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Schlaganfall

von Claudia (Forumsnick: “PuCo”)

Im Zuge der “Mannheim-Aktion” des VWFD , die ich gerne unterstützen wollte, landete auf vielen Umwegen, schließlich ein kleiner, olivfarbener Welli bei mir in Berlin. Ich hatte Dagmara, die sich aufopfernd um die Vermittlungen gekümmert hat, gebeten, mir einen Welli zu vermitteln, der möglicherweise aufgrund einer Behinderung etwas schwieriger unterzubringen sei. Sie schickte mir daraufhin Fotos von einem kleinen Federknäuel, das mit gesenktem Kopf auf dem Käfigboden saß. Sie fragte mich, ob ich mich dieses Kleinen annehmen möchte. Ich erfuhr, dass er aufgrund eines genetischen Defektes keine Schwungfedern hatte, also nicht fliegen konnte. Außerdem schien er einen Schlaganfall erlitten zu haben.
Ich willigte ein ihn aufzunehmen und durfte, an einem Freitag im Januar, endlich meinen kleinen Mucki in den Händen halten. Sein Zustand erschreckte mich: Klein und zusammengekauert saß er in seiner Transportbox, das Köpfchen war in Schräglage und wackelte recht stark hin und her.
Mucki aus Mannheim Natürlich stellte ich ihn gleich meiner vogelkundigen Tierärztin vor. Diese vermutete hinter dem „Wackelköpfchen“ ebenfalls einen oder mehrere Schlaganfälle. Sie stellte Mucki für das Trinkwasser eine spezielle Mixtur aus Cactus, Vitamin B und Cerebrum zusammen. Zu Hause angekommen, setzte ich Mucki ersteinmal in einen extra Käfig. Wie schon bei der Untersuchung in der Praxis, drehte er sich auch jetzt wieder vor Aufregung mehrmals am Boden im Kreis, bis er sich wieder etwas beruhigt hatte. Mir war dabei schon etwas beklommen zumute und ich fragte mich, wie das weitergehen könnte …
In den nächsten Tagen machte Mucki keinerlei Anstalten, vom Boden hochzuklettern und sich auf eine Stange zu setzen. Ich hatte breite Mangrovenklötzchen, Sitzbrettchen und natürlich Stangen eingebaut, aber all das schien Mucki nicht zu reizen, den Boden zu verlassen.
Erfreulicherweise knabberte er aber an allem herum, was ihm vor den Schnabel kam. Vor allem Leckereien wie Hirse, aber auch Gurke und Chicoree hatten es ihm angetan. Er untersuchte den Käfigboden, spielte ausgiebig mit einem Gitterbällchen, plapperte viel und war munter.

Aufgrund des Schlaganfalles ist seine Koordination etwas eingeschränkt und er kann sich auch nur recht langsam fortbewegen.

Die Kombination aus gesundem Appetit und eingeschränkter Bewegungsfähigkeit führte schließlich dazu, dass Mucki zusehends pummeliger wurde. Ich musste mir also etwas einfallen lassen, um ihm ein bißchen mehr Bewegung zu verschaffen. Mucki bekam daraufhin ein eigenes kleines „Trainingsprogramm“, das sich folgendermaßen gestaltete:
Mucki hatte glücklicherweise sehr bald gelernt, auf einen Finger zu klettern, wenn man diesen gegen seinen Bauch drückte. Auf diese Weise holte ich ihn vorsichtig aus dem Käfig heraus und war nicht gezwungen ihn einzufangen. Da Mucki auf Stress oder auch Schrecksituationen gelegentlich mit Panikattacken reagiert, war ein sehr behutsames Vorgehen vonnöten.
Auf dem Fußboden baute ich aus verschiedenen Gegenständen (z.B. Büchern oder dickeren Zweigen) ein kleines Areal und setzte Mucki hinein. Da Mucki sich nicht so gut auf den Fingern festhalten konnte, stellte ich sicherheitshalber den Käfig zum Rausholen auf den Fußboden, damit er sich bei einem eventuellen Sturz nicht verletzen konnte.
Mucki liebt seine bunten Gitterbälle Bald hatte ich herausgefunden, dass Mucki alles liebt, was bunt ist und Krach macht. Und das machte ich mir für Muckis Trainingsprogramm zu Nutzen. Ein bunter Gitterball mit Glöckchen wurde zu Muckis Sparringspartner. Ich kullerte den Ball vorsichtig und langsam vor Muckis Schnabel hin und her (zu schnelle Bewegungen irritieren ihn und versetzen ihn in Panik) und er begann, hinter dem Ball herzutapsen. Der Grundstein für das Lauftraining war also gelegt. Nach etwa 10 Tagen begann ich damit, leicht ansteigende Leitern, die ich z.B. an eine halbe Korkröhre lehnte, aufzubauen. Mit Hilfe des Balles, den ich als Anreiz benutzte, versuchte ich dann, Mucki die Leitern hinaufklettern zu lassen. Hierbei machte Mucki nur sehr langsam Fortschritte. Anfangs nahm er nur die erste Stufe und wusste dann nicht mehr, was er tun sollte. Die Tierärztin hatte mir auch gesagt, dass es für Vögel, die einen Schlaganfall erlitten haben, oft sehr schwierig ist, nach oben bzw. unten zu klettern. Da er aber viel Spaß zu haben schien mit seinem Bällchen und wild damit plapperte, machte ich mit dem “Training” weiter. Mit der Zeit lernte er, die Leitern hinaufzuklettern, und nach noch längerer Zeit, konnte er sie auch wieder hinunterklettern.

