautstark.
Aus allen Ecken des Zimmers schrien die verbliebenen Zehn um die Wette und flatterten
nervös umher.
„Na, Gusti, willst Du auch mit?“
Der Große wartete die Antwort auf seine Frage gar nicht erst ab. Gustav hatte dieses komische Gebrummel sowieso nicht verstanden. Der besonders große Vogel schloss die Tür zur Voliere wieder, in der Gustav noch saß und aufgeregt mit den Flügeln schlug. Der Große griff beherzt in die Voliere und hatte Gustav auch schon gepackt.
Ehe der sich versah, saß er schon in dem winzig kleinen blau-weißen Käfig neben seiner geliebten Jule. Die beruhigte sich daraufhin etwas.
„Pass´ auf, jetzt kriegen wir Hirse und Gurke und dürfen Auto fahren!“ Gustav war ganz begeistert und vergaß fast, warum sie beide in dem kleinen Gehege saßen.
„Das ist bestimmt nix Schlimmes bei Dir“, lenkte er gerade noch ein.
Auf der Fahrt kraulte er immer wieder Jules Kopf, den sie ihm entsprechend zuneigte, so wie es ihr am besten gefiel. Zwischendurch hüpfte er zur Hirse, brachte ihr ein Körnchen und schnuddelte dabei ihren süßen Wangenbart. Sie schnurrte trotz ihrer Schmerzen vor Wonne und vergaß diese darüber zeitweise sogar.
In der Arztpraxis waren sie nicht alleine, dort saß ein Hund mit einem anderen großen Vogel.
„Sei ganz still und beweg´ Dich nicht,“ flüsterte Gustav Jule zu, „dann sieht er uns vielleicht nicht!“
Sie saßen bewegungslos ein paar Augenblicke da, bis der Hund mit seinem Vogel wegging.
Dann fingen beide an, sich leise über die lustigen und schön bunten Bilder an der Wand zu unterhalten.
Dann ging es auch für sie Beide in einen anderen Raum, wo sich der besonders große Vogel erst mit einem anderen großen weißen Vogel in diesem unverständlichen Gebrummel unterhielt. Der weiße Große öffnete schließlich die Tür zum Minikäfig und hatte sofort Jule gepackt. Die schrie wieder mit allen Kräften, so dass sie Gustavs hinterher gerufenes „Viel Glück!“ gar nicht mehr hörte.
Eine Minute später saß sie schon wieder neben ihrem Schatz und beruhigte sich langsam.
„Er hat mir nur ein bisschen weh getan, als er meinen Flügel beiseite hob“, schimpfte sie leise und wartete aufgeregt, was denn nun noch kommen mochte.
Der weiße große Vogel kam kurz darauf mit schwarz-weißen Bildern in der Hand wieder ins Zimmer, wo er die Bilder aufhängte.
Gustav sah sie, guckte noch mal hin, und dann schmiss er sich vor Lachen auf den Boden.
„Das bist ja Du....hahaha, ganz nackig...“ Er konnte nicht mehr, und Jule war ein paar Sekunden beleidigt.
Dann fiel sie in sein Lachen ein. „Man, sieht das bescheuert aus... wie dieser komische Bunte-Adler, oder wie das heißt... der aus dem Fernsehen...“
„Jaaa, der, wo die vielen großen Vögel drum rum sitzen und immer so langweilig reden...“
Beide lachten und lachten und fielen sich schließlich prustend in die Arme... äh, Flügel.
„Gebrochen ist nichts,“ brummelte der weiße Vogel „und so wie es aussieht, halten sich die Schmerzen bei ihr wohl auch in Grenzen. Ich würde jetzt nichts weiter unternehmen und erst mal beobachten... vielleicht eine Prellung...“
Beide großen Vögel brummelten noch eine Weile in ihrem Kauderwelsch und tauschten kleine Bilder mit Zahlen drauf aus, dann ging es wieder ins Auto.
Auf der Rückfahrt zeigte Gustav Jule alles, was er auf der Hinfahrt schon entdeckt hatte, und gemeinsam entdeckten sie noch vieles mehr. Sie brabbelten und staunten, lachten, schmusten miteinander, und die Fahrt war leider viel zu schnell zu Ende.
Alle jubelten und umkreisten die Zwei, als sie zurück kamen. Schließlich öffnete der besonders große Vogel den Minikäfig, Gustav flog sofort raus und Jule ein kleines Stück bis zur Volierenwand hinter ihm her. „Autsch“, machte sie. Gustav und die anderen waren sofort bei ihr, sie strahlte und meinte „Geht schon. Ich bin müde.“ Sie kletterte die Wand hinauf und saß schließlich auf dem Dach, wo sie sich eine ruhige Ecke suchte. Sie rief noch einmal nach Gustav. Er kam zu ihr und sie drückte ihm einen dicken Schmatz auf den Schnabel.
„Danke, dass Du dabei warst. Die Zeit verging wie im Fluge.“ Sie kicherte über dieses Wortspiel. „Und so hatte ich überhaupt keine Angst. Du bist mein Allerbester!“
Gustav freute sich sehr darüber, und während Jule es sich zum Schlafen gemütlich machte, flog er zu seinen Freunden und erzählte den Zehn den ganzen Rest des Tages von ihrem Abenteuer.
Von Andreas (Forumsnick: Hägar)