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Erfahrungen mit Krampfanfällen

Erfahrungsbericht von Gabi (Forumsnick "albmaid")

Im September 2004 bat mich unsere Tierärztin bis zum kommenden Frühjahr, einen Vogel aufzunehmen.
Wir nannten ihn Miles. Die ehemalige Besitzerin konnte aufgrund einer Krebserkrankungen den achtköpfigen Schwarm nicht mehr behalten.

Miles, nach seinem Einzug

Miles neues Zuhause war zunächst eine Wintergartenvoliere, die bereits einen Schwarm von 14 Vögeln beherbergte. Obwohl sie groß genug war, kam es zu Problemen bei der Zusammensetzung und unser Miles - als schwächstes Glied in der Kette - bekam die Auswirkungen zu spüren. Die anderen Vögel versuchten ihn zu töten.
Miles konnte nicht fliegen. Er hatte wohl als kleiner Vogel einen Unfall und sich dabei den Flügel gebrochen. Gegen die Schnäbel der anderen konnte er sich nicht wehren und bis die neue Besitzerin eingreifen konnte, hatte er ein schon großes Loch neben dem Schnabel und eine weitere, schwere Bissverletzung im Flügel.
Zur Erholung verbrachte er 10 Tage in der Tierarztpraxis, danach konnte er nicht mehr in die ungeheizte Voliere zurückgesetzt werden. Da wir damals selbst einen flugunfähigen Welli hatte, nahmen wir ihn bereitwillig auf.
Es stellte sich heraus, dass er große Angst vor den anderen Vögeln und vor uns Menschen hatte. Wochenlang saß er in einer Ecke und gab keinen Pieps von sich. Sobald ein Mensch an die Voliere trat, wurde er geradezu panisch. Er sprang förmlich "ins Bodenlose".

Bereits schon voll dabei

Natürlich konnte ich da auf meine Vögel zählen - die beiden alten Hennen hatten eh kein Interesse an ihm und ließen ihn in Ruhe, während Keiko mit unendlicher Geduld und Ruhe sich Tag für Tag in sicherer Entfernung neben ihn hockte und ihm etwas erzählte..

Polsterung

Nach 6 Wochen saßen die beiden dicht nebeneinander und Miles ließ seine ersten sehr leisen Piepser hören.
Bis dahin verließ er noch nicht einmal die immer offene Voliere. Den Käfigboden hatten wir mit Handtüchern ausgelegt - darüber dann Küchentücher und Granulat, so bestand keine "Hängenbleib-Gefahr" wenn er mal herunterfiel.

Der lange Weg nach unten

Sein neu gewonnenes Selbstvertrauen zeigte sich bei der Erkundung seiner Umgebung. Die Lieblingsspielplätze der Vögel hatten wir mit einem breiten Brett mit der Voliere verbunden, so dass er sicher auf Erkundungstour gehen konnte.
Allerdings mussten wir an manchen Stellen nachbessern. Auch mit dem Kopf nach unten konnte Miles nicht klettern und so sprang er oft einfach von den Spielgeräten nach unten.
Also polsterten wir den Großraum um die Voliere und Spielplätze mit Decken aus - Schränke, Fensterbank und Ecken wurden mit Kissen abgedeckt . Wir fertigten passende Bretter an, auf die wir Schaumstoff klebten und mit Kunstleder bezogen - das war weich und abwaschbar.

Miles war zwischenzeitlich ein vollwertiges Mitglied des Schwarm geworden.
Im Käfig war er der Boss - die anderen ließen ihn gewähren, machten ihm Platz und so nächtigte er auf den begehrtesten Plätzen. Keiko betüdelte ihn wo es nur ging und so kam der total verschrobene Miles täglich in den Genuss einer ausführlichen Schnabelmassage - die ihm immer sichtlich gut tat.
Da Keiko sehr in seiner Aufgabe aufging, sah man Miles oft mit gestrecktem Beinchen bäuchlings auf einem Brett in der Sonne liegen ... und Keiko dabei, wie er ihm die ausgestreckten Beine "schnabelmassierte". So wurde Miles beweglicher und noch mobiler.
Mittlerweilen war es Zeit geworden, das er sein Winterquartier verlassen sollte - glücklicherweise war seine Besitzerin so von seinen Fortschritten begeistert, dass sie ihn gern bei uns ließ.