Zwischendurch versuchte ich immer wieder Mucki in seinem Käfig auf eine Stange zu setzen, aber er konnte sich nie lange oben halten und plumpste herunter.

Wegen der fehlenden Schwungfedern kann er seine Stürze nicht abmildern. Aus diesem Grund habe ich den Käfigboden dick mit mehreren Küchenhandtüchern und darüber gelegten Küchenpapier gepolstert. Bis dahin wusste ich nicht, warum Mucki sich nicht auf einer Stange halten konnte: Lag es an den Folgen des Schlaganfalls oder war lediglich seine Muskulatur nicht kräftig genug? Ich wusste ja nicht, wie er bisher gehalten worden war. Hatte er überhaupt jemals klettern können?
Ich wollte einfach ganz fest daran glauben, dass Mucki dazu fähig war, Neues zu lernen und Muskulatur aufzubauen. Dabei vertraute ich auf seine Neugier und auf meine Geduld. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich selbstverständlich Mucki nicht einem stressigen Training unterzogen habe.
Sobald ich den Eindruck hatte, dass er ermüdete, unterbrach ich das Ganze sofort und ließ ihn in Ruhe.
Zwischenzeitlich war Mucki sehr zutraulich geworden. Versuchsweise ließ ich ihn nun langsam raus, wenn die anderen Wellis Freiflug hatten. Leider geriet er immer schnell in Panik, wenn sich ihm ein Welli näherte und Kontakt knüpfen wollte. Die Wellibewegungen sind ihm einfach zu schnell und zu heftig und lassen ihm zu wenig zeitlichen Spielraum, um darauf zu reagieren. Das hat sich bis heute wenig verändert, leider.

Mucki wird mutiger

Aber Mucki machte nun auch viele Fortschritte! Er begann endlich seinen Käfig oberhalb des Bodens zu erkunden und kletterte am Gitter herum. Außerdem setzte er sich auf seine Stangen und die Zeitspanne wurde immer länger, in der er sich oben halten konnte. Dies war für mich ein Beweis dafür, dass Mucki die Muskulatur gefehlt hatte. Auch an seinen Füßchen, wenn sie die Finger umgriffen, merkte ich, dass seine Fußmuskulatur kräftiger geworden war.
Zwischenzeitlich waren Mucki und ich natürlich ein Herz und eine Seele geworden. Ich baute ihm aus einem sehr großen Käfigunterteil, das mir Christine (Elster) zur Verfügung stellte, eine „Muckibude“. Den Boden habe ich mit Tüchern und Küchenpapier schön ausgepolstert . In diese Plastikwanne stellte ich einen kleinen Spielplatz. Mucki kann über eine flache Leiter dahin klettern. Außerdem gibt es noch ein Stück Korkröhre zum Schreddern, verschiedene Gitterbälle, Glöckchen und natürlich Muckis “Auto”, mit dem er sich gerne herumfahren lässt.
Ich habe zweimal versucht, Mucki einen Partner in seinen Käfig zu geben, aber das hat leider nie funktioniert. Wie weiter oben schon beschrieben, kommt Mucki mit der Geschwindigkeit der anderen Wellis nicht zurecht und ist schnell überfordert, was dann wiederum zu seinen Panikattacken führt. Aus diesem Grund kann er auch nicht mit den anderen auf den Spielplätzen und Käfigen herumtoben. Diese Versuche endeten immer sehr kläglich.
Ich versuche, Stressfaktoren soweit als möglich für ihn zu reduzieren, um die Gefahr eines weiteren Schlaganfalls zu mindern.

So lebt Mucki in einem speziell für ihn eingerichteten Käfig, mit niedrigen Stangen,eine davon gepolstert, und weich ausgelegtem Boden, damit er sich bei seinen gelegentlichen Abstürzen nicht verletzen kann. Die Käfigeinrichtung verändere ich immer nur geringfügig, da es Mucki schwer fällt, sich in neuer und unbekannter Umgebung zurechtzufinden. Natürlich steht sein Käfig im gleichen Zimmer mit den anderen Wellis.

Mucki fühlt sich wohl

Mucki hat sich mittlerweile super eingelebt. Er ist ein sehr selbstbewusster Welli geworden, der mir gerne klare Ansagen macht, wenn ihm was nicht passt. Bin ich zu Hause, setze ich Mucki in seine “Muckibude”, wo er dann spielt und herumtobt. Er ist dann gemeinsam mit den anderen Wellis draußen, aber ich habe immer ein Auge auf ihn, damit ihn keiner ärgern oder gar verletzen kann. Selbstverständlich versuche ich Mucki, soweit es für ihn möglich ist, in das Schwarmleben einzubinden. Hin und wieder gibt es vorsichtige Kontakte zwischen ihm und den anderen Wellis, die ihn in seiner Muckibude besuchen kommen. Dabei muss ich die anderen Wellis gut im Blick behalten. Heftige Schnäbeleien machen ihm Angst und manchmal wird er auch gehackt. Mucki zwitschert aber kräftig den ganzen Tag über mit den anderen Wellis mit und scheint sein Leben in vollen Zügen zu genießen.

Ich bin sehr froh, dass wir den kleinen Mannheimer bei uns aufgenommen haben, der uns jeden Tag aufs Neue zeigt, was er doch für ein toller und liebenswerter kleiner Federball ist!

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