Miles hält seinen Kopf schief

Ein Verdacht hatte sich schon seit längerer Zeit in mir geregt, doch langsam wurde Gewissheit daraus: Miles bekam Krampfanfälle. Die Anfallshäufigkeit nahm stetig zu und eines morgens saß er mit schief gehaltenem Kopf in der Voliere.
Ob er über Nacht möglicherweise einen Schlaganfall hatte, konnte die Tierärztin nicht mehr feststellen - der Kopf blieb jedenfalls in dieser Haltung.
Da unsere Tierärztin nicht weiter wusste, die Medikamente nichts bewirkten und der Anblick wirklich schlimm war, recherchierte ich in verschiedenste Richtungen.
Die epilepsieartigen Anfälle beunruhigten mich sehr, denn ich hatte von Wellensittichen gelesen, deren Anfälle mehrere Stunden andauerten und die danach eingeschläfert werden mussten.
Das wollte ich bei Miles unbedingt vermeiden . Ich war, wenn möglich, gleich bei ihm, wenn er einen Anfall hatte.
Während solcher Anfälle war es Miles wohl nicht bewusst, dass ich ihm meinen Finger in die krampfenden Krallen schob (damit sie sich nicht zu sehr verdrehten). Nach wenigen Minuten kam er wieder zu sich und, noch halb benommen, setzte ich ihn immer schnell an einen sicheren Platz. Nach den Anfällen war er zunächst unglaublich hungrig und schlief dann 1 bis 2 Stunden tief und fest. Zwischen den Anfällen war er fit und munter.

Jack kennt den Weg

Durch Zufall stieß ich auf eine Heilpraktikerin, die just in dieser Zeit einige Bücher über Homöopathie beim Vogel veröffentlicht hatte. Ich rief sie an, bekam eine andere HP empfohlen und schon einige Tage später hatte ich einen Behandlungsplan für Miles.
Die Theraphie bestand aus einer homöopatischen Konstitutionstherapie, zwei Sanum-Präparaten zur Harmonisierung von Leber, Milz und Niere und Farblicht - besonders letzteres genoss Miles in vollen Zügen.
Nach zwei Wochen hatte sich die Kopfhaltung so weit normalisiert, dass wir Miles auch nachts wieder vom Krankenkäfig in die Voliere umsetzen konnten.
Die Häufigkeit der Krampfanfälle wurde stetig geringer und schon nach 4 Wochen hatte er von ehemals täglichen Anfällen nur noch einen pro Woche.

Hinzu kam sein verändertes Verhalten - er war richtig lebensfroh - genoss es ungemein mit Keiko und dem neu hinzugekommenen Jungvogel Jack die Gegend zu erkunden.
Da er jetzt ständig zu Fuß unterwegs war, räumten wir alle Dekogegenständen weg. Er kletterte nämlich mit Vorliebe an diesen hoch, um dann in die Tiefe abzustürzen.
Gerade Strecken konnte er nicht laufen - da der Kopf sich immer noch leicht nach links neigte - er lief alle Strecken in großen Linksbögen. Er war allerdings sehr geschickt darin, sich wieder hüpfend in die richtige Position zu bringen.

Sogar putzen auf der rechten Seite ist wieder möglich

Wenn er doch mal vom richtigen Weg abgekommen war, stand ihm Jack sofort hilfreich zur Seite. Mit viel Geschrei wies er ihm den richtigen Weg und lockte mich aus dem Büro.
Im Dezember 2005 verstarb Esri und im Januar 2006 Keiko. Ich hatte große Befürchtungen, dass sich das Fehlen seines besten Freundes negativ auf Miles Gesundheitszustand auswirken würde. Doch meine Befürchtungen waren umsonst, Jack übernahm die Rolle des Krankenpflegers. Solange Miles die junge Henne Tasha in Ruhe ließ, waren Jack und er beste Freunde.

Eineinhalb Jahre nach seinem Einzug in unser Heim starb Miles an einer Bakterieninfektion. Er wurde 9 Jahre alt. Obwohl er mit vielen Handycaps belastet war, kann ich doch mit Überzeugung sagen, dass er, nach seiner Eingewöhnung, eine wundervolle, ausgefüllte Zeit bei uns verbracht hat. In den letzten 4 Monaten seines Lebens hatte er keinen weiteren Krampfanfall mehr. Seine Lebensfreude wurde durch seine Flugunfähigkeit nicht gemindert, er kam sehr gut mit seiner Behinderung zurecht.

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